Naherholungsgebiet Emme
Flussregenpfeifer gesichtet – jetzt hilft eine Rangerin mit, die Brutplätze zu sichern

Der Flussregenpfeifer ist in der Schweiz gefährdet, deshalb sind die Kantone dazu aufgefordert geeignete Schutzmassnahmen für seine Erhaltung zu treffen. Der Vogel wurde auf den Kiesbänken in der Emme gesichtet. Man nimmt an, dass er dort brüten wird. Nun wir eine Rangerin zum Schutz des Vogels eingesetzt.

Rahel Meier
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Rangerin Iris Baumgartner vor der Abschrankung an der Emme in Derendingen.
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Der Flussregenpfeifer.
Die Brut des Flussregenpfeifers: Perfekt im Kies getarnt.
Der Flussregenpfeifer ist ein Nestflüchtling: Die Jungen können zwar noch nicht fliegen, aber sie hüpfen herum.
Mit den Informationsplakaten wird auf die Brutplätze aufmerksam gemacht.
Die Kiesbänke in Derendingen beim Enteliweiher...
... und die Kiesbänke zwischen Emme- und Eisenbahnbrücke.

Rangerin Iris Baumgartner vor der Abschrankung an der Emme in Derendingen.

Rahel Meier

«Die Emme soll Naherholungsraum für Menschen, aber auch Lebensraum für Flora und Fauna sein.» Das Nebeneinander ist den Verantwortlichen im Kanton Solothurn wichtig. Auch jetzt, da die Emme nach Abschluss der Hochwasserschutz- und Revitalisierungsarbeiten frei zugänglich ist.

Trotzdem werden Spaziergänger bis Ende Juli auf einige wenige Abschrankungen treffen. Dies zum Schutz des Flussregenpfeifer. Ein rund 15 Zentimeter grosser Zugvogel, der in der Schweiz stark gefährdet ist. Deshalb war die Freude gross, als er Anfang April von Ornithologen gesichtet wurde.

Kiesbänke in der Emme sind seltener Lebensraum

«Der Flussregenpfeifer lebt auf grossen Sand- und Kiesbänken. Diese findet er nach der Revitalisierung hier an der Emme», erklärt Thomas Schwaller (Abteilungsleiter Natur und Landschaft, Amt für Raumplanung).

Beobachtet wurde der Vogel zuerst auf den neuen Überflutungsflächen bei der ehemaligen Bioschlammdeponie in Biberist und der ehemaligen Deponie Schwarzweg beim Derendinger Enteliweiher. Seit letztem Wochenende nun auch auf den beiden Kiesbänken mitten in der Emme südlich der Derendinger Eisenbahnbrücke.

Zeitlich und örtlich beschränkte Schutzmassnahmen

Der Flussregenpfeifer gehört zu denjenigen Tierarten der Roten Liste, für welche die Kantone Fördermassnahmen ergreifen müssen. In den Sonderbauvorschriften, die mit dem kantonalen Gestaltungsplan für die Hochwasserschutz- und Revitalisierungsmassnahmen vom Wehr Biberist bis zur Einmündung der Emme in die Aare genehmigt wurden, ist geregelt, dass die Behörden zeitlich und örtlich beschränkte Schutzmassnahmen zugunsten gefährdeter Arten ergreifen dürfen.

Hunde sollten an die Leine

«Wir gehen davon aus, dass der Flussregenpfeifer hier brüten wird, darum haben wir schnell gehandelt.» Mit Absperrungen und Infotafeln wird nun auf die Anwesenheit des Vogels und seine Brutplätze hingewiesen. Mit Piktogrammen wird darum gebeten, die Wege in den sensiblen Bereichen nicht zu verlassen, die entsprechenden Kiesflächen nicht zu betreten oder zu befahren und Hunde an die Leine zu nehmen.

Thomas Schwaller hofft auf ein bis zwei Brutpaare an der Emme.

Rahel Meier
«Wir wollen die Emme nicht absperren. Wir appellieren an die Vernunft der Erholungssuchenden und bitten sie mitzuhelfen, dass die Vögel hier erfolgreich brüten können. Die Jungen sind nach dem Schlüpfen relativ rasch mobil und selbstständig, so dass wir spätestens Mitte Juli die Infotafeln wieder entfernen können»,

erklärt Schwaller.

