Biberist
Sie steht im Einsatz für eine Nobelpreisträgerin – «persönlich habe ich Malala aber noch nie getroffen»

Sems Sera Leisinger war Gast am Sïdefin-Festival in Biberist, wo sie über das Wirken von Malala Yousafzai, Kinderrechtsaktivistin aus Pakistan und Friedensnobelpreisträgerin, erzählte.

Urs Byland
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Sems Sera Leisinger setzt sich für den Malala Fund ein.

Sems Sera Leisinger setzt sich für den Malala Fund ein.

uby/key

Begegnungen ermöglichen, war das Ziel der Organisatoren des Sïdefin-Festivals in der Alten Turnhalle Biberist. Eine solche Begegnung boten Erwin Bader, Roger Jan Kaufmann und Bärnu Anderegg in der Person von Sems Sera Leisinger, die sie in Badenweiler (D) anlässlich einer Ausstellung von Bader kennenlernten. Am letzten Festivaltag erzählte Sems Sera Leisinger über Pakistan und von ihrem «Patenkind».

Für das Recht auf Bildung

Der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown initiierte eine Petition in Malala Yousafzais Namen «zur Unterstützung dessen, wofür Malala gekämpft hat». Im Dezember 2012 wurde in Zusammenarbeit mit der Unesco der Malala Fund gegründet, um weltweit das Recht von Kindern auf Bildung durchzusetzen. Malala Yousafzai (geboren 1997) erhielt 2014 den Friedensnobelpreis gemeinsam mit dem Ingenieur Kailash Satyarthi. Der indische Kinderrechts- und Bildungsrechtsaktivist hat bisher mit seiner «Rettet-die-Kindheit-Bewegung» bis zu 80 000 Kinder aus Sklavenarbeit befreit und bei ihrer Re-Integration in menschenwürdigere Verhältnisse mitgeholfen. Die 61-jährige Sems Sera Leisinger ist Mutter von zwei Kindern und lebt in Liechtenstein und Deutschland. Die Deutsche mit kurdisch-persischen Wurzeln berät internationale Firmen, die im Nahen Osten investieren. «Beispielsweise wollte Europapark in der Türkei ein Projekt realisieren. Das wurde jetzt aber wegen der Unruhen auf Eis gelegt.» (uby)

Noch am Vortag habe sie mit Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai «geskypt», das heisst via Internet kontaktiert, und gefragt, was sie den Schweizern mitgeben soll. Malala Yousafzai habe geantwortet, eine grosse Liebe und tiefste Umarmung. «Ich habe sie persönlich noch gar nie getroffen. Sie ist UNO-Botschafterin geworden, hat bis jetzt 24 Operationen durchgemacht. Deswegen, aber auch aus Sicherheitsgründen, ist es schwierig, einen Termin zu finden. Aber sie weiss, was ich mache und unterstützt diese Arbeit.»

Begegnung in Schottland

Patin für die heute 20-jährige Malala Yousafzai wurde sie vor einem Jahr. Im 2015 eingerichteten Friedenspark von Herringen Hamm (D) wurde der jungen pakistanischen Frau wie bereits anderen Menschen, die sich für den Frieden einsetzen, ein Baum gewidmet.

Auf einer Pilgerreise nach Schottland – «die christliche Religion ist für uns Muslime eine wichtige Religion» – wurde Leisinger von einem Paar angesprochen, das den Friedenspark in Hamm mitbetreut. «Meine Geschichte hat sie sehr berührt, worauf sie mich anfragten, ob ich, weil Malala nicht kommen konnte, bei der Ehrung für Malalas Aufnahme in den Friedenspark die Laudatio halten würde.» Leisinger informierte Malala Yousafzai darüber und erhielt die Zustimmung.

