Nach der Veröffentlichung des Berichts in dieser Zeitung zum Baugesuch für den Sexbetrieb an der Römerstrasse 12 in Bellach meldete sich der Betreiber. Er hat in der Zwischenzeit die Betriebsbewilligung erhalten und seinen Sexbetrieb Studio Paradiso nach einer Zwangspause wieder geöffnet.

Der gebürtige Ungar Pesche (Name der Redaktion bekannt), verheiratet und Vater zweier Kinder, bezeichnet sich als Unternehmer, der einen rechtmässigen Betrieb führt. Neben dem Betrieb in Bellach betreibt der 54-jährige Pesche zwei weitere Studios in Biel und Steffisburg.

Wie lief das ab mit der Zwangsschliessung?

Pesche: Laut Mietvertrag darf ich hier einen Studio-Betrieb führen. Ein Stammkunde, der früher bei der Polizei arbeitete, hat mich aber darauf hingewiesen, dass seit 1. Januar 2016 mit dem neuen Arbeits- und Wirtschaftsgesetz neue Regeln gelten. Bisher brauchte es keine Betriebsbewilligung, neu braucht es eine. Das teilte ich sofort den Vermietern mit, die daraufhin auch ein Baugesuch einreichten.

Und Sie haben auf der Gemeindeverwaltung für eine Betriebsbewilligung angefragt.

Ja, das war im Juli 2016. Aber dort wusste man nichts von der neuen gesetzlichen Situation. Ich habe erklärt, dass ich das Studio übernehme und mich nun anmelden möchte. Der Bearbeitende hat mich mit grossen Augen angeschaut. Er wisse schon, dass hier seit Ewigkeiten ein Studio sei, aber man müsse sich nicht anmelden. Ich sagte, so oder so habe ich mich nun gemeldet.

Und trotzdem erhielten Sie eine Busse?

Vor einem Monat erhielt ich den Anruf einer der Damen an der Römerstrasse 12. Ich war im Ausland. Die Polizei sei gerade im Haus. Ich sagte, kein Problem, es sei alles rechtens. Das war es aber nicht. Die Polizistin kam ans Telefon und sagte, sie wisse, dass eine Bewilligung unterwegs sei, aber dennoch dürften die Frauen im Moment nicht arbeiten. Ich müsse den Laden schliessen, bis die Bewilligung kommt, und ich würde eine Anzeige erhalten.

Die prompt gemacht wurde.

Ich musste 2700 Franken Busse bezahlen, obwohl die Bewilligung drei Tage später erteilt wurde.

Einen Rechtsstreit deswegen wollten Sie nicht riskieren?

Ich bin ein rechtschaffener Mann. Ich kam zum Business oder besser gesagt zu diesem Geschäftsmodell wie Maria zum Kinde. Ich habe eigentlich eine Marketingfirma, mache Webseiten, Fotos und Videos. Meine Aufträge lasse ich in Ungarn ausführen, weil dort das Lohnniveau tiefer als hier ist. Unter anderem haben wir eine spezielle Inserateseite für die Erotikbranche entwickelt. Ich biete auch Dienstleistungen wie Fotoshootings oder Videos an, aber nur für Werbung, keine Pornofilme, und traf in diesem Zusammenhang einen Studiobetreiber in Biel. Er erzählte mir, dass 90 Prozent der Damen Ungarinnen sind. Ich sagte ihm, falls mal ein Studio frei würde, dass er sich melden sollte. Ich sei interessiert.

Warum?

Mich interessiert das von einer professionellen Seite aus betrachtet. Ich möchte ein solches Geschäft aufbauen, in dem die Frauen unter sauberen Umständen und in sicherer Umgebung ihre Dienstleistungen anbieten können. So bin ich dazugekommen. Hier geht es einzig darum, dass ich ein Studio anmiete und dieses den Damen zur Verfügung stelle.

Sie meinen untervermieten?

Genau, zimmerweise plus die sonstige Infrastruktur. Sie können hier schlafen und ihre Dienstleistungen anbieten.

Wie begann ihre Karriere als Studiobetreiber?

Ich ging persönlich beim Steueramt vorbei, beim AHV-Amt, bei der Migrationsbehörde und bat um genaue Informationen, was, wie und wo ich machen kann. Ich wollte ein legales, sauberes und seriöses Business. Das habe ich bis jetzt so durchgezogen. Deshalb hat mich die kurzzeitige Schliessung auch getroffen. Damit sich die Busse nicht erhöht, habe ich das Geschäft für acht Tage geschlossen. Und nach dem Erhalt der Bewilligung wieder geöffnet. Nun trennt sich der Spreu vom Weizen. In der Innenstadt hat es viele Studios in Schulnähe, oder sie sind nicht zonenkonform. Die müssen wahrscheinlich alle schliessen, weil sie eben keine Betriebsbewilligung kriegen.

Arbeiten die Frauen hier freiwillig?

Sie sind normalerweise selbstständig. Sie können über ihre Zeit, über ihr Angebot und ihre Preise selber verfügen. Sie kommen aus freiem Willen hierher und dürfen 90 Tage lang in der Schweiz arbeiten ohne Ausweis und das steuerfrei. Sie wechseln in der Regel wochenweise das Studio.

Damit in den Studios immer wieder neue Frauen zur Verfügung stehen?

