«Singen und Jodeln gehören zu meiner DNA», lacht die 68-jährige Verena von Wartburg, deren Kindheitserinnerungen mit dem Jodlerklub Zytröseli verbunden sind, dem sie seit 51 Jahren angehört. «Ich bin mit ihm aufgewachsen. Mein Vater Linus Scheidegger sang als Tenor im Jodlerklub, den er vor 85 Jahren mitgründete. Als ich mit neun Jahren meine Mutter verlor, verstummte er. Nach einem Jahr fing er wieder mit jodeln an. Wir jodelten gemeinsam bei der Stallarbeit. Doch die hohen Töne wollten nicht mehr gelingen und mein Vater trat nur noch als Sänger öffentlich auf.»

Da die Tochter eine tragfähige Stimme besass, beschlossen er und Primarlehrer Bernhard Hofmeier, der auch den Jodlerklub dirigierte, dass das Mädchen an den Zytröseli-Sonntagmorgenständli mitsinge. «In der fünften Klasse musste ich nach dem Unterricht mit Hofmeier Atemtechnik üben und Jodellieder singen.» Siebzehnjährig trat sie dann offiziell in den Klub ein. In fünf Jahrzehnten als aktive Jodlerin wie auch als Klubpräsidentin und «Einspringdirigentin» hat sie ein vielfältiges Repertoire gesungen, ist mit dem Verein verwachsen. Ein spannendes Kapitel im Erinnerungsbuch sind die Fernseh-Aufzeichnungen.

Wysel Gyr und Stromausfall

TV-Pionier und «Ländlerpapst» Wysel Gyr lernte sie quasi zwischen Tür und Angel kennen. «Aufnahmen für Radio und Fernsehen verliefen stets nach eingespieltem Muster. So auch die Aufzeichnung beim Eidgenössischen Jodlerfest 1990 in Solothurn, als ich für Radio DRS ein Solo singen durfte. Ich wollte zur Türe herein und der rundliche Wysel Gyr gleichzeitig hinaus. So haben sich zuerst unsere Bäuche begrüsst ...», schmunzelt sie.

Zweimal gastierte sie in Paul Stuckis legendärer «Musigstubete». «Wobei unsere Geduld bei der Live-Sendung auf der «Siesta» herausgefordert wurde. Um 19 Uhr sollte es losgehen. Das Publikum war erwartungsvoll gestimmt und wir fertig eingesungen, als ein Stromausfall den Beginn verhinderte. Obschon die Techniker ein Ersatzteil aus Bern beschafften, dauerte es bis gegen Mitternacht, bis wir endlich loslegen konnten. Wir reagierten wie echte Profis, juchzten nach dem langen Warten motiviert und fröhlich in die Kamera.»

Lachend erinnert sie sich an eine Situation, als sie selbst der Auslöser für die Verzögerung war. Damals, auf dem Heimweg vom Jodlerfest in Davos, verpasste sie mit einer Kollegin beim Umsteigen den richtigen Zug. Es folgte eine «Extrafahrt» über Bern und mit der RBS zurück nach Solothurn. «In Biberist wurden wir von einem Auto abgeholt. Trotz Reisestress und Nervenflattern kamen wir nur wenige Minuten zu spät zum offiziellen Empfang in Derendingen und ich konnte als Präsidentin den Jodlern und den Behörden danken. Unser Vize war wohl am meisten erleichtert, sonst hätte nämlich er zur Empfangsdelegation sprechen müssen.»

Bis nach Polen reiste sie mit dem Jodlerklub Balsthal, als sie in der Kirche der Partnergemeinde als Einspringerin die Jodlermesse dirigierte. «An der Veranstaltung war auch der Schweizer Botschafter mit dabei. Von ihm hiess es, er verabschiede sich jeweils schnell wieder. Bei uns ist er bis zum Schluss geblieben und kam am anderen Morgen in den Gottesdienst. Am meisten berührte mich jedoch, als eine alte Frau mit Blumen auf mich zukam und in gebrochenem Deutsch meinte: ‹Ich auch Schweiz›.»

Ehemann unterstützte

Kameradschaftlich verbunden lachen und auch besinnliche Momente erleben, macht den Zytröseli-Geist aus, zu dem Verena von Wartburg als fürsorgliche «Vereinsgluggere» massgeblich beiträgt. Obschon sie vier Kinder aufzog und mit ihrem Mann bis vor wenigen Jahren einen Bauernhof in Oberrüttenen bewirtschaftete, konnte sie sich immer für Proben und Vereinsanlässe freimachen.

«Mein Mann hat mich stets unterstützt. Obschon es vor vierzig Jahren noch nicht modern war, brachte Otto an Probeabenden die Kinder zu Bett und hielt mir den Rücken frei», lobt sie den Partner. Er wird mit dabei sein, wenn Verena von Wartburg am Donnerstag mit ihren Kolleginnen und Kollegen in der Marienkirche Solothurn singt.

Donnerstag, 16. August, 19.30 Uhr, Musikalische «Benefiz-Andacht» mit dem Jodlerklub Zytröseli Derendingen, Marienkirche Solothurn, Kollekte für die Schwesterngemeinschaft im Kloster Visitation Solothurn.