Ruinen-Romantik

So schön sieht die Grottenburg Balm aus der Luft aus

Die Ruine Balm, eingebettet in den Fels. Dank einer Drohne ist sie als Ganzes gut erkennbar. Die heute sichtbaren Tür- und Fensteröffnungen sind bei einer Restaurierung «verunechtet» worden.

Die Ruine Balm, eingebettet in den Fels. Dank einer Drohne ist sie als Ganzes gut erkennbar. Die heute sichtbaren Tür- und Fensteröffnungen sind bei einer Restaurierung «verunechtet» worden.

Die Grottenburg Balm bei Günsberg gilt als eine der schönsten der Schweiz. Seit rund 500 Jahren wohnt niemand mehr dort. Die Familie der einstigen Bewohner war in einen Königsmord verwickelt. Wer den Aufstieg in die Felsenburg heute wagt, wird mit einer fantastischen Aussicht belohnt. Ein Augenschein mit einer Drohne bietet neue Ansichten auf die Felsen und das alte Gemäuer.

Zuerst ziemlich weit zurück: Was da senkrecht in die Höhe ragt, sind verdichtete, rund 150 Millionen Jahre alte Ablagerungen aus der Zeit, als hier noch Meeresschildkröten nach Meeresalgen und Schwämmen suchen und Dinosaurier entlang der tropischen Lagune stapfen. Als sich im Laufe von vielen Millionen Jahren der afrikanische Kontinent nordwärts zu verschieben beginnt, richtet sich das Kalkgestein allmählich in die Vertikale und faltet sich zum heutigen Jura. Wasser, Schnee und Eis haben die steilen Felswände rund um die Burg in faszinierende, abstrakte Gemälde verwandelt. Grünliche Algenfilme und der rötliche Rost von eisenhaltigem Gestein bilden Akzente.

Man fühlt sich damals hinter den mehr als zwei Meter dicken Mauern der Felsenburg hoch über dem Grund wohl recht sicher und geniesst erst noch einen fantastischen Ausblick übers Mittelland bis hin zu den Alpen. Kein Wunder, gilt die Balmer Grottenburg – einige der wenigen im Land – mitunter als die schönste.

Vermutlich aus dem 11. Jahrhundert

Es sind Vorfahren der Herren von Balm, die dieses einstige Bijou der schweizerischen Burgenszene vermutlich im 11. Jahrhundert bauen. Es liegt zwanzig Meter über Grund in einer sechs Meter tiefen, natürlichen Felsennische. Die Adeligen der Balms leben nicht sehr lange dort und verlegen ihren Lebensmittelpunkt auf die Festung von Altbüron beim heutigen Willisau. Der ursprüngliche Stammsitz in Balm wird fortan wahrscheinlich nur noch von Dienstleuten bewohnt.

Doch erste Spuren menschlichen Lebens rund um diesen bemerkenswerten Flecken unterhalb der Balmfluh sind sehr viel älter und reichen bis in die Jungsteinzeit zurück, wie ausgegrabene Pfeilspitzen belegen. Die Felsengrotte dürfte den Menschen von damals ein willkommener Unterschlupf gewesen sein.

Zurück zum Mittelalter. Einer der berühmtesten Freiherren der Adelsfamilie ist Rudolf II. von Balm. Am 1. Mai 1308 beteiligt er sich in der Nähe von Windisch an der Ermordung des Habsburgers Albrecht I., König des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Das Mordmotiv ist ein Erbstreit mit dem Neffen Albrechts, Johann von Schwaben. Als Rache zerstören die Habsburger die Festung Altbüron, den Hauptwohnsitz der Balms. Festungsbewohner werden enthauptet, Besitztümer beschlagnahmt, und die Burg wird zerstört. Rudolf von Balm kann fliehen und verbringt den Rest seines Lebens vermutlich in einem Basler Kloster. Da die Freiherren zur Zeit des Königsmordes nicht mehr in der Grottenburg wohnen, bleibt sie vom Rachefeldzug verschont.

Nach dem Mord wird Graf Otto von Strassberg, Reichslandvogt von Burgund, neuer Herr der Grottenburg Balm. Im Laufe der Jahrhunderte wechselt sie häufig den Besitzer. 1320 etwa geht sie an einen hohen Beamten von Solothurn. Ab 1400 ist die Burg verwahrlost. Nachfolgende Burgherren vernachlässigen notwendige Sanierungen. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ist die Burg eine Ruine. 1969, nach einer Restaurierung, übergibt sie der Historische Verein des Kantons Solothurn dem Staat.

Ein geheimnisvoller Besucher

Was heute in der Felswand oberhalb von Balm zu sehen ist, sind nur noch klägliche Überreste einer einst ansehnlichen Anlage. Ursprünglich besteht sie aus drei Bereichen: einem Ökonomiegebäude am Fusse des Burgfelsens, dem langgezogenen Aufgang über eine Felsrampe, auf der man auch hoch zu Pferd zum dritten Bereich gelangt, zur eigentlichen Kernburg in der natürlichen Grotte. Wie hoch die Burg einst war, ist unbekannt.

Möglicherweise bestand der obere Teil aus Holz. Die heute sichtbaren Tür- und Fensteröffnungen sind bei einer Restaurierung «verunechtet» worden, wie in einem Fachartikel zu lesen ist; sie sind also nicht original. Ebenso wenig original ist der heutige schmale und etwas halsbrecherische Aufstieg. Auch er ist neueren Datums und hat mit dem alten nicht viel gemeinsam.

Derweil nagt der Zahn der Zeit weiter am historischen Gemäuer und an umgebenden Felsen. Gefahrentafeln warnen vor Steinschlag. Seit 2005 in der Nähe angeblich ein Steinbock gesichtet worden ist, hält sich hartnäckig das Gerücht, dass es diese Alpenbewohner seien, die immer wieder für herunterfallende Steine sorgen. Darauf angesprochen meint Pascale von Roll, Gemeindepräsidentin von Balm, sie wisse nichts von Steinböcken. Das Tier von damals habe sich wohl aus einem weiter entfernten Ort nach Balm verirrt. Gesichtet wurde der geheimnisvolle Besucher seither nie mehr.

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