Ja, aber wenn sich die Damen an einem Ort wohlfühlen, kommen sie gerne wieder. Sie reden untereinander und geben Empfehlungen weiter. Die Situation hier bei mir wird als sauber und fair beschrieben. Ich erhalte immer mehr Anfragen.

Wie unterscheiden sie sich von der Konkurrenz?

Ich führe den Betrieb nach ganz einfachen Marketingaspekten, wie wenn ich ein Möbelgeschäft führen würde. Die Damen sind angemeldet. Viele haben auch einen B-Ausweis, den sie jährlich verlängern können, mit dem sie aber normal Steuern, AHV und Krankenkasse bezahlen müssen.

Was verdienen Sie?

Die Damen zahlen für die Zimmer 100 Franken pro Tag. Wir erledigen den Telefondienst, das heisst, wir planen ihre Termine. Wir erledigen die Reinigung und die Anmeldungen. Formell muss ich die Frauen in Bellach anstellen, weil der Kanton sie nicht als Selbstständigerwerbende anerkennt. Es ist eine Firma wie ein Reinigungsinstitut auch. Ich zahle die Sozialabgaben, Krankenkasse und Quellensteuer auf den staatlichen Mindestlohn. Wie viel die Damen effektiv verdienen, weiss ich nicht.

Und sie beschützen die Frauen?

Das ist hier kein Problem. Ich hatte bisher einmal in Biel ein Problem, als ein Herr behauptete, er habe für eine halbe Stunde bezahlt und sei nach 20 Minuten rausgeworfen worden. Das war mitten in der Nacht. Ich habe ein Telefon erhalten, war nicht vor Ort, aber eben, in der Schweiz ist das kein Problem. Wir haben sehr gesittete Gäste. Damals liess ich sofort die Polizei kommen und die Sache hat sich sehr schnell zugunsten der entsprechenden Dame erledigt. Wir haben eine Kameraüberwachung, mit der gezeigt werden kann, wann der Kunde kommt und geht.

Kassieren Sie von den Frauen Provisionen?

Nein, ich bin kein Zuhälter. Die Zuhälter der Damen hocken Zuhause. Es sind die Freunde oder Männer der Damen. Sie warten, dass ihre Dame das Geld nach Hause bringt.

Wie entstehen die Preise der Frauen für ihre Dienstleistungen?

Angebot und Nachfrage. Wir haben sehr viele Konkurrenzfrauen aus Rumänien und Bulgarien. Die machen den Preis völlig kaputt und gehen teilweise für 30 Franken. Zu diesem Preis kommen die Ungarinnen nicht mehr. Aber ich biete einen Betrieb, der gut aussieht und in dem sich sowohl Frauen als auch Gäste wohlfühlen, dann können die Frauen auch ihren Preis verlangen.

Sie betreiben ein Geschäft, das gesellschaftlich kein Ansehen hat. Wie kommen Sie damit klar?

Weil ich noch ein anderes Geschäft betreibe, habe ich gesagt, dass ich nicht mit meinem Namen mit dem Sexbetrieb verbunden werden will. Das könnte ein schräges Licht auf mein Marketinggeschäft werfen. Und meinen Namen gibt es noch zweimal in der Schweiz. Den tragen meine Kinder. Nicht ich, sondern die Gesellschaft kreiert dieses Geschäftsmodell. Erstens, weil x-Prozent der Männer käufliche Liebe in Anspruch nehmen und zweitens, weil die Polizei, aus verständlichen Gründen, den Strassenstrich verbietet.

Was sagen Sie Kritikern?

Ich mache nichts anderes als Zimmer weitervermieten, so wie ein Hotel. Es gibt Escort-Service, die auch ein Hotelzimmer für einige Stunden mieten. Ich habe absolut kein Problem.

Weil Sie so gut verdienen?

Es ist eine Illusion zu glauben, damit werde man Millionär. Ich kann Ihnen meine Kalkulation zeigen. Ich verdiene 3000 bis 4000 Franken monatlich mit dem Studio, und das schwankt extrem. In den Sommermonaten ist praktisch tote Hose. Reich wird man nicht. Nebst meinem anderen Geschäft ist das eine willkommene Ergänzung.

Aber eine gesellschaftlich geächtete.

Als ich ein Sexdatingportal entwickelte und ein eigenes Geschäft dafür startete, hat die angefragte Grossbank sich geweigert, unser Kontokorrent weiterzuführen, und das Konto gekündigt. Dabei ist es eine normale Internetseite. Es ist halt ein Tabuthema. Auf der anderen Seite haben wir hier tagtäglich 10 bis 15 Gäste. Da stimmt für mich etwas nicht. Man sagt ja, die Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt. Wenn es keinen Bedarf dafür geben würde, gäbe es auch keine Studios und Massagesalons. Diese Etablissements bringen die Prostitution von der Strasse weg und bieten eine kontrollierte, menschenwürdige und diskrete Umgebung für diese zwischenmenschliche – kurzzeitige – Beziehung zwischen Freier und Freudenmädchen.

Trotzdem fühlt sich ihr direkter Nachbar belästigt, der eine Garage betreibt. Können Sie das verstehen?

Mit mir selber hat er weniger Probleme, als mit dem Betrieb. Hier besteht aber seit über 30 Jahren ein Sexbetrieb. Offenbar haben mehr seine Kunden ein Problem als er selber.