Wenn Walter Gerber sagt: «So einen wie mich, gibt’s wohl kaum noch einen!», so kann er das in zweierlei Hinsicht meinen. Zum einen wegen seines Berufes als Wagner. Als solcher arbeitete er grossenteils für die Landwirtschaft, stellte aus Holz Räder, Deichseln, Unter- und Aufbauten für Brücken- und Bockwagen, Güllenfässer oder Schubkarren her. Doch solche Produkte sind schon lange nicht mehr gefragt, darum sind die Wagnereien verschwunden, wie sie vor Jahrzehnten vor allem in landwirtschaftlich geprägten Gebieten häufig zu finden waren. Immerhin stirbt der Beruf nicht aus, eine Ausbildung ist möglich innerhalb einer Schreinerlehre.

Zum andern, warum es wohl nicht mehr manchen wie Walter Gerber gibt: Er kann nicht sein ohne seine Wagnerwerkstatt. Diesen Monat ist er 90 Jahre alt geworden und noch immer will er täglich Holz in seinen Händen spüren und daraus etwas herstellen. «Aber Aufträge nehme ich natürlich keine mehr an», betont er, «ich habe noch ein paar angefangene Arbeiten zum fertig machen. Aber es kann schon sein, dass ich wieder etwas mache, das mir gerade gefällt.» Angetan haben es ihm zum Beispiel Sitzbänke oder Schaukelpferde, wie sich beim ersten Blick in seine Werkstatt zeigt.

Maschine gegen Arbeit getauscht

Bei näherem Hinsehen entdeckt man fertige Stiele für Werkzeuge, Brotschüsseln und Deichseln, ferner Schablonen für Wagenräder und landwirtschaftliche Geräte. Nur noch auf Fotos zu sehen sind die eingangs erwähnten grossen Arbeiten, die Walter Gerber zum Teil im Freien aufbaute. Denn die Werkstatt ist nicht sehr gross.

Zudem ist sie bezüglich Maschinen dermassen einfach eingerichtet, so dass man mit grossem Respekt auf die Produkte schaut, die diese Werkstatt verlassen haben. «Man musste sich halt nach der Decke strecken», sagt Gerber. «Neue Maschinen kaufen? Das gabs nicht. Manchmal hat man auch eine Maschine gegen Arbeit eingetauscht.»

Zu Arbeit beziehungsweise zu Aufträgen und auch zu Holz zu kommen, sei beileibe nicht immer einfach gewesen. Das habe sein Vater Fritz zu spüren gekommen, der anno 1936 nach Biberist gekommen war und in einem kleinen Bauernhaus an der Bachstrasse eine Wagnerwerkstatt einrichtete. «Vorher hatte er eine Werkstatt in Halten, aber weil er politisch nicht so spurte, wie das die Kreditgeber wollten, musste er mit der Zeit aufgeben.»

In Biberist sei der Vater, ursprünglich aus dem reformierten Emmental stammend, ebenfalls auf Widerstand gestossen. «Man wollte ihm aus dem hiesigen Forst kein Holz verkaufen. Dann holte er es halt aus dem Bucheggberg.» Die Holzstämme sägte Fritz Gerber selber auf, dazu hatte er in einem Nebengebäude eine kleine Sägerei eingerichtet - mit Occasionsmaschinen und alles in Eigenarbeit.

Miserable Zahlungsmoral

Sohn Walter musste als Bub bei den Bauern aushelfen gehen und so geschäftliche Kontakte knüpfen. Eine Lehre im elterlichen Betrieb musste er abbrechen und in Schwarzhäusern fertig absolvieren. Denn Fritz Gerber war nicht Mitglied im Verband der Wagner, folglich wäre Sohn Walter nicht zur Abschlussprüfung zugelassen worden.

«In der Wagnerei war der Lohn nicht sehr gut, darum habe ich in verschiedenen Betrieben Arbeit angenommen», berichtet Walter Gerber. «Im Betrieb des Vaters habe ich zwar auch mitgeholfen. Aber ob ich ihn übernehmen sollte, war ich mir lange nicht sicher.» Er habe sehr wohl mitbekommen, wie hart das Geschäften war, und die Zahlungsmoral seitens der Kundschaft sei teilweise miserabel gewesen. «Wie oft hat man zu hören bekommen, wenn man die Rechnung zur Kundschaft gebracht hat, das Geld sei grad im Moment nicht da. Manchmal war das dann auch später nicht der Fall.»

Schreinerarbeit angenommen

1960 übernahm Walter Gerber den Betrieb dann doch, hatte aber nur noch wenige Jahre einigermassen Arbeit als Wagner. Also übernahm er zusehends Schreineraufträge. Unterdessen war auch eine Familie da, die es zu ernähren galt. «Wir waren damals, wie viele andere Familien auch, Selbstversorger, hatten eine Kuh und Ziegen und einen grossen Garten.»

Rückblickend sagt Walter Gerber: «Es isch mer gäng guet cho.» Ihm sei zugutegekommen, dass er früh gelernt habe, vielseitig zu arbeiten, sich auf neue Situationen im Beruf einzustellen und sich selber zu helfen. Und dass er jetzt noch immer für zwei, drei Stunden pro Tag in seiner Werkstatt «öppis cha mache», darüber sei er sehr froh. «Welcher Neunzigjährige kann das schon?»