Anouk Kuitenbrouwer, Ihr Büro plant in Rotterdam, Frankfurt, Hamburg oder Shenzhen (China). Wie fühlt es sich an, im Dorf Zuchwil ein neues Quartier zu gestalten?

Anouk Kuitenbrouwer: Wir sind als Büro seit langer Zeit in der Schweiz präsent und haben in vielen Orten etwa Aarau, Olten oder Solothurn gearbeitet.

Also haben Sie sich bereits an die «kleinen» Verhältnisse hier gewöhnt?

Wir kennen uns in der Schweiz inzwischen gut aus, beispielsweise mit der Planungskultur, der Gesellschaft, der Politik, mit vielen Sensibilitäten, die Planungen mitbestimmen. Vor Ort sind wir näher dran an diesen Fragestellungen. Diese Nähe erleichtert uns den Zugang zu den Aufgaben oder den Erwartungen der Bauherren und den Bedürfnissen der künftigen Bewohner. Wir können besser kommunizieren und öfters vor Ort sein.

Was ist das Besondere am Riverside-Areal?

Das sind mehrere Elemente. Natürlich die Lage an der Aare, das kann man nicht oft genug betonen. Diese wunderbare Situation galt es für die Planung so gut als möglich auszunutzen. Und wir sind in einem Industriegebiet, das weiterentwickelt werden soll.

Ein modernes Quartier mit grossstädtischen Strukturen könnte in Zuchwil entstehen.

Ein modernes Quartier mit grossstädtischen Strukturen könnte in Zuchwil entstehen.

Das ist nicht immer so.

Ja, oft geht es in diesen Gebieten um Transformationen und Neunutzungen. Hier geht es dagegen um eine Weiterentwicklung eines Arbeitsgebietes. Dazu kommen die Umgebung und die Nachbarschaftsquartiere. In welchem Massstab sind diese ausgestaltet, wie wird dort gelebt und wie bringen wir diese Komponenten zusammen? Das neue Wohngebiet soll als Bindeglied wirken, das die Identität des Quartiers bestimmt. Dabei gehen wir stark auf die Umgebung ein.

Industrie, Arbeiten und Wohnen, wie funktioniert hier Planung?

Wir beachten unzählige Fragen. Wie gehen wir an die Aufgabe heran, was beachten wir in diesem Kontext, wie stellen wir uns die künftige Bewohnerschaft vor, welche Erwartungen werden an die Wohnumgebung gestellt? Wichtig war auch die Frage, wie betten wir das Areal so ein, dass es eine eigene Identität erhält, sich aber in die Umgebung einfügt? Beispielsweise der Übergang zum Quartier Unterfeld: Hier ist es eigentlich selbstverständlich, dass eine gute Vernetzung entsteht, dass die Wege weitergeführt werden und die ansässigen Bewohner künftig durch das Areal gehen können.

Die Auseinandersetzung mit der Umgebung, wo hat diese konkret Fragen aufgeworfen?

In diesen Fall war die Körnung der Gebäude besonders wichtig. Also wie gross sollen sie sein, planen wir mit neuen Typologien, die man vielleicht in der Umgebung nicht vorfindet, wie abwechslungsreich sollen sie sein? Das schafft auch Identität. Wir wollen keine gesichtslosen Vorstadtbauten. Für das Riverside-Areal haben wir uns für kleinere Strukturen entschieden.

In der Millionenstadt Shenzhen konnten Sie mit Hochhäusern planen ...

Ja, hier haben wir gesagt, es muss etwas zwischen Dorf und Kleinstadt sein. Diese Grösse haben wir gesucht. Das erlaubt uns verschiedenste Wohnungstypen anzubieten und damit verschiedene Bewohnertypen anzuziehen.

Auffallend ist die rechtwinklige Struktur des Quartiers. Warum eigentlich?

Wir planen mit einer Struktur, die langfristig umgesetzt werden kann. Wir überlegen uns eher das Zusammenspiel von Objekten und denken weniger in Einzelobjekten. In dieser von uns entworfenen Struktur müssen die verschiedenen Objekte, also die künftigen Gebäude, mit den benachbarten Gebäuden korrespondieren. In diesem Gewebe können wir uns die einzelnen Gebäude gut vorstellen. In unseren Plänen gehen wir aktuell von Bauvolumen aus. Mit der Ausgestaltung der Gebäude sprich Architektur wird vieles verfeinert. Der vorhandene Spielraum wird dann von den Architekten ausgefüllt. Mit solchen Strukturen und dem Typologie-Charakter der künftigen Gebäude prägen wir das künftige Quartier. Und mit der Gestaltung der Aussenräume und Landschaft schaffen wir die gewünschte
Atmosphäre.