Pilotprojekt: Rangerin wird eingesetzt

Zusätzlich wird bis Mitte Juli ein Rangerdienst eingesetzt. Laut Schwaller geht es auch dabei in erster Linie um Information und Sensibilisierung der Erholungssuchenden über die neu geschaffenen Naturwerte an der renaturierten Emme, vorab auf den neuen grossen Überflutungsflächen.

Iris Baumgartner aus Ersigen wird die Aufgaben als Rangerin übernehmen. Sie wird vor allem an den «Hotspots» Präsenz markieren, wo sich am meisten Menschen aufhalten und dort, wo Interessierte die Brutplätze des Flussregenpfeifers beobachten können.

Die gelernte Floristin arbeitet seit vielen Jahren in ihrem zweiten Beruf als Tierpflegerin. Im Jahr 2016 absolvierte sie die Ausbildung als Rangerin. Ranger sind keine Ordnungshüter, sie stellen keine Bussen aus.

«Wir zeigen Präsenz, wir informieren und wir sensibilisieren»,

so Iris Baumgartner. Sie hat bereits Erfahrungen aus ihrer bisherigen Tätigkeit im Auftrag des Kanton Bern im Emmeschachen in Oberburg oder im Kanderdelta.

Gemeinden begrüssen den Einsatz

Der Rangerdienst wird auch in den Gemeinden entlang der Emme begrüsst. So meint Gemeindevizepräsident Roger Spichiger (Derendingen): «Ich bin überzeugt wir erreichen mit Präsenz und Aufklärung mehr als mit Verboten.» Und Stefan Hug-Portmann (Gemeindepräsident Biberist) erklärt: «Wer an der Emme spaziert, brätelt oder badet, will in aller Regel nichts zerstören. Wenn etwas passiert, dann geschieht es meist aus Unwissenheit.»

Rote Liste

Nur noch 90 bis 120 Brutpaare in der Schweiz

Der Flussregenpfeifer ist ein sogenannter Kiesbrüter. Er ist rund 15 Zentimeter gross, 30 bis 50 Gramm schwer, braun-weiss-schwarz, mit einer Flügelspannweite von 42 bis 48 Zentimetern.

Er brütet einmal pro Jahr, legt in aller Regel vier Eier und muss 24 bis 25 Tage warten, bis die Jungen schlüpfen. Die kleinen Flussregenpfeifer sind Nestflüchtlinge und können schon bald laufen. Flugfähig sind sie in aller Regel rund einen Monat nachdem sie geschlüpft sind.

Die Vögel ernähren sich von Insekten und Würmern. Sie leben eigentlich an Fliessgewässern, Feuchtgebieten oder Seen. Aktuell sind sie auch in Kiesgruben zu finden.

Der Flussregenpfeifer ist ein Zugvogel. In der Schweiz brüten mittlerweile noch zwischen 90 bis 120 Paare, der Bestand ist stark gefährdet. Zu finden sind die Vögel in der Nordwestschweiz, vom Genfersee bis nach Basel. Die Vögel können sich im Kies extrem gut tarnen, auch ihre Brut ist kaum zu finden. (rm/mgt)

Der Rangerdienst an der Emme ist ein Pilotprojekt innerhalb des Kantons Solothurn. Er wird vom Bund mitfinanziert. Die Rangerin wird vier bis fünf Stunden pro Woche unterwegs sein. «Wir wollen erste Erfahrungen sammeln. Denn auch in anderen Gebieten im Kanton Solothurn haben wir Herausforderungen, wenn es darum geht Naherholung und Naturschutz zu koordinieren.»

Kontakt zu Gemeinden und Naturschutzorganisationen

Iris Baumgartner wird auch Kontakt zu den Anliegergemeinden halten und Informationen mit den Naturschutzorganisationen, vorab den Ornithologen des Natur- und Vogelschutzvereins Derendingen austauschen. Dabei geht es unter anderem auch um das Thema «Littering». «Wir nehmen Abfall auch gleich mit, den wir antreffen», so Baumgartner. «Das gehört halt einfach auch dazu.»

Thomas Schwaller ist gespannt, ob und wo die Flussregenpfeifer brüten werden. «Wenn wir ein oder zwei Paare hätten, dann wäre das schon ein Riesenerfolg», meint er.