Sonnenenergie
Produzenten müssen mit mageren Erträgen leben – Lohnt sich Solarstrom noch?

Aktuell zahlen die Netzbetreiber wenig für den Strom aus der Photovoltaikanlage auf dem Dach. Kein Problem sagt der Solarbauer, schliesslich spare man viel dank Eigenverbrauch.

Urs Byland
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Die Solaranlage auf dem vor einem Jahr fertiggestellten Mehrfamilienhaus von Bernhard Lehmann.

Die Solaranlage auf dem vor einem Jahr fertiggestellten Mehrfamilienhaus von Bernhard Lehmann.

Urs Byland

Der Betrieb einer Solaranlage auf dem Dach soll sich lohnen, damit ein Anreiz besteht, überhaupt eine Anlage zu installieren. Bernhard Lehmann hat als Architekt und Mitbauherr in Biberist eine Anlage auf einem 5-Familien-Haus realisiert. «Jetzt muss ich miterleben, wie die Fördergelder in grösserem Stil bei den Stromkonzernen versanden», sagt er. Er befürchtet, die Anlage nicht mehr kostendeckend betreiben zu können, zu gering findet er die Abgeltung durch den lokalen Energieversorger. Dieser hat auf Neujahr die Rückvergütung von 9 auf 5 Rappen pro Kilowattstunde festgelegt.

Der Markt ist kompliziert. Fast nur die Anlagebauer kennen sich aus und füllen für die Bauherren Formulare für Fördergelder, Herkunftsnachweise etc. aus. Deshalb die Frage an den Solaranlagebauer: Lohnt sich der Bau einer Solaranlage nicht mehr? Noah Heynen, Geschäftsführer beim regionalen Anbieter Helion Solar, muss nicht lange überlegen. «Im letzten Jahr haben wir 600 Einfamilienhäuser mit einer Anlage bestückt. Auch dieses Jahr ist die Nachfrage bisher sehr gut.»

Das Zauberwort sei in Zeiten niedriger Vergütung im freien Markt «Eigenverbrauch». Dieser ist erst seit 2014 gesetzlich erlaubt und muss von den Stromhändlern ermöglicht werden. Aktuell betrage der durchschnittliche Strompreis in der Schweiz 21,6 Rappen pro Kilowatt. «Mit jedem Kilowatt Eigenverbrauch vermindert sich die Stromrechnung um diesen Betrag.»

Der Eigenverbrauch erreicht aber höchstens 30 Prozent. Mit einer geschickten technischen Organisation, wenn man etwa den Wasserboiler um die Mittagszeit mit Strom von der eigenen Solaranlage füttert, kann der Eigenverbrauch gesteigert werden. Noch besser fährt, wer eine Sonnenbatterie anschafft. Mit dieser kann der Eigenverbrauch des selber produzierten Stromes auf bis 90 Prozent gesteigert werden. So weit der Anlagebauer.

Marktabhängig

Was sagt der Stromversorger? Nachvollziehbar seien die tiefen Preise, welche Solaranlagebesitzer für ihren Sonnenstrom erhalten, wenn man die Verkaufspreise betrachtet. «Die Rückvergütung ist marktabhängig», erklärt Per Just, Präsident Energieversorgung Biberist. Strom könne nicht zu einem höheren Preis abgenommen werden, als er verkauft wird. Simpel und einfach.

Geschäftsführer Peter Kofmel ergänzt, dass ihr Preis für die Rückvergütung auf Basis einer Empfehlung des Bundesamtes für Energie vom Verwaltungsrat festgesetzt wurde. Die Rückvergütung soll dem durchschnittlichen Verkaufspreis minus 8 Prozent entsprechen.

Betrachtet man das Tarifblatt der Energieversorgung Biberist, ist der Hochtarif zwar mehr als doppelt so hoch. Aber der Niedertarif liegt genau bei diesen 5 Rappen und Grossbezüger erhalten den Niedertarif sogar für 4 Rappen pro Kilowattstunde.

Strom zweimal verkaufen

Diese Rechnung stimmt also ziemlich gut, aber für den Stromerzeuger ist sie nur ein Teil des Ganzen. Denn der Energietransfer ist grundsätzlich gelöst von einem zweiten Markt, dem des Herkunftsnachweises.

Wer eine Solaranlage betreibt, versucht, seinen überschüssigen Strom zu verkaufen. Für die Vergütung des Überschusses bestehen grundsätzlich folgende drei Möglichkeiten: Verkauf zum Marktpreis, Verkauf an eine Ökostrombörse oder Vergütung durch die Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV).

Hier kommt er aber auf eine Warteliste. Unter 10 Kilowatt, das sind die meisten Anlagen auf Einfamilienhäuser, gibt es keine Wahl. Der Solaranlagebesitzer erhält rund 20 Prozent der Investitionskosten in Form einer Einmalvergütung vom Bund zurück, und den überschüssigen Strom muss er einem Energieversorger verkaufen. Liefert die Anlage zwischen 10 und 30 Kilowatt kann der Besitzer wählen zwischen KEV und Einmalvergütung. Darüber wird normalerweise KEV beansprucht.