Muslimische Frauen-Biografie

«Ich hatte als Kurdin mit Abstammung aus Persien das Glück, dass ich in der Türkei in Anatolien die Schule besuchen durfte. Ich musste nicht wie Malala für meinen Schulbesuch kämpfen. In der Türkei ist der Schulbesuch Pflicht, auch für Mädchen.» Sems Sera Leisinger betont diesen Umstand, denn sie sei in eine muslimische Kultur hineingeboren worden, «in der ich wahrscheinlich nicht in die Schule geschickt worden wäre».

Sie könne sich deshalb gut in Malala Yousafzais Leben hineinfühlen. «Wir sind uns geschichtlich, literarisch, sprachlich und auch in Bezug auf die Religion sehr ähnlich. Ich habe vieles am eigenen Leib erfahren, was Malala widerfahren ist. Ich kenne mich aus in dieser Kultur und kann mich in vielen Dingen mit ihr identifizieren.»

Und sie finde es grossartig, dass Malala Yousafzai sich von diesem Anschlag nicht beirren liess und weiter dafür kämpft, Mädchen einen Schulbesuch zu ermöglichen. «Rund 130 Millionen Mädchen, hauptsächlich in arabisch-muslimischen Ländern wird ein Schulbesuch verweigert. Malala Yousafzai setzt sich für sie ein.»

Unterwegs für Malala

Damit hat sich für Sems Sera Leisinger eine neue Welt geöffnet. Sie wird für Lesungen eingeladen, wo sie aus Malalas Buch vorliest, und sie wird an Schulen eingeladen. «Ich mache das sehr gerne. Ich möchte den Kindern erklären, wie schön sie es haben, in die Schule gehen zu dürfen, während in anderen Ländern Kinder dies nicht können.»

Am Festival wurde Sems Sera Leisinger ein Check für den Malala Fund überreicht. Von jedem Ticket gingen 5 Franken an die Stiftung. Zusätzlich haben die jungen Musikgruppen, welche am ersten Festivaltag musizierten, ihre Kollekte für den Malala Fund gespendet. «Eine wirklich tolle Geste», finden die Organisatoren und Leisinger. Aktuell fliesse Geld vor allem nach Jordanien, um dem Land mit den vielen Flüchtlingen zu helfen.

Gefährdete Bloggerin

Malala Yousafzai begann als Elfjährige auf einer Website der BBC in einem Blog-Tagebuch unter dem Pseudonym Gul Makai über Gewalttaten der pakistanischen Taliban im Swat-Tal zu schreiben, die dort eine Terrorherrschaft errichteten. Die Taliban hatten ab 2007 begonnen, gezielt Schulen für Mädchen zu zerstören. Ein BBC-Reporter wollte eine betroffene Schülerin berichten lassen, und sprach den Leiter einer Privatschule an, der schliesslich seine Tochter Malala vorschlug. «Sie war in Pakistan und Teilen von Indien unter ihrem Pseudonym sehr bekannt vor dem Anschlag der Taliban. Sie dachte, glaube ich, Taliban würden Kindern nichts antun, weshalb sie in ihren Aussagen gegen deren barbarisches Vorgehen sehr weit ging», sagt Sems Sera Leisinger. Malala Yousafzai sei eine der ersten gewesen, welche die Untaten der Taliban benannte. Das pakistanische Kulturministerium übergab ihr für ihren Kampf gegen die Taliban einen internationalen Preis. «Die Taliban sind beinahe verrückt geworden und fragten sich: Warum weiss die Welt so viel von unseren Taten?» Mit der Preisübergabe wurde Malalas Identität preisgegeben. «Am 9. Oktober 2012 haben Motorradfahrer den Schulbus von Malala angehalten. Es fuhren zehn, zwölf Mädchen mit. Sie fragten nach Malala. Dann haben sie gezielt auf ihren Kopf geschossen.» Schwer verletzt wird sie in ein Militärspital gebracht. Einem britischen Ärztepaar sei es unter schwierigen Bedingungen gelungen Malala Yousafzai nach England zu transportieren. Jetzt lebe sie in Birmingham, studiere und setze sich weltweit für den Schulbesuch von Mädchen ein. (uby)