Im Lokal der Wagenbauzunft Aare-Schnägge ist es eng. Der Bau des Fasnachtswagens ist schon ziemlich weit fortgeschritten. Will man den hinteren Teil des Wagens besichtigen, muss man hinaus, rund um das Wagenbaulokal herum- und zum Hintereingang gehen, vorbei an einer Herde Geissen eines Nebenmieters, die im Stall ausharren. Sie haben warm. Im Tenn dagegen ist es an diesem Tag bitter kalt. Die Kälte fährt innert kürzester Zeit in die Knochen. Beat Dufing, Präsident der Wagenbauzunft Aare-Schnägge, scheint dies wenig zu stören. Er lobt das Lokal in der gemeindeeigenen Liegenschaft mit der kleinen Werkstatt und dem Keller, in dem die Farben lagern.

«Wir haben schon grössere Wagen gebaut als diesen», sagt der Siemens-Mitarbeiter. Kaum vorstellbar, findet der Laie. Aber es wird wohl so sein. Aufgewachsen ist der 46-Jährige in Solothurn und Zuchwil. «Da wird man halt Fasnächtler.» Aber länger will er nicht über die Fasnacht dort reden. «Alte Zeiten.» Jetzt, nach 20 Jahren im Dorf, ist Beat Dufing mit Herz und Seele ein Selzacher Narr, und nebenbei auch der Feuerwehrkommandant.
«Musik machen können wir nur mit dem Lautsprecher», meint Beat «Bidu» Dufing. Der «Lautsprecher» der Aare-Schnägge ist er selber. Er mache jeweils den «Umzugsschnörri» und kommentiere das Dorfgeschehen. «Vieles sage ich aus dem Bauch heraus. Aber einen Reim kann ich nicht erfinden. Reime habe ich aufgeschrieben vor mir.» Die Vorbereitung für diesen Spezialeinsatz erfolge meist in den Skiferien. «Dann kann ich mir einen Nachmittag lang Zeit dafür nehmen, je nach Wetter.» Heuer habe er die feudale Situation, dass die Fasnacht erst im März stattfindet. «Dann muss ich ja gar nicht pressieren», so der Vater von drei erwachsenen Aare-Schnäggen.

Mit Kind und Kegel

«Unsere Zunft besteht aus den Mitgliedern von vier, fünf Familien. Aktuell sind wir 19 Erwachsene und 13 Kinder.» Der Nachwuchs war der Grund für die Gründung der Zunft. «Wir wollten mit unseren Kindern eine Fasnacht im Dorf machen. 2003 haben wir den ersten Wagen gebaut.» Mit den Kindern sei die Fasnacht ein besonderes Erlebnis. «Man schmeisst auch nicht so schnell den Bettel hin, weil man weiss, dass man die Arbeit für die Kinder macht.» Draussen taucht auf dem schneebedeckten Vorplatz Philipp auf. Er ist ebenfalls ein Aare-Schnägg und bringt den Anhänger zurück, den er für die Papiersammlung der Schule ausleihen durfte.

An den Wänden im Tenn hängen Erinnerungen an frühere Fasnachtsjahre. Etwa eine grosse Pokerkarte, die für das damalige Motto Casino steht. Organisiert sind die Aare-Schnägge als Verein. «Auch aus rechtlichen Gründen, wenn etwas passieren würde», so Dufing. Das Vereinsleben besteht aus einer kurzen Generalversammlung mit langem Ausklang im September und einem Ausflug. An der Generalversammlung wird ein Motto auserkoren, später beim Ausflug werden erste Ideen diskutiert. In diesem Jahr sind sie Mexikaner, die in die Schweiz stürmen. An der Front des aktuellen Fasnachtswagens klebt noch ein Stück von Trumps Mauer. «Gauchos von Selzacho oder irgend so etwas wird das Motto sein. Wir sind aus Mexiko geflüchtet und haben unsere liebsten Sachen wie die Tequilaflasche mit dabei und sind durch die Mauer gefahren. Nun fragen wir Selzach an, ob wir Asyl bekommen.»

Voller Tatendrang

Seit Dezember wird am Dienstagabend und am Samstagmorgen am Fasnachtswagen gebaut. «Wir haben Verstärkung durch zwei neue Aare-Schnägge bekommen, die voller Tatendrang sind.» Es habe auch schon Jahre gegeben, in denen nur zwei den Wagen bauten. «Heuer sind meist sieben Wagenbauer am Werk.»

Die Aare-Schnägge sind nicht die einzige Wagenbauzunft in Selzach. Auch die Sauzfassnarren bauen jedes Jahr einen Wagen. Am Umzug am Fasnachtssamstag würden in diesem Jahr stolze 20 Nummern gezeigt, weiss Dufing. «Manchmal wird unsere Fasnacht etwas unterbewertet. Aber dort, wo man daheim ist, ist die Fasnacht am schönsten.» Er staune, wie viele Leute den Umzug in Selzach besuchen. Auch ein Grenchner Wagen soll heuer am Umzug mitfahren. Einmal gar habe die Honolulu-Zunft mit ihrer Lokomotive Lulu und ihrer Musikgruppe den Selzacher Umzug beehrt. Die Solothurner Zunft hat ihr Wagenbaulokal in Selzach. Am Fasnachtssonntag dann haben die Aare-Schnägge Zeit, den Grenchner Umzug zu bereichern. «Einfach, weil wir noch nicht müde genug sind.»