Davon losgelöst lässt der Anlagebesitzer seinen mit Sonnenenergie erzeugten Strom zertifizieren und verkauft das Zertifikat. Für diese Zertifikate gibt es einen regen Handel, denn jeder Stromanbieter kann wiederum auch nur zertifizierten Strom verkaufen, sodass der Kunde weiss, wie die Energie hergestellt wurde. Diese Herkunftsnachweise bringen nochmals 3 bis 9 Rappen pro Kilowattstunde, wie von der koordinierenden Swissgrid zu erfahren ist. Hier muss aber der Stromerzeuger selber aktiv werden und die Zertifizierung seines Stromes einholen. «Natürlich helfen wir auch mit Beratung beim Herkunftsnachweis», so Peter Kofmel.

Viele Parameter

Ob eine Solaranlage profitabel ist und in welchem Grad, hängt von einer Vielzahl Faktoren ab, von denen als wichtigste die Planung, die mit der Anlage verbundenen Kosten sowie die laufenden Erträge inklusive allfälliger Zuschüsse zu nennen sind. Darüber hinaus spielen auch bauliche Voraussetzungen, Bewilligungen, Steuern oder das eigene Verhalten eine wichtige Rolle.

Das Kosten-Nutzen-Verhältnis kann nur im Einzelfall betrachtet werden. Die Erfolgszahlen von Helion Solar zeigen aber, dass trotz tiefen Stromkosten, viele Eigenheimbesitzer eine Solaranlage auf dem Dach als lohnenswert betrachten.

«Droht ein Ausbaustopp der Photovoltaik?»

Auch die von Bernhard Lehmann kritisierte Grundgebühr für den Stromzähler verteidigt Per Just als gerechtfertigt und nicht als Massnahme, Solaranbieter zu vergraulen: «Das stelle ich vehement in Abrede.» Im Gegenteil müsste aus seiner Sicht diese Grundgebühr eigentlich höher sein, weil der Zähler nicht einfach wie beim Normalkunden einmal alle drei Monate abgerechnet wird, sondern alle 15 Minuten die Werte ermittelt. «Die Auswertung dieser Daten führt zu einem erheblichen Mehraufwand, den wir nicht verrechnen.»

Aber Per Just ist schon bekannt, dass es Stromversorger gibt, welche den Solaranlage-Besitzern das Leben vergraulen. Er ist nicht allein damit. Der ehemalige Basler SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner schreibt in einem Gutachten im Auftrag der Swissolar von «diskriminierenden Tarifstrukturen» und fragt: «Droht ein Ausbaustopp der Photovoltaik?» Als Beispiel erwähnt er in seinem Gutachten einen Netzbetreiber im Kanton Zug, der von Besitzern einer Solarstromanlage (14,8 kW) mit Eigenverbrauch einen Leistungspreis von Fr. 58.10 monatlich einfordert. Berechnet man in diesem Fall die Stromkosten pro Jahr, zahlt der Konsument mit einer Solarstromanlage mehr als ein Konsument ohne Solaranlage, obwohl er wesentlich weniger Strom vom Netz bezieht.

Wie erklärt die Zuger Stromfirma diesen Leistungspreis? «Das Stromnetz muss so ausgelegt sein, das es den maximalen Strom, der von einer Quelle bezogen oder eingespeist wird, transportieren können muss. Dieses Maximum bestimmt gewissermassen die Dicke der Leitung – also nicht, wie viel ein Kunde im Durchschnitt bezieht, sondern wie viel er im Maximum (Leistungsspitze) bezieht», schreibt deren Mediensprecher Robert Watts. Dieser Maximalwert bestimme die Investitionen, die ins Stromnetz getätigt werden müssen. Wenn beispielsweise in benachbarten Blöcken beim Eindunkeln Licht in den einzelnen Wohnungen eingeschaltet wird, so ergeben sich vergleichsweise geringe Veränderungen (für Privatkunden seien demnach Leistungspreise nicht gegeben).

Anders sieht es bei Photovoltaikanlagen aus, wenn sich beispielsweise Wolken
verschieben, die Sonne freigeben und leistungsfähige PV-Anlagen gleichzeitig beginnen, Strom zu produzieren und ins Netz abzugeben. Hier können Leistungsspitzen entstehen. Daher sei die Preiskomponente «Leistungspreis» für dieses Tarifmodell eingeführt worden.

Der Zuger Netzbetreiber hat aber auf die Kritik von Rechsteiner reagiert und noch in diesen Tagen das Abrechnungssystem korrigiert. «Rechenbeispiele haben gezeigt, dass gewisse Solarstromproduzenten in unserem Netzgebiet vom aktuellen Tarifmodell benachteiligt sind.» Die Zuger Firma will dem Rechnung tragen und die Bezugstarife für Eigenproduzenten von Solarstrom rückwirkend zum 1. Januar 2016 bereinigen. (uby)