In der Heiligen Nacht wird Gabriela Huber wieder keinen Schlaf finden. Wenn andere sich im Bett wälzen, weil sie zuviel geschlemmt haben, plagen die Frau existenzielle Sorgen. Lange, bevor der Weihnachtsmorgen graut, wird sie aufstehen und rauchen. So wie in den vergangenen Nächten seit dem 12. Dezember. Eine Zigarette, dann noch eine. Sie muss ihre aufgewühlte Seele beruhigen.
Gabriela Huber, 57, eine zierliche Frau mit hochgestecktem Blondschopf, wohnt seit fast 30 Jahren in Rüttenen.

Sie ist eine Jenische, wie ihr Mann und ihr Sohn, die beide Charles heissen. Hinter dem Steinbruch Bargetzi hausen sie in einem Mobilheim, einem Mittelding zwischen Verschlag und transportierbarem Chalet. Bis Mitte Januar muss alles weg sein. Die Familie wird ihr eigenes Heim demontieren.

Auf dem Parkplatz steht Charles junior und schleudert alte Holzlatten in eine blaue Mulde. Mutter Gabriela blickt zu ihrem Sohn hinüber und seufzt tief. «Wir werden bald obdachlos sein.»

«Man will uns zivilisieren»

«You Are Welcome» steht auf dem abgewetzten Teppich vor Hubers Behausung. Selber fühlt sich die Familie ausgegrenzt. Weil sie jenisch sind, würden sie oft anders behandelt als andere. «Jetzt will man uns noch zivilisieren.» Charles senior zieht tief am Glimmstängel und setzt sich im Vorraum des Kabuffs hinter die Rüschen-Vorhänge. Auf dem Holztisch züngeln die vier Adventskerzen. Bald haben die Flammen den Wachs aufgezehrt.

Huber zieht die Verfügung aus einem Papierstapel. Am 12. Dezember flatterte die gerichtliche Aufforderung in den Wohnwagen, den Platz in Rüttenen bis am 4. Januar zu verlassen. Was am 15. Januar noch nicht weggeräumt oder dem Erdboden gleichgemacht ist, wird von den Behörden zwangsweise abgeräumt. Charles Huber ist aufgebracht, schlägt mit der flachen Hand auf die Tischplatte. «So weit kommt es noch, dass hier die Polizei auffährt!». Eine Zwangsräumung würde die Familie in ihrer Würde hart treffen.

Charles Huber senior erklärt, was es für die Familie bedeutet, ihren Standplatz in Rüttenen verlassen zu müssen. Er hofft, dass sich für seine Familie bald ein neuer Standplatz finden lässt

Charles Huber senior erklärt, was es für die Familie bedeutet, ihren Standplatz in Rüttenen verlassen zu müssen. Er hofft, dass sich für seine Familie bald ein neuer Standplatz finden lässt

Sein halbes Leben hat der 61-Jährige in Rüttenen verbracht, nie sei er der öffentlichen Hand auf der Tasche gelegen. «Wir haben unsere Schnäbel immer selber gefüttert.» Heute hilft Charles seinem 28-jährigen Sohn bei Handwerksarbeiten aus.

1987, als Gabriela schwanger war, liessen sich Hubers im Steinbruch nieder. Die werdende Mutter wollte in der Nähe ihrer Verwandten in Rüttenen gebären. Per Handschlag machte Charles mit dem früheren Direktor der Steinwerke, Franz Bargetzi, aus, «auf Zusehen hin» an diesem Standplatz zu bleiben. Bewilligt wurden die Bauten nie.

Keine Fahrenden mehr

Als Gabriela noch keine Rückenschmerzen hatte, gingen Hubers in den Sommerhalbjahren auf Reisen, die Winter verbrachten sie in Rüttenen. Charles verdingte sich als Hausierer, verkaufte Antiquitäten und Textilien. Den kleinen Charles unterrichtete die Mutter im Wohnwagen. Das Leben auf Achse kennt das Ehepaar seit der Kindheit, beide wurden in jenische Familien geboren. Seine Familie ist in Fieschertal eingebürgert, die Steuern zahlt er im Wallis. Das Autoschild am schwarzen Geländewagen trägt das Kürzel VS. Charles’ Vater starb früh, die Mutter liess sich in einer Wohnung in Bern nieder. Später heiratete sie einen Jenischen, wieder ging es auf Reisen.

