1975 trat Ruedi Bianchi im Alter von 21 Jahren seine Stelle als Kanzleisekretär in Luterbach an. Vier Jahre später wurde er als Gemeindeschreiber gewählt. Und bei diesem Job ist der gebürtige Luterbacher geblieben. Heute Freitag hat er seinen letzten Arbeitstag. Weil die Büroverteilung neu geregelt wird und die Räumlichkeiten frisch gestrichen werden, musste Bianchi sein Büro schon einige Tage vorher räumen. Aber das hat ihn nicht aus der Ruhe gebracht. Fünf Gemeindepräsidenten hat er seit 1975 erlebt: Angefangen bei Alois Kofmel, Rolf Liechti, Max Wittwer, Hugo Schumacher bis hin zu Michael Ochsenbein. «Leider wurde nie eine Frau gewählt», so Bianchi. Mit Margrit Rüfenacht gab es wenigstens einmal eine Statthalterin.

«Ich war Pass-Spieler und Anspielstation»

Sprüche wie «mir ist es egal, wer unter mir Gemeindepräsident ist», sind nicht Ruedi Bianchis Sache. Er habe seinen Auftrag mehr als «Pass-Spieler» für die Behörden und als «Anspielstation» für die Bevölkerung verstanden. Heisst: Die politischen Geschäfte vorbereiten und den Gemeindepräsidenten oder den Rat auf aktuelle Themen aufmerksam zu machen. Der Bau der Seniorenwohnungen und die Gründung der Genossenschaft für Wohnen im Alter ist ein Beispiel dafür. «Dieses Thema war mir immer ein grosses Anliegen.»
Nur ein einziges Mal in seiner Tätigkeit als Gemeindeschreiber habe er einen Beschluss des Gemeinderates aktiv angefochten. Und darauf ist er heute noch stolz. «Mit einer Volksmotion habe ich den Kanton dazu gebracht nach der Schliessung der Bahnschranke, die damalige Unterführung beim Bahnhof für Fussgänger und Velofahrer zu verbessern.» Als Folge davon wurde nordseitig der Kreisel gebaut. «Für mich war klar, wenn wir jetzt nichts tun, dann wird diese Unterführung nie mehr gebaut.»


1975 wurde auf der Gemeindeverwaltung noch mit Schreibmaschine und Durchschlagpapier gearbeitet. Heute läuft alles elektronisch und am Schalter wird viel Englisch gesprochen, wegen der Mitarbeiter der Firma Biogen. «Unsere Lehrlinge machen das gut. Sie beherrschen Fremdsprachen und haben die Technik im Griff», meint Bianchi.

Er erinnert sich aber gleichzeitig auch gerne an seine Anfangszeiten. Als Luterbach eine blühende Volkswirtschaft hatte. «Das Attisholz, Sulzer, Scintilla und Schöller-Textil boten viele Arbeitsplätze.» Gerade auch die ehemaligen Direktoren des Attisholz prägten die Politik und die Gemeinde mit. Setzten sich für Luterbach ein. Der Kontakt zu diesen Menschen war für Bianchi auch eine Art Lebensschule und Weiterbildung.

Viel Arbeit schlummert im Archiv

Als Gemeindeschreiber war Bianchi lange Jahre auch Zivilstandsbeamter. «Bis zur Regionalisierung der Zivilstandsämter durfte ich 388 Paare trauen.» Zudem hat er in den 44 Jahren geschätzte 1500 Abendverpflichtungen absolviert. Alles zusammengezählt habe er, hat Bianchi nachgerechnet, im Gemeinderat und an Gemeindeversammlung, in diversen Arbeitsgruppen und Ausschüssen sowie in der damaligen Fürsorge-, der Gesundheits-, der Wasser- und der Friedhofkommission rund 25'000 Protokollseiten verfasst. «Die Behörden mussten ab und zu lange auf die Protokolle warten, was nicht immer befriedigend war. Das Deprimierende für mich ist aber etwas anderes. Es gibt Menschen, die verfassen ein Buch mit einem Prozent dieses Volumens, als 250 Seiten, und schreiben Bestseller, wogegen meine Arbeit, von relativ wenigen Personen gelesen, im Archiv schlummert.»

Viele wollten sich verabschieden

Nach der letzten Gemeinderatssitzung wurde Ruedi Bianchi verabschiedet. Nicht nur die amtierenden Gemeinderäte und Gemeindepräsident Michael Ochsenbein waren mit dabei, sondern auch Rollstuhlsportler Heinz Frei, der viele Jahre in Luterbach lebte, Ständerat Roberto Zanetti, die beiden alt Gemeindepräsidenten Max Wittwer und Hugo Schumacher, sowie eine Delegation aus der Walliser Partnergemeinde Guttet-Feschel. «Ich könnte hier stundenlang erzählen und auf die letzten 44 Jahre zurückblicken», meinte Ruedi Bianchi in seiner Abschieds- und Dankesrede. Er hielt sich aber dann doch kürzer und pickte einige Details heraus. «1975 umfasste das Gemeindebudget 15 Seiten. Aufwand und Ertrag beliefen sich auf 4,2 Mio. Franken. Beim aktuellen Budget liegt die Summe mit 16,9 Mio. Franken vier Mal höher und die Unterlagen sind um das Fünffache auf 71 Seiten angewachsen.» Bianchi bedankte sich zudem bei den Luterbacher Finanzverwaltern: «44 Jahre lang oder 527 Mal erhielt ich pünktlich meinen Zahltag.» Ganz speziell im Gedächtnis blieb Ruedi Bianchi auch ein Votum des ehemaligen FDP-Gemeinderates Jürg Liechti, das heute brandaktuell ist. «Vor über 25 Jahren sprach dieser sich gegen weitere Parkplätze im Dorfzentrum aus. Er verwies dabei auf Messergebnisse und warnte vor den Auswirkungen der zu hohen CO2-Belastung.»

Willi Ritschard legte Bianchi nach seiner Wahl als Gemeindeschreiber etwas ans Herz: «Keiner soll das Büro verlassen, ohne dass ihm geholfen worden ist. Dies wurde mir zu einer Art Credo. Wenn es mir nicht immer gelungen ist, bitte ich um Nachsicht.»

Heute Freitag verlässt Ruedi Bianchi das Gemeindehaus gemeinsam mit einer Gruppe Leute. «Sie begleiten mich zu Fuss bis nach Langenthal, wo ich heute wohne.» Ein Jahr lang wird er dann zum Hausmann und will diese Zeit vor allem nützen, um richtig kochen zu lernen. Zudem möchte er das Velo wieder vermehrt hervorholen, reisen, lesen, Konzerte besuchen und natürlich auch künftig viel wandern.