Lohn-Ammannsegg

Schweiz gegen Schweden: Bei dieser Familie gibts wegen Fussball kein Drama, wegen Eishockey aber schon

Sohn Eskil fiebert mit Mutter Anna Niklasson und Vater Beat Willy Wyler dem heutigen Achtelfinal Schweiz - Schweden entgegen.

Sohn Eskil fiebert mit Mutter Anna Niklasson und Vater Beat Willy Wyler dem heutigen Achtelfinal Schweiz - Schweden entgegen.

Die Familie Wyler Niklasson aus Lohn-Ammannsegg ist beim Spiel zwischen der Schweiz und Schweden gespalten.

Die Mittagshitze hat sich wie eine Glocke über Lohn-Ammannsegg gelegt. Fast an jedem zweiten Haus an der Alten Bernstrasse hängen Schweizer Fahnen. Nur oben, am gelben Haus Nr. 48, steht es 2:1 für Schweden. Schon das Eingangsportal ziert Gelb-Blau, oben an der Balkonbrüstung sind Rot-Weiss und die Schwedenfahne einträchtig nebeneinander.

Eskil Anna Niklasson Beat Willy Wyler

Hier hängen beide Fahnen.

Eskil Anna Niklasson Beat Willy Wyler

Im Gespräch führt dann die Schweiz wieder 2:1: Nur Anna Niklasson trägt das blaue Tre-Kronor-Shirt mit der Aufschrift «Sverige», Vater Beat Willy Wyler und Sohn Eskil tragen Rot. Die 17-jährige Tochter Ida kann – obwohl sportbegeistert – nicht mitreden. Sie hat Unterricht in der Kanti.

Dafür sprudelt es aus ihrem Bruder heraus: «Ich bin eigentlich schon für die Schweiz, möchte es den Schweden aber auch gönnen.» Besonders viel hält Eskil von den Verteidigern Schär und Rodriguez sowie Seferovic. «Und natürlich Sommer ...», fügt der Zwölfjährige nach Intervention seiner Mutter an. Und so ist auch sein Tipp: «Die Schweiz gewinnt 2:1. Und Seferovic schiesst den Siegestreffer.»

So tippt die Familie Wyler Niklasson vor dem Achtelsfinal-Spiel Schweiz-Schweden

So tippt die Familie Wyler Niklasson vor dem Achtelsfinal-Spiel Schweiz-Schweden

Pragmatisch sieht Beat Willy Wyler den Ausgang des kapitalen Matches: «Es gibt ein 1:1 und Penaltyschiessen. Die Schweiz kommt weiter – dank Sommer.» Der Zuständige für E-Government auf der Solothurner Staatskanzlei kann ausgerechnet heute, am grossen Achtelfinaltag, seinen 51. Geburtstag feiern. «Und da ist ja klar, was ich mir als Geschenk wünsche.» Der leidenschaftliche Fasnächtler – er ist Mitglied der Narrenzunft Honolulu – will den Match mit seiner Familie zu Hause schauen, obwohl er wie auch Eskil auch schon im Public Viewing bei der Reithalle Spiele verfolgt hat.

«Wer heute Abend im Schweizer Dress vorbeischaut, erhält bei uns eine Matchwurst. Wer im Schweden-Trikot aufkreuzt, bekommt eingelegte Heringe mit Dillkartoffeln und Sauerrahm», lacht er. Sie sprintet prompt in die Küche, um stolz ein Glas mit Matjesheringen zu präsentieren. Hmmm ja, zum Espresso wohl nicht gerade das Ideale ...

Gross nerven, so scheint es, würde sich das Geburtstagskind wohl kaum, wenn Gelb-Blau am Ende weiterkäme. «Es kann ja niemand etwas gegen die Schweden haben. Die geniessen überall nur Sympathien.» Und Anna Niklasson wirkt auch nicht gerade wie ein fanatischer Fan des Tre-Kronor-Teams, wenn sie ihre Matchprognose abgibt. «Das wird ein 2:1 geben.» Um nach einem kurzen Zögern doch noch nachzulegen: «Für die Schweiz.»

