«Papieriareal» Biberist
Um Wirtschaftlichkeit und Biberister Industriegeschichte unter einen Hut zu bringen, wird wohl ein Spagat nötig

Im Gemeinderat Biberist gab es an der letzten Sitzung einige rote Köpfe. Denkmalpflege und Historische Kommission Biberist wehren sich gegen den Abbruch von alten Gebäuden auf dem «Papieriareal». Die Arealbesitzerin Hiag ist wiederum darauf angewiesen, Platz für neue Hallen zu schaffen.

Rahel Meier
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In der Mitte des «Papieriareals» sollen Gebäude rückgebaut werden.

In der Mitte des «Papieriareals» sollen Gebäude rückgebaut werden.

Zvg

Mitte September präsentierte die Hiag im Gemeinderat Biberist ihre Pläne für die weitere Entwicklung des «Papieriareals». Die Planung gehe den Weg, der mit dem Masterplan vorgezeichnet wurde, meinte Arealentwickler Michele Muccioli.

Weil sich die Genehmigung der Ortsplanung in Biberist verzögert, hat Arealbesitzerin Hiag den Teilzonenplan «Papieri» ausarbeiten lassen. Einer der Kernpunkte der Absichten der Hiag: Einen Teil der alten und maroden Gebäude rückzubauen. Rund 20000 Quadratmeter Fläche würden so frei für Neubauten. Laut der Hiag gebe es bereits Interessenten für diese Flächen.

Abbruchgesuch ist bereits eingereicht

Nur wenige Tage nach der Präsentation im Gemeinderat wurde das Abbruchgesuch bei der Bauverwaltung eingereicht. Gleichzeitig behandelte die Bau- und Werkkommission (BWK) Ende September den Teilzonenplan «Papieri» in einer ersten Lesung. Dabei wurden Änderungen und Ergänzungen verlangt, die von der Hiag in der Zwischenzeit grösstenteils bereits aufgenommen wurden.

«Kulturelles Gedächtnis der Gemeinde schützen»

Anfang Oktober nahmen das kantonale Amt für Denkmalpflege und Archäologie zusammen mit der Historischen Kommission der Gemeinde Biberist eine Geländeanalyse im Bereich des geplanten Abbruchvorhabens vor. Sowohl die Kommission als auch der Kanton reichten danach eine Stellungnahme ein.

Diese Stellungnahmen wurden in der zweiten Lesung der BWK Mitte Oktober diskutiert und die Kommission trat darauf ein. Die historische Kommission und die kantonale Denkmalpflege möchten, dass ein Teil der Gebäude die rückgebaut werden sollen, erhalten bleiben. Es handle sich dabei um «wichtige industriegeschichtliche Bauten und einen wichtigen Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses von Biberist».

Stellungnahmen

Wichtige und identitätsstiftende Zeitzeugen

Die kantonale Denkmalpflege macht in ihrer Stellungnahme zum Abbruchgesuch auf die historische Bedeutung der Papierfabrik Biberist für die wirtschaftliche, technische und soziale Entwicklung der Region und der Bevölkerung während 150 Jahren aufmerksam.

Die zukünftige Weiterentwicklung und Umnutzung des Areals müsse deshalb mit Augenmass und gesellschaftlicher Verantwortung erfolgen. Es gelte dabei die charakteristischen Bauten zu erhalten und deren Qualitäten zu sichern, sodass auch zukünftige Generationen am industriellen Kulturerbe von Biberist teilhaben dürfen.

Die Denkmalpflege weist dringend auf die folgenden Bauwerke hin: Fabrikstrasse Nr. 47 und 55 (Maschinengebäude und Schmiede, erbaut 1896-1899), Fabrikstrasse Nr. 63 (neue Reparaturwerkstatt, erbaut 1911) und vis-a-vis das Gebäude zwischen Nr. 45 und 61 (Halle für Kalandar, erbaut 1911-12); sowie die Nr. 61 (Schreinerei, erbaut um 1911).

Die Gebäude säumen nord- und südseitig den 1898 mit einem Eisenbetongewölbe überdeckten Gewerbekanal. Dadurch bilden sie eine platzähnliche Situation innerhalb des heute west-ost orientierten Geländes.

Die Gebäude, so die Denkmalpflege, deren architektonischer Ausdruck von hoher Qualität sei, verdeutlichten die Entwicklung von klassizistischer Backstein-Fabrikarchitektur zu den Anfängen der Eisenbeton-Skelett-Bauweise.

Es seien allesamt wichtige und identitätsstiftende Zeitzeugen. Gleichzeitig sei ihre historische Substanz mit den zeittypischen detailreichen Ausformulierungen, sowie die historische Befensterung zu grossen Teilen über all die Jahre erhalten geblieben. «Daher gilt es diese in ihrer Substanz und äusseren Erscheinung unbedingt zu erhalten.»

