Kriminalitäts-Bekämpfung
«Schlepper»-Plakat der Grenzwacht entstand in Horriwil – doch warum?

Grenzwachtadjutant Attila Lardori zur «Schlepper»-Plakatkampagne und der Arbeit des Grenzwachtkorps.

Silvia Rietz
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Attila Lardori ist Grenzwachtadjutant und lebt im Wasseramt. Er hat die Rekrutierungsplakatkampagne des GWK konzipiert. zvg

Attila Lardori ist Grenzwachtadjutant und lebt im Wasseramt. Er hat die Rekrutierungsplakatkampagne des GWK konzipiert. zvg

Man blickt in den Rückspiegel und wundert sich. Im beschaulichen Horriwil stehen zwei Grenzwächter: Eine Grenzwächterin hält einen Ausweis in der Hand, ein Grenzwächter sichert sie, etwas martialisch, mit einer Maschinenpistole im Anschlag. «Einsatz im Grenzgebiet», steht in grossen Lettern, etwas kleiner ist zu lesen «Das Grenzwachtkorps verhaftet jährlich rund 500 Schlepper».

Kein Zufall, denn einer der Initiatoren des Plakatprojekts ist der 41-jährige Grenzwachtadjutant Attila Lardori, der seit 2010 im Kommando des Grenzwachtkorps (GWK) in Bern arbeitet und seit drei Jahren im Wasseramt lebt.

Attila Lardori: «Es handelt sich um eines von fünf Plakat-Sujets, die unsere Einsatzschwerpunkte Grenze, Grenzgebiet, Bahnverkehr, Flughafen und internationale Einsätze darstellen und über die Erfolge beim Bekämpfen der grenzüberschreitenden Kriminalität informiert».

Das Plakat «Grenzgebiet» sei in Horriwil aufgenommen worden. Nicht etwa, weil hier die grenzüberschreitende Kriminalität ein Problem sei, lacht er. Sondern weil sich Horriwil als Sujet für die Bilder «grüne Grenze» gut eigne. Nun werden die Plakate landesweit ausgehängt.

Mehr Mitarbeiter gesucht

Täglich 7 gefälschte Ausweise, 55 Festnahmen von ausgeschriebenen Personen, fünf Kilogramm Drogen, im Einsatz in acht Ländern und eben jährlich 500 Schlepper. Mit diesen Zahlen wirbt das GWK für neues Personal. Auf die Frage, wofür das GWK mehr Mitarbeitende braucht, antwortet der Kenner: «Wir müssen die Migrationslage bewältigen, andererseits beschäftigt uns nach wie vor die grenzüberschreitende Kriminalität, also auch die Schlepper.»

Das GWK publiziert regelmässig, wie viele rechtswidrige Aufenthalter festgestellt, wie viele Personen an ausländische Behörden rücküberstellt oder weggewiesen werden und wie viele mutmassliche Schlepper der Polizei übergeben werden. Waren es 2014 noch 384 Personen, war die Zahl 2015 mit 464 schon höher. «Seit Anfang Jahr bis Ende September sind bereits 196 mutmassliche Schlepper festgenommen und an die Polizeibehörden überstellt worden», offenbart der Insider.

Der Grenzwachtadjutant ist überzeugt, dass die vermehrten Kontrollen an der Südgrenze und die dafür notwendige Personalaufstockung wie auch die Task Force (GIRP) wirkten und zu den zahlreichen Festnahmen führten. «Menschenschmuggel und Migration stehen in engem Zusammenhang und man kann sich fragen, ob nicht gerade die staatlichen Grenzkontrollen dieses Business noch fördern. Die Migration wurzelt in Krieg, Verfolgung oder wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit. Schlepper sind dabei nicht Helfer in der Not, sondern Kriminelle, welche Notlagen ausnützen, um Profit zu machen», stellt Attila Lardori klar.

Gefängnis für Schlepper

Obschon das Gesetz im Strafmass sehr wohl unterscheide, ob jemand mit Gewinnabsichten Menschen schmuggle oder aus familiären Gründen. «Es ist nicht so, dass Migrantinnen oder Migranten einfach automatisch zurückgewiesen werden. Das Asylgesetz sieht die Möglichkeit vor, an der Schweizer Grenze ein Asylgesuch stellen zu können.

Diese Personen werden in jedem Fall der Obhut des Staatssekretariates für Migration (SEM) übergeben», präzisiert er. Und die Schlepper? «Wenn wir jemanden auf Schleppertätigkeiten verdächtigen, übergeben wir diese Personen der Polizei, die dann ermittelt. Die «Förderung der rechtswidrigen Ein- und Ausreise sowie des rechtswidrigen Aufenthaltes», wie es im Artikel 116 des Ausländergesetztes steht, kann mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft werden.»

Der Job der Grenzwächterinnen und Grenzwächter sei ganz einfach, die Rechtsordnung durchzusetzen, sagt Lardori und fügt an: «Unkontrollierte Zuwanderung kann ein Problem für die innere Sicherheit darstellen und Personen, die sich illegal in einem Land aufhalten, sind eher der Gefahr ausgesetzt, von Kriminellen ausgenutzt zu werden.»

Er selber setzte sich, lange bevor er zum Grenzwachkorps gestossen ist, für die Sicherheit von Menschen ein. Er diente mehrere Jahre als Schweizergardist und in der Armee, zuletzt als Zeitsoldat an einer Offiziersschule. Im Grenzwachtkorps arbeitete er zusätzlich als Air Marshal für die Sicherheit im zivilen Luftverkehr.

Enge Zusammenarbeit

Was die Nationalität der mutmasslichen Schlepper angeht, belegen die Schweizer den Spitzenplatz, gefolgt von Eritreern, Italienern, Kosovaren und Deutschen. Attila Lardori: «Oft haben Schlepperinnen und Schlepper den gleichen kulturellen Hintergrund wie die geschleppten Personen.

Dies, weil es das Kommunizieren erleichtert. Es gibt die weitverzweigten Organisationen, welche vom Beschaffen gefälschter Ausweise bis zum Schlepper ein «Gesamtpaket» anbieten und die man als «Schleppermafia» bezeichnen könne, bis hin zu Gelegenheitsschleppern, welche die Gunst der Stunde nutzten, um etwas dazuzuverdienen.

Dem Grenzwächter ist aufgefallen, dass die Flüchtlinge per Bahn einreisen, die Schlepper jedoch Auto fahren. Das liege daran, dass die grenzüberschreitende Verkehrsinfrastruktur gut ausgebaut sei und es im Bahnverkehr einfach nicht immer Schlepper brauche. Eine grüne Grenze zu überqueren, um an einen bestimmten Ort ins Inland zu gelangen, hingegen sei schwieriger.

Doch wie richtet das GWK die Kontrollen aus, um Schlepper zu finden? Welche Mittel werden wo eingesetzt? «Die Migration hat im Moment eine starke Süd-Nord-Ausrichtung, entsprechend richten wir uns ein», sagt Lardori, «aber ohne ‹Tunnelblick›».

Das A und O sei das Wissen um die Vorgehensweisen und das enge Zusammenarbeiten mit in- und ausländischen Behörden. Dabei nennt er das «GIRP», (Gruppo Interforze Repressione Passatori), eine Task-Force von Kantonspolizei Tessin und GWK, die vom Bundesamt für Polizei in Bern unterstützt wird und speziell die Schlepperkriminalität bekämpft. «Die Schlepper kennen keine Grenzen. Wir aber kennen sie gut. Mit uns Grenzwächtern müssen Schlepper immer rechnen, nicht nur auf dem Plakat in Horriwil.»