Wehe, es flitzt der Puck

Fussballerisch deutet rein gar nichts am Südhang des Bucheggbergs auf ein Ehedrama heute Nachmittag hin. Ganz anders fiebert jedoch Anna Niklasson mit, wenn es um Eishockey geht. «Das ist unser Nationalsport, nicht Fussball. Damit bin ich schon als Kind aufgewachsen», schwärmt sie von früheren Zeiten und Idolen wie dem legendären Spieler Salmi in den Siebzigerjahren.

So wurden die zwei WM-Finals zwischen der Schweiz und Schweden im Eishockey dann doch zu einer kleinen häuslichen Belastungsprobe. Nach der ersten Schweizer Niederlage erinnert sie sich: «Nach dem Final und auch noch am Tag danach war Beat extrem still.» Und er bestätigt postwendend: «Ja, da brauchte ich einen Tag, um das Scheitern der Schweiz zu verdauen.»

Bei der Wiederholung diesen Frühling – die Schweiz unterlag bekanntlich erst im Penaltyschiessen – sei die Situation wesentlich entspannter gewesen. «Da hätte ich den Schweizern einen Sieg auch gegönnt», meint Anna Niklasson. Nur Eskil, der wurde damals in sein Schlafzimmer verbannt und musste den ganzen Match dort schauen. Zu sehr waren Vater Beat die Kommentare seines Sprösslings auf den Keks gegangen – denn in Sachen Eishockey hälts Eskil ganz klar mit Tre Kronor ...

Die zweite Heimat

Seit 26 Jahren lebt nun Anna Niklasson in der Schweiz – «mit Unterbrüchen». Gemeint sind damit auch die Sommerferien in Schweden, wo Anna in einer Kleinstadt am Vätternsee südlich von Stockholm aufgewachsen ist. «20 Jahre lang sind wir im Sommer immer hinaufgefahren. Und am 1. August gab es jeweils ein grosses Verwandtentreffen», erzählt Beat Willy Wyler von fast unfassbaren Distanzen, die dabei zurückgelegt wurden. Regelmässig überboten wurde die Familie Wyler Niklasson jeweils von einem Verwandten-Trip aus dem norwegischen Tromsø. «Die fuhren noch einige hundert Kilometer weiter als wir.»

Sohn Eskil jedenfalls hatte es in Schweden, wo im Sommer kaum die Sonne untergeht, stets gefallen. «Besonders schön ist die Landschaft, und wir konnten am See immer sehr viel unternehmen.» Ja, schwedisch verstehe er ziemlich gut, «nur reden ist einiges schwieriger.»

«Ibra» und sein langer Schatten

Und dann beschäftigt Schweden ganz anders. Es geht um den grossen Abwesenden bei Tre Kronor: den genialen Exzentriker Zlatan Ibrahimovic, kurz «Ibra». Nein, sie wollten ihn gar nicht dabei haben, die Schweden. «Das hat er mehrfach gesagt», beteuert Beat Willy Wyler. «In Sachen Integration ist die Schweiz viel weiter als Schweden», werfen die beiden einen durchaus positiven Blick auf die aktuelle Schweizer Multikulti-Truppe, die es «offenbar sehr gut zusammen hat». In Schweden dagegen lasse man kaum gemischte Teams Fussball spielen; die Migranten blieben unter sich in eigenen Teams.

Und damit ist man bei der eindrücklichen Szene, als die gesamte schwedische Mannschaft zusammen mit ihrem grossen Pechvogel Jimmy Durmaz gegen Rassismus posierte. Durmaz hatte bekanntlich gegen Deutschland in der 95. Minute den folgenschweren Freistoss verschuldet, der Gelb-Blau letztlich noch die Niederlage brachte.

Die Folge: Unflätigste Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen wurden im Netz gegen den Unglücksraben ausgestossen. «Einfach schrecklich», findet Anna Niklasson diese hässliche Fratze einiger Landsleute. Heute Abend dagegen dürfte es an der Alten Bernstrasse 48 ganz friedlich bleiben. Schliesslich geht es nur um Fussball ...

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1