Ausstellung
«Raum zum Klingen bringen»

Im Schlösschen Vorder-Bleichenberg in Biberist stehen sich Anne Rüede und Heinz Gerber mit ihrem Schaffen gegenüber.

Eva Buhrfeind
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Hansjörg Sahli

«Archetyp der Vollendung» – Es sind diese drei Wörter, welche die reizvolle Buchkassette begleiten, die Anne Rüedes künstlerisches Leitmotiv der schöpferischen Formvollendung definieren. Denn in ihren in sich ruhenden, tiefgründigen Farbräumen, die aus einer feinsinnigen, man möchte sagen nachhaltigen Philosophie leben, entwickelt die Künstlerin mit grosser Sorgfalt und Leidenschaft immer neu ein Ritual der Kontemplation und des Gleichklangs, der mit Bedacht gesetzten Kontrapunkte. Eine formvollendete Ästhetik, die auch die Betrachtenden miteinbezieht und Räume neu bespielt.

Stets ist ihr künstlerischer Ausdruck, ihr malerisches Engagement eine ebenso konzentrierte wie bewusste Sinnesreise der dezenten Wandlungen und Erweiterungen, der subtil austarierten Zwischentöne und einander korrespondierenden Farbklänge geblieben, in denen malerische Zeichen, tänzerisch anmutende gestische Formationen und feine entspannte Spuren die strenge Reduktion beleben.

Zurückhaltende, nicht stille Welt

Dennoch ist ihr malerisches Œuvre eine zwar zurückhaltende, aber nicht stille Welt der Farben, die der Stille Raum und eine zarte beschwingte Musikalität verleihen. Wie jetzt in dieser sparsam wie sorgfältig gehängten Ausstellung im Schlösschen Vorder-Bleichenberg. Drei Jahre nach ihrer grossen Ausstellung anlässlich ihres 80. Geburtstages bringen ihre Bilder «Den Raum zum Klingen», erhält jeder Raum seine spezielle Farbinszenierung, seine Farbklangmelodie und der Betrachter einen Ort der Besinnung. Die Bildformate sind wie immer variabel vom kleinen Quadrat über schlanke Bildstelen, über die Miniaturen bis zu grösserformatigen Werken. Und als reizvolle Ergänzung finden sich im 1. Stock die poetischen Arbeiten auf handgeschöpftem Papier, die spannungsvoll arrangierte Buchkassette.

In der Einzelbetrachtung wie im Gesamteindruck erweist sich bei Anne Rüede das Immaterielle der Farben als kraftvoll spirituelles Moment, getragen von ihrer künstlerischen Neugier, deren Konzentration sie mit fein gesetzten zeichenhaften Akzenten, filigranen Strukturen und lustvollen malerischen Gesten raffiniert aufbricht. Wie immer in ihren Arbeiten zeigen sich die farbkompositorisch fein modulierten Oberflächen, die sorgfältig komponierten Kontraste von klangvoll und feinstimmig, von Monochromie und rhythmischen Resonanzen als bewusst umgesetzte, vielschichtige Entstehungs- und Entwicklungsprozesse, wenn die Künstlerin auf den Spuren des Fresko im aufwendigen Bildaufbau, in der vollkommenen Harmonie der Farbton-Klangräume, «das, was hinter dem Dingen liegt, erfahrbar machen möchte».

Ungeschönte Eleganz

Auch bei den Bronzeplastiken von Heinz Gerber lässt sich eine Art «Archetyp der Vollendung» herauslesen. Es ist eine ungeschönte Eleganz, die den formalen Prozess, das keramische Urprinzip und die formgebende Materialität des Tons thematisiert. Der 1933 in Langnau i. E. geborene Künstler arbeitet seine Plastiken denn auch zuerst in Ton aus, konzentriert die Kerben, angeschnittene oder gewickelten Formen und Schnitte im weichen Ton, die formende und gestaltende Hand, die eingesetzten Werkzeuge, Bruchkanten, Einbuchtungen, zu einer reduzierten Figuration, um sie in Bronze gegossen zu einer eleganten Vollendung zu führen. In diesen in sich ruhenden, gleichzeitig sich unnahbar gebenden Bronzeplastiken der Jahre 2010 und 2006–2008 wirkt zwar das Vertraute und Unvergängliche der bronzenen Materialität wie selbstverständlich und einfach.

Doch so still und unnahbar sie sich auch geben, bei diesen in Bronze gegossenen Objekten ist auch die Spannung eigenwillig, die diese reliktartigen Figurationen ausstrahlen. Eine Spannung, die in der von Hanspeter Dähler, Kunstforum Solothurn, mit Bedacht eingerichteten Werkschau rätselhaft wirkt, die sich nicht gleich auf Anhieb offenbart, sondern als immaterielles Moment auf die unvergängliche Kraft der künstlerischen Urgestaltung verweist.

Bis 21. Mai. Geöffnet: Mi+Do 16–19 Uhr, Sa + So 14–18 Uhr. Vernissage: morgen Sonntag, 30. April, 11 Uhr, Einführung Patricia Bieder. Matinee-Konzert: Sonntag, 7. Mai, 11 Uhr.

Ausklang: Sonntag, 21. Mai, 11 Uhr.