Nicht die Aussicht auf den Apéro sondern das Interesse an der Weiterentwicklung ihres Dorfes bewog 48 Luterbacherinnen und Luterbacher, am Workshop in der Aula des neuen Schulhauses teilzunehmen. Mit dabei waren 13 Schülerinnen und Schüler der 5./6. Klasse.

Durch die Veranstaltung führten der gemeinderätliche «Planungsminister» Jürg Nussbaumer sowie die in dieser Materie bewanderten Reto Affolter und Ladina Schaller vom Büro WAM. Gemeindepräsident Michael Ochsenbein hatte mit der viel diskutierten und im Rat wegen fehlender Zonenkompatibilität abgelehnten Ansiedlung eines Puffs auf heitere Weise erläutert, was eine Ortsplanung bezweckt.

Die Vorarbeit zu diesem Abend hatten bereits die Jugendlichen geleistet, indem sie kritisch durch ihren Wohnort gegangen waren und anhand von Feststellungen konkrete Verbesserungsvorschläge entwickelt hatten. Stellvertretend für die Arbeit aller Jugendlichen hoben Martina, Lena, Sven, Dounia, Fiona, Seraina, Samuele, Luca und Anes in vier Präsentationen besondere Objekte im Dorf hervor. Sie betonten, was ihnen daran gefalle und was zu ändern sei.

Mehr Natur und Graffitis

Höchstnoten erhielten der grosse Pausen- und Spielplatz an der Schule, das Waldhaus, die eigene Feuerwehr, die Ärzte im Dorf und die guten Einkaufsmöglichkeiten. Begrüsst wurde auch die Flüchtlingsunterkunft, verbunden mit der Hoffnung, dass nach Abriss des Gebäudes an anderer Stelle eine neue Unterkunft geschaffen werden könne. Als Mangel bezeichneten die Jugendlichen die fehlenden Rampen am Bahnhof zugunsten von Behinderten und Kinderwagen. Auch die enge Unterführung macht ihnen Sorgen, solange kein den Gegenverkehr abzeichnender Spiegel vorhanden ist.

Ebenso kritisch sahen sie fehlende Fussgängerstreifen und das blaue Haus, das frühere Restaurant «Kreuz», gefiel ihnen gar nicht in seiner auffälligen Farbe. Mit Kontrolle und Verbotsschild liesse sich aus Sicht der Heranwachsenden die illegale Entsorgung von Flaschen und Müll an der Treppe zur Alten Turnhalle unterbinden. Willkommen an dafür geeigneten Flächen seien gute Graffitis – aber keine Schmierereien. Und etwas mehr Natur auf dem Dorfplatz wäre besonders schön. Schmunzeln im Plenum erzeugte ihre Feststellung, ob der moderne Baustil der reformierten Kirche überhaupt zu einem Gotteshaus passe.

Luterbach von 1850 bis heute

Mit Kartenmaterial zeigten Schaller und Affolter, wie sich das Dorf Luterbach von 1850 an bis in die Gegenwart entwickelt habe. Diese «Zeitreise» ergab, dass aus den Siedlungsstreifen entlang der beiden Dorfbäche und mit der Zähmung der wilden Emme sich mit wachsender Infrastruktur ein Dorfkern ausbildete. 1880 wurden Luterbach durch die Eisenbahn erschlossen. Industrien wie die Kammgarnspinnerei, das damit verbundene «Elsässli» entstanden, bis die Zunahme der Bevölkerung 1930 den Bau eines Schulhauses erforderte. Um 1900 lebten 1'500 Personen in Luterbach, um 2000 waren es 3'300. Jetzt sind es 3'410.

Mit einem Stärken- und Schwächenprofil, an dessen Formulierung sich alle Anwesenden beteiligten, entstand ein vielfarbiges Bild der Gemeinde. Positiv vermerkt wurden die gute Schule, der funktionierende öffentliche Verkehr, Vereinsleben, Infrastruktur, nochmals die Feuerwehr und die bevorstehende Ansiedlung von Biogen.

Zu den Nachteilen bemerkten Beteiligte, dass ein Jugendtreff fehle, dass die Schliessung der Post eine unüberlegte Sache sei, dass naturnahe Flächen vermisst würden, dass es im Dorf zu viele «Sackgassen» gebe, und dass manchmal der abendliche Lärm von der Schulanlage störe.

Bahnhofzugang verbessern

Planer Affolter erklärte das Leitbild als Grundlage für die Ortsplanung innerhalb eines zeitlichen Horizontes von bis zu 30 Jahren, «Wie sollen dann die Bodennutzung, die Verkehrspolitik, der Landschaftsschutz und die Freizeitgestaltung aussehen», fragte er die Anwesenden, die mit ihren Inputs wesentliche Hinweise zum Entwurf des Leitbilds geben.

Nach mehreren Beratungsetappen zwischen Planungskommission, Gemeinderat und Kanton sowie einer nochmaligen öffentlichen Mitwirkung soll das behördenverbindliche Räumliche Leitbild an der Sommer-Rechnungsgemeinde 2017 verabschiedet werden.

Einfliessen wird in die Beurteilung die prognostizierte Bevölkerungszunahme, Gestaltungen des Siedlungsraums, Arbeitszonen und –plätze, Mobilität und schliesslich die ins Ortsbild eingefügten Grünräume. Schriftlich formuliert wurden dazu Wünsche wie «Nicht alles verbauen, an Nachkommen denken», «Eigenversorgung in der Energie anstreben», «Mehr Naturnähe und Vielfalt», «Verbesserung des Bahnhofzugangs» und vieles Weitere, was die Planungsverantwortlichen als wertvolle Ideen aufnehmen werden.