Lommiswil
Neues Familienmitglied aus Afghanistan

Francine Jaquier und Matthias Jäggi haben in ihre Familie einen minderjährigen Flüchtling aufgenommen.

Urs Byland
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Sie öffneten ihre Tür für einen jugendlichen Flüchtling: Matthias Jäggi und Francine Jaquier mit den Kindern Lia und Chana.

Sie öffneten ihre Tür für einen jugendlichen Flüchtling: Matthias Jäggi und Francine Jaquier mit den Kindern Lia und Chana.

14-jährig ist der afghanische Flüchtling, der seit Februar in der Familie von Francine Jaquier und Matthias Jäggi lebt. «An einem Donnerstag ist er gekommen», erinnert sich Tochter Lia (13). Der minderjährige Jugendliche kam vier Monate vorher unbegleitet in die Schweiz. Bereits am Samstag nahm ihn die Familie mit in die Sportferien. Weil anschliessend nochmals eine Woche Skilager auf dem Programm stand, war diese sportliche Tätigkeit gleich die erste Integrationsaktion. Skifahren könne er nun und Spass habe es ihm auch gemacht.

«Als im vorletzten Jahr das Flüchtlingsdrama begann, die Menschen über das Mittelmeer oder die Balkanroute nach Europa strömten, überlegten auch wir uns, was wir machen könnten», erinnert sich Bauschreiner Matthias Jäggi. «Wir haben im Radio gehört, dass viele Menschen in die Schweiz flüchten und ein Heim suchen», ergänzt Lia.

Im Vorbeifahren beim Asylzentrum Selzach oder beim Asylheim der Gemeinde Lommiswil konkretisierte sich das Bild von diesen Menschen. «Das sind nicht anonyme Flüchtlinge», so Jäggi, «das sind Menschen, wie wir auch. Sicher gibt es einige, die nicht ganz sauber sind.» «Das gibt es hier aber auch», wirft Tochter Lia ein, die in Solothurn die Sek P besucht. «Ich finde es cool, zu helfen.»

Drei Möglichkeiten habe er sich überlegt, sagt Matthias Jäggi: Geld geben, aktiv mithelfen in einem der Flüchtlingszentren oder einen Flüchtling aufnehmen. «Wir haben die Idee in der Familie diskutiert, und alle haben gesagt, dass sie das wollen, einem jugendlichen Flüchtling eine Familie sein», erklärt Francine Jaquier, Oberstufenlehrerin in Langendorf.

«Wir haben es gemacht»

Francine Jaquier hat Erfahrung mit Pflegekindern. Jelena (5) aus der Verwandtschaft lebt in der Familie, zu der neben Tochter Lia auch noch Tochter Chana (8) gehört. Wegen des Pflegeverhältnisses stand Jaquiers Adresse im Verteiler, als der Kanton Pflegefamilien für unbegleitete, minderjährige Jugendliche suchte.

«Wir haben die Anfrage diskutiert. Unsere Kinder waren voll begeistert und drängten mich, sofort zu telefonieren», erzählt Francine Jaquier. Aber entschieden wurde noch nicht. «Das Ganze sollte sich zuerst etwas setzen.» Die Familie verreiste in die Herbstferien. «Als wir zurückkamen, waren wir uns einig, und ich machte das Telefon an den Kanton.»

«Wir wollten gerne jemanden aufnehmen», sagt Lia, und Chana ergänzt: «Wir haben es gemacht.» Auf der anderen Seite haben sie sich auch Gedanken zum Risiko gemacht. «Wir haben uns schon gefragt, wer das sein könnte, der in unsere Familie kommt. Ein Knabe oder ein Mädchen», erzählt Matthias Jäggi. Gerne hätte die Familie ein eher jüngeres Kind aufgenommen. Aber die unbegleiteten Jugendlichen sind meist schon etwas älter. Vor Weihnachten wurde das Gesuch bearbeitet. Anschliessend kam die Bewilligung, und Anfang Februar war der Jugendliche da.

Vorgespräche inklusive

Der Kanton hat die Pflegefamilie zusätzlich abgeklärt. Man darf keinen Eintrag im Strafregister haben. Es fand ein dreistündiges Gespräch statt, an dem die Motivation und die Möglichkeiten der Familie abgeklärt wurden. Die Erwachsenen wurden auf die besonderen Problematiken mit jugendlichen Flüchtlingen aufmerksam gemacht, beispielsweise traumatische Erlebnisse, die hochkommen könnten. «Da weiss man aber auch erst im Moment, wenn etwas passiert, wie man reagieren muss», so Francine Jaquier. Fachleute unterstützen die Familie in solchen Fragen.

Auch das Haus wurde unter die Lupe genommen. Dieses bietet genug Raum für eine weitere Person. «Wir haben ein Zimmer oben vorbereitet, falls es klappen sollte», so Lia. «Eigentlich haben wir ein Bürozimmer aufgelöst», ergänzt Matthias Jäggi. Eine zusätzliche Person im Haushalt der Familie sei keine Belastung. «Wir haben oft Gäste am Familientisch. Wir haben eine offene Türe, so bin ich auch selber aufgewachsen», erklärt Francine Jaquier.

Wer integriert eigentlich, und wie? Viele Menschen reden über Flüchtlinge, trotzdem haben sie ie Kontakt mit diesen Menschen. Die Flüchtlichne sind aber hier und müssen in die Gesellschaft integriert werden. Wie funktioniert Integration? Wir berichten über Menschen aus der Region, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten und die Integration leisten.

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az

Ab in die Skiferien

Der junge Flüchtling hatte nach dem Besuchswochenende positive Zeichen gegeben. «Vor uns standen die Skiferien. Aber uns war schnell klar, einmal muss das neue Leben beginnen. Wenn er will, soll er gleich mitkommen.» Da sei man gerade von Anfang an 24 Stunden eng beisammen gewesen. Schnell stellten sich Fragen. «Wir sind uns gewohnt, nach dem Skifahren baden zu gehen. Er kommt aus einem anderen Kulturkreis und sieht möglicherweise erstmals Frauen im Bikini», weist Matthias Jäggi auf eine Problematik hin. «Andererseits hat er die Chance, sich hier bei uns zu integrieren. Da gehört alles dazu. Wenn er unsere Kultur nicht direkt akzeptieren kann, stehen wir vor einer Herausforderung.»

Schwierig ist die Aufarbeitung der Vergangenheit. «Sie sprechen nicht gerne über ihre Geschichte, das ist wie ein Tabu auch unter ihresgleichen», so Francine Jaquier. Anfangs wurde der Jugendliche nicht gleich mit Fragen bedrängt. «Wenn man fragt, beantwortet er die Fragen schon», wirft Lia ein. «Ja, jetzt wissen wir schon einiges mehr über sein bisheriges Leben.»

Haben Sie Interesse an der Aufnahme eines Pflegekindes und/oder wünschen weitere Informationen, treten Sie mit den Behörden in Kontakt: Amt für soziale Sicherheit, Tel. 032 627 23 11, Internet: http://www.aso.so.ch

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