Auf einen Kaffee mit...
Nathalie Schneitter: Von der Rennstrecke zu den Bike Days

Die Lommiswiler Bikerin Nathalie Schneitter tritt zurück. Sie hängt das Velo aber nicht an den Nagel. Wir haben Sie zu einem Kaffee getroffen.

Urs Byland
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Blickt der Zukunft mit Gelassenheit entgegen: Nathalie Schneitter.

Blickt der Zukunft mit Gelassenheit entgegen: Nathalie Schneitter.

Hanspeter Bärtschi

Ist die Kurzhaarfrisur ihrem Sport geschuldet oder ihrem «Pappi», wie sie ihn nennt? Der sei nämlich die erste Adresse, wenn sie von ihren Veloreisen heimkommt, genauer sein Geschäft, der Coiffeursalon Eddy am Stalden in Solothurn. Er schneidet eigentlich nur Männern die Haare, aber wenn die Tochter Nathalie kommt, wird auch ihre Frisur aufgefrischt.

Nathalie Schneitter ist Bikerin, hauptsächlich in der olympischen Disziplin Cross Country tätig und das international sehr erfolgreich. Ein Aushängeschild ihrer Gemeinde Lommiswil und des Kantons. Nun tritt die 30-Jährige zurück.

Das Velo hängt sie aber nicht an den Nagel. Sie sagt dem Spitzensport Adieu, wird aber weiterhin rennmässig biken. Sie werde alles fahren, was Abenteuer verspricht. Dazu gehört das Motorrad, für das die bis anhin hobbylose Spitzensportlerin Zeit haben wird, oder auch die Ski.

«Nie mehr!»

Ihre Karriere verläuft in etwa so wie ein Cross-Country-Rennen. Rasant gehts über Stock und Stein, mal folgt eine Flachpassage, dann hetzt sie eine Steigung hoch (ihre Spezialität) oder rutscht im Schlamm den Hügel runter.

Auch sportliche Eltern können ihren Bewegungsdrang nicht stillen. Mit 13 Jahren schliesst sie sich einem Bikeklub an. Das erste Rennen ist ein Desaster. «Es war eine Schlammschlacht und ich habe mir geschworen: Nie mehr!» Ein Jahr später sucht sie trotzdem den Wettbewerb. Im dritten Rennen steht sie auf dem Podest.

Nathalie Schneitter im Jahr 2007 im Lommiswiler Wald!
17 Bilder
Hier bei einer Autogrammstunde im Rahmen des Generali-Cups 2007 für das SOS-Kinderdorf
Sie hatte in den letzten Jahren viele Gründe zum Feiern
Dafür musste sie hart trainieren
Eliminator-Rennen an den Bike Days 2014: Schneitter wurde Zweite.
Weniger gut liefs 2012 beim Rennen in La Bresse, wo sie mit einem Top-8-Rang eine letzte Chance gehabt hätte, sich für London zu qualifizieren. Bereits in der 2. Runde fabrizierte sie einen spektakulären Sturz und brach sich den Arm. Der Traum von Olympia war aus.
Die Sportlerin hat einige Schlammschlachten miterlebt.
Schlamm an den Radquer-Schweizer-Meisterschaften im Januar 2016. Schneitter wurde Fünfte.
2013 mischte Nathalie Schneitter beim Öufi-Cup an den Bike Days mit.
Als Mountainbikerin durfte sie keine Angst vor steilen Abfahrten haben
Nathalie Schneitter überbrückte die Winter auch mit dem Quervelo
Im Frühling hiess es dann wieder: mit dem Bike ab durch den Wald
Auf ihren Fanclub konnte die Lommiswilerin immer zählen
So sieht ihr fahrbarer Untersatz im Alltag aus
Mountainbikerin Nathalie Schneitter tritt vom Profisport zurück
Sie konnte sich nicht mehr motivieren weiterzumachen.
2016 ist nun Schluss. Nathalie Schneitter gibt den Rücktritt vom Profisport bekannt.

Nathalie Schneitter im Jahr 2007 im Lommiswiler Wald!

Oliver Menge

«Der Virus hatte mich gepackt.» 2004 besucht sie als Teenager die Kantonsschule. «Es war recht schwierig als Sportlerin im schulischen Umfeld.» Sie will unbedingt sein wie die anderen, alles normal, die Matur machen oder einen Sprachaufenthalt. Doch dann wird sie Juniorenweltmeisterin.

«Damit hört man nicht einfach auf.» Den Sprachaufenthalt absolviert sie und auch ein Studium, anfangs Vollzeit. Eine sportliche Perspektive sieht sie aber nicht wirklich. Bis das italienische Rennteam Colnago 2007 anklopft. Mit ihrem Vater fährt sie an ein Treffen mit den Vertretern von Colnago – im «Heidiland».

Sie wissen nicht recht, was sie davon halten sollen und machen im Auto noch Spässe. Nathalie Schneitter wird unter Vertrag genommen und soll dem Team über sieben Jahre treu bleiben.

Lebenskünstlerin?

Schneitter erhält eine Spesenentschädigung und profitiert von einer professionellen Infrastruktur. «Es war extrem motivierend zu wissen, dass da jemand an mich glaubt.» Den sonstigen Lebensunterhalt finanzieren private Sponsoren aus der Region Solothurn, die vor allem von ihrem Vater angeworben werden.