Die Historische Kommission der Gemeinde Biberist beantragt bei der Bau- und Werkkommission dass der Abbruch der Gebäude Nr. 45 und 61 nicht bewilligt werden dürfe. Die Situation der betroffenen Gebäudegruppe müsse mit dem Teilzonenplan zusammen geklärt und überarbeitet werden.

Mit dem Teilzonenplan würden erhaltenswerte Gebäude aus ihrem Schutzstatus entlassen und ­dafür andere als erhaltenswert aufgenommen. Dafür werde aber keine Begründung abgegeben und die Gebäude würden weder historisch noch kulturell gewürdigt. (rm)

Am Montag wurde der Teilzonenplan im Gemeinderat vorgestellt. Es ging dabei um eine erste Lesung und um die Kenntnisnahme der Planung. Dem Gemeinderat wurde an der Sitzung die Stellungnahme der Hiag zum Mitbericht der historischen Kommission und zum Kurzbericht der kantonalen Denkmalpflege vorgelegt.

Von Seiten der Hiag zeigte man sich «verwirrt und erstaunt»:

«Sowohl verfahrenstechnisch als auch inhaltlich werden wir mit Stellungnahmen und Einschätzungen konfrontiert, die den Kontext ausblenden und folgenschwere Fragen aufwerfen»,

schreibt die Hiag. Die Denkmalpflege sei – wie andere kantonale Abteilungen auch – seit 2015 immer in den Entwicklungs- und Planungsprozess auf dem «Papieriareal» einbezogen worden.

Die Hiag habe sich als Grundeigentümerin darauf verlassen, dass «aufgrund der aktuellen Rechtslage eine solide, koordinierte Roadmap für die Entwicklung des Areales vorliege». Und weiter: «Dass sich aufgrund des Rückbaugesuchs und einer einzigen nachgelagerten Begehung mit Kurzeinschätzungen ein mehrjähriger Planungsprozess aushebeln lässt, ist für uns nicht nachvollziehbar.»

Investition wäre für die Hiag nicht rentabel

Die Hiag schreibt zudem: «Wir sind der Meinung, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema der Kulturobjekte oberflächlich und ohne Bezug zum Kontext erfolgte.» Die Hiag fordert, eine «integrale Auseinandersetzung mit den denkmalpflegerischen Fragestellungen, ohne dass der Rückbau des Mittebereichs dadurch tangiert wird.»

Gerügt wird weiter «die fehlende Auseinandersetzung mit funktional-technischen wie auch wirtschaftlichen Kriterien.» Gemäss heutigen Gepflogenheiten reiche für einen Schutzstatus «ein besonderer wissenschaftlicher kultureller oder heimatkundlicher Wert» nicht mehr aus, es werde auch «ein erhebliches öffentliches Interesse» verlangt.

Der Zustand der Gebäude des besagten Ensembles sei marode und die Gebäude seien zum Teil einsturzgefährdet. Erforderliche Investitionen liessen sich nicht rentabilisieren, was dazu führen würde, dass sie nicht instandgestellt würden.

«Kanton genehmigt diese Planung nicht»

Die Stimmung in der Gemeinderatssitzung war deshalb angespannt. Uriel Kramer (Präsident Bau- und Werkkommission) machte deutlich, dass der Teilzonenplan in der zurzeit vorliegenden Form von den kantonalen Behörden nicht genehmigt werde.

«Die Auseinandersetzung mit den historischen Bauten muss sachlich und korrekt geführt werden»,

erklärte er. Die Grundeigentümerschaft erhalte Gelegenheit, ihren Standpunkt dazulegen. Konkret fordert die BWK: «Für Gebäude und Objekte, deren Schutzstatus gegenüber dem rechtsgültigen Bauzonenplan verändert wird, ist eine Herleitung mit den erforderlichen denkmalpflegerischen Aspekten und unter Beizug der kommunalen Historischen Kommission abzufassen.»

Danach wird die BWK über den Schutzstatus der genannten Objekte befinden. Diese Planung wird wiederum dem Gemeinderat vorgelegt, der als Planungsbehörde abschliessend zuständig ist.

Der Gemeinderat nahm die Planung zur Kenntnis. Gemeindepräsident Stefan Hug-Portmann versuchte die Wogen zu glätten: «Ich bin sicher, wir finden eine gute Lösung.» Dass auf dem Areal etwas geschehe, sei wichtig und es mache keinen Sinn, jetzt gegenseitig Vorwürfe hin- und herzuschieben.

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