Biberist
Schlösschen Vorder-Bleichenberg ist heute Kulturstätte

Zahlreiche Schlössli und prächtige Landsitze zeugen von einst feudalen Verhältnissen in unserer Region. Das Schlösschen Vorder-Bleichenberg ist eines davon. Nach Zeiten der Verwahrlosung und Renovationsarbeiten ist es heute auch ein Kulturzentrum.

Agnes Portmann-Leupi
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Das Schlösschen ist heute ein Kulturzentrum.
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Im Schlösschen finden regelmässig Kunstausstellungen statt.
Das Schlösschen ist eines von mehreren prächtigen Landsitzen in der Region.
Die Moos-Flury-Stiftung will das Schlösschen als Kulturstätte pflegen.
Aussicht vom Schlösschen
Solche Verzierungen finden sich überall im Schlösschen.
Für Unterhalt und Renovationen des Schlösschens ist die Moos-Flury-Stiftung zuständig.
Aussicht von einem Schlösschen-Zimmer
Die Räume des Schlösschens können auch gemietet werden.
Das Schlösschen von innen
Auch Herakles fühlt sich wohl im Schlösschen.
So sieht das Schlösschen Vorder-Bleichenberg heute aus.
Statue vor dem Schlösschen

Das Schlösschen ist heute ein Kulturzentrum.

Hansjörg Sahli

Ob herausgeputzt oder halb verfallen – die ehemaligen Patrizierhäuser in der Umgebung von Solothurn faszinieren noch heute. In einer Sommerserie blicken wir hinter die Fassaden der Häuser und treffen die Menschen, die in dieser besonderen Umgebung wirken, leben und arbeiten. Dieser Artikel macht den Auftakt.

Man schreibt das Jahr 1609. Nach achtjähriger Bauzeit ist das Sommerhaus der von Roll auf dem Vorder-Bleichenberg fertiggestellt. Hieronymus und sein Sohn Johannes II. sitzen als stolze Besitzer zufrieden im wunderschönen Garten ihrer ersehnten Sommerresidenz. Mit dabei die beiden Gemahlinnen, Esther von Offenburg und Helena Schwaller. Einzigartig ist die Atmosphäre inmitten saftiger Matten und duftender Kornfelder. Die untergehende Sonne spiegelt sich im Glas des prickelnden Sommerweins der Rebberge am Bielersee.

Präsentes Schlosswartehepaar

So könnte es vor 406 Jahren gewesen sein. Wo aber geniessen Hanna und Hugo Bossard, das Schlosswartehepaar, einen lauschigen Sommerabend? Es ist beim idyllischen Platz unter der schön geformten Linde auf der Nordostseite des Schlösschens. Hier das Nachtessen einzunehmen, in der Abendsonne, mit Blick auf den Jura, begleitet vom Gebimmel der weidenden Kühe, muss in der Tat verlockend sein.

Per Zufall erfuhr das Ehepaar vor rund 15 Jahren von der offenen Betreuerstelle. Sie bewarben sich und erhielten den Job. Im Schlösschen präsent sein, ist eine der wichtigsten Aufgaben. Hanna Bossard nimmt die Aufsicht, den Verkauf und die Abrechnungen für die vom Verein organisierten Kunstausstellungen wahr.

Hugo Bossard, der als Grafiker im Nebengebäude ein Atelier besitzt, steht den ausstellenden Künstlern und den Privatbenützern mit Rat und Tat zur Seite. Er ist bei Anlässen für die Infrastruktur verantwortlich sowie für die Kontrolle nach der Abgabe. Gemeinsam pflegt das Ehepaar die Blumen ums Schlösschen und verrichtet die weniger angenehmen Arbeiten wie Putzen. Der Biberister Werkhof ist für den Rasen zuständig.

«Das Schlösschen ist uns ans Herz gewachsen, hier herrscht ein guter Geist», sagt das Ehepaar sichtlich zufrieden, an diesem wunderschönen Ort leben zu dürfen. Das Schlösschen Vorder-Bleichenberg ist eine lebendige Kulturstätte. Das war nicht immer so. Nach Zeiten der Verwahrlosung und Renovationsarbeiten befindet sich das ehemalige Sommerhaus heute im Besitz der Moos-Flury-Stiftung.

