Die Pflege von Sterbenden hat im letzten Jahrzehnt eine starke Wandlung erfahren. Für die Sterbenden ein Wandel zum Guten. Wusste früher von den verschiedenen Akteuren wie Arzt, Spital, Spitex, Angehörige und Bekannte oft die linke Hand nicht, was die rechte tut, ist der modernste Ansatz gerade vom Palliative-Care-Team der Spitex Aare in einem Pilotprojekt des Kantons getestet worden. Wie sieht aber heute die Arbeit im Palliative-Care-Team konkret aus?

Nadja Affolter, die das Palliative-Care-Team Spitex Aare Hessigkofen seit kurzem leitet, und Susi Glutz, Leiterin des Palliative-Care-Teams Spitex Aare Selzach, wissen das am besten. Glutz absolvierte 2008 die Ausbildung für diese Aufgabe. Erstmals habe sie im Jahr 1998 von einer Palliativebetreuung gehört. «Ich wusste damals nicht so recht, was das ist. Wir haben ja auch Sterbebegleitung gemacht im Altersheim. Bei der Palliativbetreuung bereitet man sich stärker darauf vor, was passieren könnte. Man ist viel sicherer und weiss, wie man reagieren muss.» Es sei, wie wenn die Sterbebegleitung einen Namen bekommen habe, ergänzt Affolter. «Man hat gemerkt, dass es ein hochkomplexer Prozess ist, in dem man zusammen mit den Angehörigen handelt.»

Viele Sterbende durchlaufen mehrere klar umschriebene Phasen. Sie verdrängen zuerst den Gedanken ans Sterben. Dann kommt die Aggression, die Frage, warum ich, und auch die Aggression gegenüber den Angehörigen. Später folgt das Akzeptieren und danach das sich Dreinschicken und der Wunsch, die verbleibende Zeit noch zu nutzen, für Gespräche beispielsweise. Aber jedes Sterben sei individuell. «Immer wieder werden die Mitarbeiterinnen des Palliative-Care-Teams mit Unerwartetem, Neuem konfrontiert», sagt Nadja Affolter. Die Mitarbeiterinnen seien bestrebt, die körperlichen, seelischen und geistigen Leiden zu lindern. Es gibt aber auch Leute, die beispielsweise kaum Schmerzmittel wollen. «Ich weiss nicht warum. Aber man muss die Entscheidungen akzeptieren», sagt Susi Glutz.

Patientenverfügung ist ein Muss

Wann kommt das Palliative-Care-Team zum Einsatz? Im Alltag haben die Spitexmitarbeiterinnen die wichtigen Informationen meist von ihren Spitexeinsätzen. «Plötzlich essen die alten Menschen nicht mehr, sie sind nicht mehr gut zu Fuss, es geht ihnen schlechter, es reduziert sich alles. Dann wird für mich klar, dass der Abschied vom Leben kommt», so Nadja Affolter. «Oder die Angehörigen rufen uns, aber meist erst relativ spät», sagt Susi Glutz. Von diesem Zeitpunkt an ist das Team 24 Stunden erreichbar. Oft startet ein Einsatz auch mit einer Zuweisung der spitalexternen Onkologiepflege, des Spitals oder des Arztes. Die Spitex organisiert dann, wenn möglich, ein Rundtischgespräch mit allen betroffenen Diensten und den Angehörigen. «Das machen wir, wenn die Sterbenden über ihren kommenden Tod reden können. Dann beziehen wir auch die Seelsorger mit ein oder Freunde.» Schwieriger werde es, wenn die Sterbenden nicht wollen, dass beispielsweise die Spitex mit dem Arzt Kontakt aufnimmt.

Gearbeitet wird mit dem Palliativ-Betreuungsplan. «Darin enthalten sind die Wünsche der Sterbenden, die zu ergreifenden Massnahmen beispielsweise bei Schmerzen, Atemnot und Übelkeit. In den letzten Tagen vor dem Tod intensiviert sich der Einsatz des Palliative-Care-Teams. «Wir gehen fünf, sechs Mal täglich vorbei. In der Nacht werden auch Einsätze gemacht, und unsere Erreichbarkeit ist mit dem Pikett-Natel gewährleistet. Es gibt auch Situationen, bei denen wir zu zweit pflegen gehen müssen», so Nadja Affolter. Wichtig sei es, die Lebensqualität so gut als möglich zu erhalten. Und in einem Punkt besteht für die beiden Frauen Klarheit: «Eine Patientenverfügung sowie ein Vorsorgeauftrag sind heute Pflicht. Das muss einfach gemacht werden. Wenn ich nicht mehr sagen kann, wie ich es will, dann wird einfach gemacht», so Glutz.

Der Tod wird verdrängt

Aktuell werden in Hessigkofen drei Personen und in Selzach eine Person betreut. Für die Mitarbeiterinnen besteht die Möglichkeit, nach dem Einsatz darüber zu sprechen. In diesen Gesprächen wird auch die eigene Beziehung zum Sterben und zum Tod ein Thema. Dabei machen Nadja Affolter und Susi Glutz die Erfahrung, dass das Tabu, über den Tod zu reden, nach wie vor weit verbreitet ist. «Es ist irgendwie eine Angst vorhanden, wenn man über den Tod redet, dass er dann kommt», erklärt Susi Glutz. Ein Tabu sei nur schon das Wort Sterben, ergänzt Affolter. «Es ist für viele emotional schwierig, dieses Wort in den Mund zu nehmen. Dabei geht es um das Loslassen können. Oft will man eigentlich noch nicht gehen. Man will den Angehörigen nicht wehtun.»

Bei Männern falle häufig auf, dass sie den Tod verdrängen würden. Susi Glutz erinnert sich aber auch an die Tochter mit einer todkranken Mutter. «Sie sagte, die Grippe werde sich schon bessern. Sie verdrängte den Tod total. Und als die Tochter eine Suppe kochte und der Mutter erklärte, die müsse sie jetzt trinken, dann werde die Grippe schon weggehen, habe ich gesagt, ihre Mutter muss gar nichts, sie stirbt. Nutzen Sie doch jetzt die Zeit, die ihr noch zusteht, miteinander zu reden.»