Gabrielas Stamm, die Baders, wurden im 19. Jahrhundert in Holderbank im Thal angesiedelt. «Zur Bekämpfung der Heimatlosigkeit», wie es damals hiess. Seit 2007 sind Hubers sesshaft, wie viele andere ehemalige Fahrende.

Müssten längst weg sein

Charles senior führt durch die Wohnung. Bei den Jenischen, so erzählt er, hätten die Männer das Sagen. Nicht, dass die Frauen unterdrückt würden, aber gehe es darum, für die Familie hinzustehen, sei das Männersache. In den braunen Baracken, wo die Familie früher wohnte, geht Charles junior heute seinem Tagwerk nach. «Das alles müssen wir abreissen.»

Doch unvorbereitet trifft die angedrohte Räumung des Grundstücks die Familie nicht. Bereits seit Ende 2014 dürften Hubers nicht mehr im Steinbruch sein. Doch die Landbesitzerin, die Bürgergemeinde Solothurn, zeigte sich geduldig, bis der Kanton Solothurn einen Platz für die Fahrenden bereitgestellt hat. Nun ist der Geduldsfaden gerissen: Die Bürgergemeinde braucht den Platz für eigene Zwecke. Es sei tragisch, sagt Huber, dass Parkplätze oder Baumstämme mehr wert seien als eine Familie, die zum Teufel gejagt werde.

Die Schweiz hat die Jenischen als nationale Minderheit anerkannt, um dieses kulturelle Gut zu erhalten. Doch in Solothurn wurden sie bisher stiefmütterlich behandelt. Zwar gab es mehrere Anläufe für Standplätze in Biberist. Alle Projekte scheiterten am lokalen Widerstand.

Im Schachen in Deitingen wurde den Jenischen schliesslich ein Platz angeboten. «Das sah wunderbar aus», sagt Charles Huber. Dann drehte der Wind. Auf dem vorgesehenen Gelände soll ein kantonales Flüchtlingsheim gebaut werden. Der Platz sei der Familie nie versprochen worden, beteuert man beim Kanton. Hubers wurden auf den Südplatz verwiesen, wo Hochspannungsmasten Schatten werfen und nebenan die Autobahn rauscht. «Ein menschenunwürdiger Platz», sagt Huber und verwirft die Hände. «Da gehe ich nicht hin.» Er fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen. Zu lange habe er gekämpft, um sich nun auf einen «lärmigen und abgasverpesteten Platz zwingen zu lassen».

Endlich fliessendes Wasser

Die Weihnachtstage verbringen Hubers mit Zügelarbeiten. Pneukran und Lastwagen sind bereits aufgeboten. Wo die Familie auf lange Frist unterkommt, weiss sie nicht. «Wir haben keine gehobenen Ansprüche und geben uns mit wenig zufrieden», sagt Gabriela Huber.

Das zeigt ein Blick in die Wohnung im Steinbruch. Sie ist eng, das Wasser zum Kochen und Duschen wird in einem Kanister herangeschafft, der Toilettentank wird jeden dritten Tag entsorgt. «Wir würden ein grosses Fest machen, wenn wir endlich einen Hahn mit fliessendem Wasser hätten.» Sie würden eine Wohngelegenheit mieten oder auch kaufen. Die einzige Bedingung: Es müsste in der Region Solothurn sein. Hier ist der Hausarzt, hier besucht Charles junior den Hockeyverein, hier sind Hubers Bekannte. In Rüttenen fühlen sich die Jenischen wohl. «Wir haben hier sicher mehr Freunde als Feinde.»

Am wohlsten wäre es ihr in einem Industriegebiet, sagt Gabriela Huber. Dort könnten «ihre Männer» dem Handwerk nachgehen, die beiden Jagdterrier würden nicht stören und die Familie ihr unabhängiges Leben weiterführen. In einer Blockwohnung, davon ist die Frau überzeugt, würde sie zugrunde gehen.