«Am 19. November 2013 wurde mir der Boden unter den Füssen weggezogen.» Das sagte Beat Uhlmann, Vizepräsident der Angestelltenkommission der Scintilla AG, im Januar 2014 gegenüber dieser Zeitung. Kurz nach der Ankündigung mit Hammerschlag-Potenzial des Mutterkonzerns Bosch: Die Elektrowerkzeugproduktion in Zuchwil wird bis Ende 2016 geschlossen, 330 Angestellte werden ihren Arbeitsplatz verlieren. Während die Belegschaft damals noch hoffte, den Entscheid verhindern zu können, ist inzwischen alles klar. Die Produktion wird ins kostengünstigere Ungarn verlagert, die ersten Montagebänder wurden bereits gezügelt und die ersten Kündigungen ausgesprochen. «Das Datum ist in meinem Hirn unvergesslich eingebrannt, meine Welt und die der Belegschaft wurde mit dem Kahlschlag völlig umgekrempelt», sagt Uhlmann heute.

«Zwischen Wut und Loyalität»

Er ist 52-jährig, arbeitet seit 32 Jahren bei der einst stolzen Scintilla in verschiedenen Funktionen, zuletzt als Produktionsplaner Motorenfertigung. Als Mitglied der Personalkommission und wichtiger Fachmann bei der technischen Umsetzung der Verlagerung «geniesst» er Kündigungsschutz bis Ende 2015. Sich in diesem Spannungsfeld zu bewegen – die Auslagerung mit zu organisieren und damit gleichzeitig die Jobs im Werk Zuchwil zu begraben – sei schwierig und zermürbend, meint Uhlmann. «Es ist eine Gratwanderung zwischen Wut und Enttäuschung einerseits und Loyalität andererseits.» So sei in seinem Projektauftrag festgeschrieben, dass er und weitere Mitarbeitende für die Inbetriebnahme der verlagerten Anlagen sicherlich auch für einige Tage ins ungarische Werk reisen müssten.

Uhlmann, im karierten Hemd und mit markanter Brille im Gesicht, wirkt ernst, aber nicht niedergeschlagen. Er fühlt sich in seiner Funktion als Belegschaftsvertreter verantwortlich für seine Kolleginnen und Kollegen. Auch deshalb kümmere er sich zurzeit kaum um seine persönliche Jobsuche. Aber eigentlich mag er nicht gross über sich und seine Situation nach der Scintilla-Ära sprechen, lieber über die schwierige Lage für die Belegschaft. Er berichtet authentisch, mit viel Fachkompetenz und hohem Wissen über die Produktion, direkt aus den Werkshallen.

Temporärpersonal am Band

Mit den ersten Kündigungen zeigt der Verlagerungsentscheid nun sein wahres Gesicht. Ein hässliches. Die Stimmung wird bedrückter und bedrückter. «Seit Jahren zusammenarbeitende Teams an den Montage- und Produktionsbändern werden auseinandergerissen, die Emotionen werden frei, es fliessen Tränen», berichtet Uhlmann. Wie ein Hohn wirkt da der Umstand, dass inzwischen Temporärarbeitende eingestellt werden müssen, wie Uhlmann erzählt. Es dürfe keine Produktionslücken und keine Lieferverzögerungen geben, auch nicht während des Verlagerungsprozesses. «Wir produzieren deshalb sozusagen auf Vorrat, was viel an Personal bedingt», erläutert er nüchtern. Wieder schimmert die Loyalität durch. Die Motivation der Belegschaft sinke zwar. Aber sie leiste weiterhin gute Arbeit und praktisch ohne Abstriche bei der Ausbringung und Qualität. «Die Mitarbeitenden halten der Scintilla und nicht Bosch die Stange.» Die Unterscheidung ist für Uhlmann wichtig. Denn Scintilla sei eigentlich immer ein guter Arbeitgeber gewesen.

Den Schliessungsentscheid habe er gezwungenermassen akzeptieren müssen, abgehakt hat er ihn aber nicht. Uhlmann will nicht zur Tagesordnung übergehen. Seit Beginn steht er an vorderster Front im Kampf um das Werk in Zuchwil. Umso mehr ist er nebst der harzigen Umsetzung des Sozialplanes auch über nachgelagerte Entscheide der Bosch-Manager enttäuscht. Für die Suche nach einem Investor, der in den bald leerstehenden Hallen industrielle Arbeitsplätze – auch für das Scintilla-Personal – schaffen soll, sei zwar viel Aufwand betrieben worden, gesteht er ein. Offenbar seien noch zwei Interessenten an Bord. Aber alles dauere zu lange. Bis allenfalls ein Investor zugreife, würde der Umbau der Infrastruktur so viel Zeit in Anspruch nehmen, bis das betroffene Scintilla-Personal weg sei. Bosch hätte im zeitlichen Ablauf mehr Entgegenkommen zeigen müssen.
Und das ursprünglich geplante Management-Buy-out der Wellenfertigung, welches rund 20 industrielle Arbeitsplätze in Zuchwil gerettet hätte, sei torpediert worden. Zuerst habe es geheissen, diese Kernkompetenz wolle man im Konzern behalten, deshalb werde diese auch nach Ungarn verlagert. Inzwischen sei offenbar alles anders, die zuvor noch verteidigte Kernkompetenz bleibe nun doch nicht in den eigenen Reihen, so Uhlmann. «Wir wurden informiert, dass die Wellenfertigung an einen Zulieferer in Slowenien ausgelagert werden soll.» Offenbar aus Kostengründen. «Das nenne ich Gewinnmaximierung.» Einige Pluspunkte erwähnt er dann doch noch. Eine regionale Firma werde einen kleinen Motorenbereich und damit auch einige Angestellte übernehmen. Und mit einer weiteren Firma stehe die Zusammenarbeit für ein Entwicklungskonzept an, welches weitere Arbeitsstellen sichere.

Tiefer Organisationsgrad

Beat Uhlmann rückt am Tisch leicht nach vorne, hält kurz inne und sagt. «Ohne die Unterstützung der Gewerkschaft Unia wäre die Situation für die Belegschaft noch viel schlimmer ausgefallen.» Der Sozialpartner habe den Weg geebnet, damit die Betriebskommission mit dem Bosch-Management auf Augenhöhe habe verhandeln können. Das sei für die Ausarbeitung des grundsätzlich guten Sozialplanes entscheidend gewesen. Er, selbst seit Jahrzehnten Mitglied der Unia und als Senior-Planer für die Motorenfertigung auch Kadermitglied in der Scintilla, übt in diesem Zusammenhang auch Kritik an der Belegschaft. Denn nur rund 20 Prozent seien organisiert. «Aber 100 Prozent haben erwartet, dass die Unia ihnen die Kohlen aus dem Feuer holt.»
«Wir wollen eine faire Chance und genügend Zeit, um alle möglichen Varianten für eine wirtschaftliche Fertigung im Werk Zuchwil zu prüfen», sagte Uhlmann im Januar 2014. Heute hat er noch ein Ziel. «Ich will die korrekte Umsetzung des Sozialplanes verteidigen und die Belegschaft so gut wie möglich bis zum Ausscheiden aus der Scintilla begleiten.»