Von der Pracht zur Verwahrlosung

Über 200 Jahre genossen die von Roll ihren Sommersitz. Johann Ludwig von Roll (1643 bis 1718), Urenkel von Hieronymus und während 66 Jahren Schlossherr, baute 1678 das Landhaus zu einem imposanten Türmlihaus um. Aus dieser Zeit stammen auch die Schlosskapelle und der Theatersaal, der mit Goldkörnern gespickte Blattkranz, die pausbäckigen Putten sowie die griechischen Hoheiten Artemis und Herakles. Im Jahr 1816 verkaufte Ludovika von Roll – erwähnt wegen ihrer Schönheit und Begehrlichkeit in den Memoiren von Casanova – ihren Besitz an Martin Besenval. Ab 1859 bis 1902 ging er an die bürgerlichen Besitzer Hänggi, Marti und Gisi über.

Schliesslich übernahm der Staat Solothurn das Schlösschen mit 290 Jucharten Land und liess dieses von der Strafanstalt Oberschöngrün bewirtschaften. Im Schlösschen fanden fortan landwirtschaftliche Winterkurse statt. Später diente es als Wohnung der Meisterknechte und als Vorratskammer. Die Pracht des Von-Roll-Sommersitzes verwandelte sich in ein baufälliges Gebäude, gegen dessen Abriss sich die Denkmalpflege wehrte.

Wiederbelebung

Dass das Schlösschen wieder aufblühte, ist indirekt Erika und Fritz Moos-Flury zu verdanken. Das Ehepaar vermachte nämlich im Jahr 1968 ihre bedeutende Gemäldesammlung samt 200 000 Franken der Einwohnergemeinde, mit der Auflage, diese nach ihrem Tod der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die zündende Idee der ehemaligen Gemeinderäte Rudolf Klöti und René Müller, das dem Untergang geweihte Schlösschen damit wiederzubeleben, fruchtete. Der Kanton schenkte im Jahr 1970 das baufällige Gebäude der neu gegründeten Moos-Flury-Stiftung im Baurecht auf 200 Jahre.

Nur anderthalb Jahre später stieg nach umfangreicher Renovation – dank vielseitiger finanzieller Unterstützung und unzähligen Fronarbeitsstunden – das Schlössli-Fest. Es war ein einzigartiges Volksfest, an das sich die ältere Generation noch mit Freude erinnert. Für Biberist bedeutete die Rettung des Schlösschens den Start zum heutigen Kulturzentrum.

Moos-Flury-Stiftung und andere Freunde

Die Moos-Flury-Stiftung, die der Bestimmung nach der Einwohnergemeinde Biberist gehört, ist Eigentümerin des Schlösschens Vorder-Bleichenberg. Sie nimmt die finanziellen Verpflichtungen wahr für Unterhalt und Renovationen. Präsident der Stiftung ist mit Martin Blaser der jeweilige Gemeindepräsident. Zur Unterstützung der Stiftung wurde 1972 der Verein der Freunde des Schlösschens Vorder-Bleichenberg gegründet mit dem Ziel, eine lebendige Kultur- und Begegnungsstätte zu pflegen. Er ist für die regelmässig stattfindenden Kunstausstellungen verantwortlich. Seit elf Jahren amtet Barbara Flury-Steiner als Präsidentin. Jährlich finden sechs Kunstausstellungen statt. Konzerte, Lesungen und Führungen bereichern die jeweiligen Ausstellungen. Der Club «Junge Schlösslifreunde» für Kinder von 7 bis 12 Jahren, trifft sich jährlich sechsmal, um Kunstwerke zu erforschen und verstehen zu lernen. Ebenfalls sechsmal kommt der «Kunstclub für Erwachsene» zusammen. Angeboten werden zudem pädagogische Workshops für Schulklassen und Gruppen. Die Räume des Schlösschens können für Feste, Hochzeiten, Apéros, Konzerte und zivile Trauungen gemietet werden.