Amtsgericht
Sex auf Zugstoilette: War es Vergewaltigung oder wollte er sie nur überreden?

Gebre M.* und Helen T.* führten eine «On-Off-Beziehung» und bekamen zwei Kinder. Dann soll er sie im WC des ICN zu Geschlechtsverkehr gezwungen haben.

Ornella Miller
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Gebre M.* soll Helen T.* in einem Zug-WC vergewaltigt haben.

Gebre M.* soll Helen T.* in einem Zug-WC vergewaltigt haben.

SymbolBild: Keystone

Frühmorgens an einem Oktobersonntag 2016 soll er sie auf der Toilette des ICN von Solothurn nach Olten vergewaltigt haben. Gebre M.* und Helen T.* hatten gemeinsam das Fest eines Landsmannes besucht. Die beiden Eritreer stritten im Zug, er war eifersüchtig. Sie schlugen sich, was offenbar nicht unüblich war in ihrer Beziehung. Er habe ihren Kopf an die Fensterscheibe geknallt, sagt sie. Später ist er ihr in die Toilette gefolgt und soll sie trotz verbaler und körperlicher Gegenwehr vergewaltigt haben. Schon früher hatten sie in Zugstoiletten miteinander Sex. Diesmal jedoch hat es die Frau nicht gewünscht.

«Für mich ist alles so diffus, dass ich es nicht einordnen kann», sagte Staatsanwalt Toni Blaser zur Beziehung der beiden vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt, wo sich Gebre diese Woche unter anderem wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung verantworten musste.

Der heute 23-Jährige und die fast gleichaltrige Helen sind seit 2011 befreundet. 2012 kam ein gemeinsamer Sohn zur Welt, dieses Jahr eine Tochter. Gewohnt haben sie jedoch nie zusammen. Blaser sprach vor Gericht von einer «On-Off-Beziehung». Gebre wohnt in Luzern, sie in Zürich. Der Sohn lebt bei einer Pflegefamilie. Gebre ist vom Sozialdienst abhängig. Er brach eine Lehre ab und jobbt nun temporär. Finanziell unterstützt er seine beiden Kinder nicht.

Vorwurf fallengelassen

Nach der Zugfahrt und der mutmasslichen Vergewaltigung verlor er sie an ihrem damaligen Wohnort in Lenzburg aus den Augen und fand sie später in ihrer Wohnung. Da sie ihn nicht einliess, wurde er wütend und versuchte, in die Wohnung zu gelangen. Er habe ihr mit dem Tod gedroht. «Und dies mit der Geste des Halsdurchschneidens bekräftigt», wie es Amtsgerichtspräsident Ueli Kölliker mit einer Handbewegung schilderte.

Helen rief daraufhin aus Angst die Polizei und erzählte dieser auch von der Vergewaltigung. Später liess sie die Anzeige wegen Vergewaltigung wieder fallen. Da es sich aber um ein Offizialdelikt handelt, wurde Gebre trotzdem angeklagt.

Zuvor noch einvernehmlich Sex

Es gab noch weitere Anklagepunkte: So soll Gebre sich Ende November 2016 anlässlich eines Streits vor einer Luzerner Bar der Polizeikontrolle zu entziehen versucht haben. Zudem kiffte er zwei- bis dreimal pro Woche.

An der Verhandlung jedoch nahm die Art ihrer Beziehung viel Raum ein. Während Helen angab, dass sie kein Paar mehr gewesen seien und von ihm als «Vater ihrer Kinder» gesprochen hat, beharrte Gebre darauf, dass es stets eine Liebesbeziehung war. Schliesslich hatten sie noch in der Nacht zuvor einvernehmlich Sex, als sie bei ihm übernachtete.

Ein Merkmal der Verhandlung war, dass Gebre zwar einiges zugab, aber nur teilweise, zögerlich und mit angeblichen Erinnerungslücken. So antwortete er zunächst nicht, als Richter Kölliker ihn mit Helens Vorwürfen der Schläge im Zug konfrontierte. Dann wippte er zusehends nervöser mit dem Stuhl und sagte: «Ich erinnere mich an nichts.» Kölliker ging schliesslich zu ihm hin und zeigte ihm Fotos von Helens Verletzungen. Erst da gestand er: «Wir stritten uns.» Schliesslich stammelte er, dass er Helen zwar geschlagen habe, sie aber nicht an die Fensterscheibe geknallt habe. «Wir haben uns nur ein wenig gestritten. Ich bin kein Böser, ich bin eigentlich ganz lieb zu ihr.» Auch dass er an der Party ein paar Gläser Whisky getrunken hatte und etwas bekifft war, versuchte Gebre vorzubringen: «Ich war nicht klar im Kopf.» Sein Verteidiger Andreas Miescher führte angebliche Irrtümer ins Feld. Ein häufiges Muster in der Partnerschaft sei gewesen, dass der eine Lust auf Sex hatte und den andern schliesslich solange «angemacht» habe, bis der Partner auch wollte. Deshalb habe sein Mandant gedacht, diesmal sei es auch so und habe erst davon abgelassen, als er begriff, dass sie es wirklich nicht wollte. Da hatte sein Glied die Frau schon penetriert.

Gebre hatte früher ausgesagt: «Wenn ich Bock auf Sex habe, dann habe ich was mit ihr.» In einer Beziehung könne es gar keine Vergewaltigung geben. Dies interpretierte Staatsanwalt Blaser dahingehend, dass Gebre glaube, in einer Beziehung immer das Recht zum Geschlechtsverkehr zu haben. Miescher legte es anders aus: «Er ist aufgrund seiner Gefühle für sie nicht fähig, sie zu vergewaltigen.» Weil er sie liebt. Miescher verlangte einen kompletten Freispruch.

Landesverweis für fünf Jahre

Richter Kölliker verurteilte Gebre wegen Vergewaltigung, Drohung, Sachbeschädigung, Hinderung einer Amtshandlung und Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz zu 14 Monaten Haft sowie zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 10 Franken und einer Busse von 500 Franken – alles bedingt. Ausserdem wird er für fünf Jahre des Landes verwiesen. Wobei darüber noch die Vollzugsbehörde befinden muss – auch wegen der Frage, ob man ihn überhaupt rückschaffen kann. Der Staatsanwalt hatte 16 Monate gefordert und sechs Jahre Landesverweis. Der Richter sah «keine ungünstige Prognose» und war überzeugt, dass Gebre «die Lehre daraus zieht und es nie wieder passiert». Was den Landesverweis angeht, habe er das minimal mögliche Urteil gefällt. Damit habe er gewürdigt, dass Gebre seine Familie und seine Kinder in der Schweiz hätte.

Während der Verhandlung hatten er und Helen diffus vom Ziel gesprochen, zusammen leben zu wollen und für die Kinder zu sorgen.

Namen von der Redaktion geändert.