Was ist noch typisch für das Riverside-Areal?

Zur Struktur des Riverside-Areals gehören auch diese fünf «Finger», gemeint sind Grünstreifen, die vom Aareraum ins Quartier hineinführen. Diese Struktur haben wir übernommen.

Wie kamen Sie auf die Idee, die umstrittene Widi in einen öffentlichen Park zu verwandeln?

Diese Idee hat sich ganz natürlich ergeben. Der Aareaum ist heute eigentlich nicht schön, aber es ist viel Potenzial vorhanden. Es ist eben Industrieareal. Wir haben nebenan den Widiwald, und wir wollten diesen hochwertigen Grünraum so weit als möglich in Richtung Solothurn ziehen. Wir haben gesehen, dass mit einer kompakten Planung dieser Grünraum entstehen kann. Das hat uns erlaubt einen schönen Übergang vom Grünraum zum Wohnraum zu schaffen.

Die Gegner des Projektes finden nun, dass die Widi ja gar nicht verkauft werden muss, weil sie nicht überbaut wird. Was sagen Sie als Planerin dazu?

In jeder Planung gibt es verschiedene Interessen, das ist normal. Städtebau heisst, mit vielen Interessen umgehen und diese abwägen: privat versus öffentlich, kleine und grosse Interessen. Das muss alles in einer Planung untergebracht werden. Hier war uns wichtig: Wenn wir einen hochwertigen Raum für viele schaffen, das Areal öffnen und der Widipark einen Puffer bildet, dann haben wir eine Win-Situation für viele, fürs Quartier und für die ganze Dorfbevölkerung.

Das Widi-Areal

Das Widi-Areal

Wer wird im Riverside wohnen?

Von uns aus gesehen, so viele verschiedene Menschen als möglich. Das ist auch das Ziel des Masterplans. Das Quartier wird sich über fünfzehn Jahre füllen und das Angebot kann in diesem Zeitraum auch an die kommenden Bedürfnisse angepasst werden.

Wie beeinflusst die Vorgabe des Investors eines Zielpublikums ihre Studie?

Der Studienauftrag sollte aufzeigen, was eine geeignete Bebauungsstruktur ist. Im Masterplan wurde die beste Lösung weiter verfeinert. Dazu kommt die Vorstellung des Wohnungsmixes. Unsere Antwort darauf ist, wie wir diese auf das Areal verteilen, welchen Charakter das Quartier haben soll und mit welchen Typologien wir planen.

Gestartet wird im Westen, das ist immer noch der Fall?

Ja dort startet die erste Phase auf zwei bis drei Baufeldern mit ersten Wohnungen und einem höheren Haus, welches die gleiche Höhe haben wird, wie das bisher höchste Gebäude auf dem Areal Riverside.

Ein Thema war ein autoarmes Quartier, wie erreichen Sie dieses?

Wir mussten weit vorausdenken und präzise über die Bauetappen hinaus das Parken planen. Das ist für einen Masterplan eigentlich nicht üblich. Wir mussten Fragen beantworten, wie das Parkieren gemanagt werden soll und wie sich die Parkplätze über die Etappen hinaus verändern könnten.

Wenn das Parkhaus steht, müssen die Quartierbewohner trotzdem noch eine Strecke gehen. Wie erreichen Sie, dass dies akzeptiert wird?

Das ist natürlich eine Frage der Kultur. Der Gebrauch des Autos soll durch unser Mobilitätskonzept weniger attraktiv werden. Wir haben verschiedenen Typen von Parkplätzen geplant. Es hat Parkplätze bei den Häusern, es sind kleinere Parkplätze in der Nähe von den Häusern vorgesehen und wir haben zwei Parkhäuser geplant. Aber für eine nachhaltige Planung braucht es eine Umstellung zum Langsamverkehr, auf Fahrrad- und Fusswegen und einen Ausbau des öffentlichen Verkehrs.

Wie lange sind Sie noch bei diesem Projekt dabei?

So lange ich kann. Wir würden uns natürlich sehr freuen, die Umsetzung auch begleiten zu können.