Rüttenen
Der Gemeindepräsident im Gespräch: «Ich lebe in der Gegenwart und schaue nach vorn in die Zukunft»

Markus Boss ist der neue Gemeindepräsident in Rüttenen. Nächste Woche wird er den ersten Gemeinderat leiten.

Judith Frei
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Markus Boss ist der zukünftige Gemeindepräsident von Rüttenen.

Markus Boss ist der zukünftige Gemeindepräsident von Rüttenen.

Hanspeter Bärtschi

«Ich wäre gerne Dirigent geworden», sagt der Bankdirektor und antretender Gemeindepräsident von Rüttenen, Markus Boss (FDP). In seiner Jugend habe er ungefähr sieben Chöre dirigiert. «Das hätte ich zum Beruf machen sollen», meint er augenzwinkernd. Die Leidenschaft für die Musik liege in der Familie, auch seine Eltern und drei jüngeren Geschwistern haben gerne musiziert.

Der 59-jährige Boss ist in Madiswil, im Oberaargau auf einem Bauernhof aufgewachsen und bei der Heirat dann ins Emmental, nach Dürrenroth – «düre be rot», wie er scherzhaft bemerkt – gezogen. «Beim Bauern lernt man arbeiten», ist er überzeugt. Zu Hause haben er und seine Geschwister immer mit anpacken müssen, das habe ihn geprägt. «Es war aber keine leistungsorientierte Familie», betont er.

Politik am Küchentisch

Seine Eltern haben ihm auch das politische Verantwortungsbewusstsein mitgegeben. Abstimmen und Wählen waren Pflicht, am Küchentisch wurde oft über Politik diskutiert. Seine Eltern waren selbst nicht aktiv in der Politik, dafür fehlte die Zeit. Da er sich mit Finanzen auskennt, war er hingegen schon als junger Mann in der Rechnungsprüfungskommission in Dürrenroth, zum Schluss war er gar der Vizepräsident der örtlichen SVP.

Im Emmental hat er seine KV-Lehre absolviert und schon während der Ausbildung überlegt, welche Weiterbildung er machen soll, um voranzukommen. Seine Zielstrebigkeit hat ihn dann zum jüngsten Bankleiter der Schweiz gemacht, gerade mal 32 Jahre alt war er damals. Acht Jahre später wurde er zum Regio-Bank-Chef gewählt und er ist mit seiner fünfköpfigen Familie vom Emmental nach Rüttenen gezogen. Diese Chance habe er, ohne zu zögern, am Schopf gepackt. Auch seine Frau musste er nicht für diesen Schritt überzeugen: «Wir haben sofort Nägel mit Köpfen gemacht.» Das war vor 20 Jahren.

«Das ist eine lange Zeit. Ich schaue selten zurück. Ich lebe in der Gegenwart und schaue nach vorn in die Zukunft»,

sagt er.

«Die SVP ist mir hier zu radikal»

Auch in Rüttenen war er nach dem Zuzug in der Gemeinde aktiv. Er war Mitglied der Finanz- und Rechnungsprüfungskommission. Damals noch als Parteiloser. «Die SVP ist mir hier zu radikal», begründet er diesen Schritt. Bei den Bürgerlichen fühle er sich heutzutage zu Hause, wegen der liberalen Werten. Damit meint er weniger Gesetze und Vorschriften, dafür mehr Selbstverantwortung. Und: Ihm ist ein umsichtiger Umgang mit den Steuergeldern wichtig. Als die FDP ihn anfragte, ob er sich das Amt als Gemeindepräsident vorstellen könne, hat er, sobald er das grüne Licht des Verwaltungsrats der Regio Bank gekriegt hat, Ja gesagt.

Was jetzt genau auf ihn zukommt, kann er nicht einschätzen. «Ich bin gespannt, wie die Arbeitsbelastung ausfällt.» Kapazitäten habe er neben seiner Vollzeitstelle: «Sonst hätte ich nicht Ja gesagt.» Er findet immer Zeit für seine privaten Projekte neben seiner Arbeit. Momentan trainiert er mit seiner Frau für einen Marathon, der Ende September stattfindet. Ist die Zeit mal knapp, dann geht er um 5 Uhr am Morgen vor der Arbeit rennen. «Ich mag es zwar nicht, früh aufzustehen, aber fünf Minuten nachdem mein Wecker geklingelt hat, wäre ich bereit, an einer GV zu referieren», meint er lachend.

«In der Zonenplanung gibt es Optimierungspotenzial»

Als Gemeindepräsident will er «Rüttenen voranbringen», wie er es ausdrückt. «Rüttenen ist eine sehr attraktive Wohngemeinde, aber es harzt beim Marketing», so der FDP-Mann. Die Einwohnerzahlen stagnieren, das findet er schade. Ein Weg, um das zu ändern, sieht er bei der Ortsplanungsrevision. Diese Revision will er als Gemeindepräsident begleiten. «In der Zonenplanung gibt es Optimierungspotenzial», ist er überzeugt. In Rüttenen gäbe es noch Land, das man zur Verfügung stellen könne.

Er ist gespannt darauf, wie die Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung und dem Gemeinderat klappen wird. «Als neuantretender Gemeindepräsident muss man zuerst ein Rollenverständnis entwickeln», ist er überzeugt. Er müsse dann eine gute Balance finden, zwischen operativ einzugreifen und strategisch zu führen.

Er mache sich aber keine Sorge: «Ich verstehe mich mit dem Gemeindeschreiber tipptopp.» Wie es mit dem Gemeinderat funktionieren wird, kann er noch nicht abschätzen. Als Chef einer Bank könne man sein Team selbst zusammenstellen, während der Gemeinderat vom Volk gewählt werde. «Im Ressort-System müssen die Gemeinderäte Inputs bringen», das fordere ein gewisses Engagement. Das sei dann insbesondere für Projekte wie zum Beispiel dasjenige der ARA wichtig. Die verschiedenen Projekte will er sauber und zügig umsetzen.

Wie lange er Gemeindepräsident bleiben will, hänge davon ab, welchen Rückhalt er geniesst, ob es ihm Spass mache und wie es ihm gesundheitlich geht. «Wenn die Faktoren stimmen, dann mache ich das sicher für zwei Legislaturen.»