Im ersten Eliterennen 2008, im ersten Colnago-Jahr, wird sie gleich Siebte. Sie staunt. «Es war für mich wie ein Weltwunder, ich habe nicht verstanden, was abgeht.» Im zweiten Rennen wird sie Neunte und holt damit die Olympiaqualifikation. Im gleichen Jahr wird sie U23-Europameisterin und U23-Vizeweltmeisterin.

In Peking an der Olympiade wird sie 15. Sie steht am Anfang einer grossen Karriere, kann aber nicht ahnen, dass Peking bereits ihre letzten Olympischen Spiele sein werden. Mit der Unterstützung durch den im gleichen Jahr gegründeten Fan-Club kann Nathalie Schneitter für ihren Sport leben. Den Bachelor vergisst sie nicht und holt sich das Diplom 2011.

Der Übergang zur Profisportlerin bereitet aber Mühe. Es ist die Mentalität der Schweizer, die sie bremst. «Sagt man, man lebe vom Sport, wird man als Lebenskünstlerin angeschaut. Das ist extrem falsch.» Ihr Anspruch ist es, beides zu leisten, Studium und Sport, quasi ein 200-Prozent-Pensum. «Bis ich merkte, dass das nicht geht.» Sie verringert den Einsatz fürs Studium und gibt dem Velo mehr Gewicht.

Das Geheimnis des Erfolgs

20, 30 Stunden trainiert sie wöchentlich. Ohne Liebe zum Velofahren sind alle diese Mühen und Qualen nicht zu bewältigen. Wenn man ein Ziel hat, sei das stundenlange Training auf der Rolle kein Problem. Im letzten Winter, als sie sich noch einmal für Olympia qualifizieren will, fährt sie viel auf der Rolle, zu Hause bei ihren Eltern im Wintergarten. Ihre Leistungsbereitschaft ist unermesslich.

«Das ist eigentlich krass.» Aber sie kennt nichts anderes, fährt seit Jahren Velorennen immer nur mit einem Ziel: erfolgreich sein. Jeder Bissen Nahrung ist diesem Ziel untergeordnet, jede Stunde Schlaf und jede Stunde Rolle. Sie weiss, wo sie im nächsten Jahr an einem x-beliebigen Tag sein wird und was dort ansteht.

«Nichts ist spontan, alles ist auf das Ziel ausgerichtet.» Im Sport müsse sie extrem langfristig denken und trainieren, um an einem bestimmten Tag Erfolg zu haben. Und dann kann immer noch irgendeine Kleinigkeit dazwischenkommen, ein platter Reifen oder ein Sturz.

Der Armbruch

Vor Olympia 2012 nimmt ihre Karriere eine Wende. Eine leichte Unkonzentriertheit, ein Sturz – Armbruch. Die Qualifikation für London ist verpatzt. Dabei reiht sie in den beiden vorangehenden Jahren Erfolg an Erfolg.

Sie gewinnt ihr erstes und einziges Weltcuprennen, wird Schweizer Meisterin und Fünfte an den Weltmeisterschaften. 2011 beendet sie ihr Studium und kann alle Zeit für den Sport aufwenden. Sie hat noch bessere Bedingungen – eigentlich. «Man hat auch mehr Zeit zum Grübeln und zum Zweifeln.

Ich war immer auf der Suche, was ich verbessern könnte. Das war aber auch Stress. Damit stand ich mir sicher auch etwas im Wege.» Der Armbruch hat eine andere Ursache. Sie hat zu viel riskiert. Nathalie Schneitter braucht eine lange Zeit, um zurückzukehren. «Ich habe es schlecht verkraftet und wollte es irgendwie nicht wahrhaben, dass ich derart hadere mit diesem Malheur.»

Sie empfindet es als persönliches Versagen und nicht als Pech. Sie stagniert in den folgenden Jahren und wird durch Verletzungen zurückgebunden. 2015 wechselt sie das Team und wird Zweite an den Schweizer Meisterschaften. Sie schöpft Hoffnung und will es noch einmal wissen. Die Olympiasaison steht an. Das Wintertraining verläuft sehr positiv. Aber es reicht sportlich nicht für die Rio-Qualifikation.

Die Luft ist draussen. Spitzensport wie bis anhin, soll nicht mehr ihr Leben prägen. Schneitter macht sich Gedanken zum Tag nach der Karriere. Sie überlegt hin und her. «Wenn etwas nicht zwei Wochen Bestand hatte, habe ich es verworfen.

Es war ein eher schmerzhafter Prozess.» Aber sie hat das Bedürfnis, einen Schritt in ihrem Leben weiterzugehen. Seit Juni ist klar, dass sie bei der Event-Organisation der Bike Days mitarbeiten darf. Am 3. Oktober beginnt das neue Kapitel. «Ich bin mega happy.»

Aber wie gesagt. Nathalie Schneitter wird weiterhin an einigen Rennen zu sehen sein. «Und», droht sie, «als ich studierte, also nebenbei noch etwas machte, war ich auf der Rennstrecke schnell unterwegs.»