Das Attisholz ist eines der grössten Entwicklungsgebiete der Schweiz, und es verändert rasch sein Gesicht. Während auf der Südseite der Aare die Biogen-Medikamentenfabrik in die Höhe wächst, entwickelt die Zürcher Immobiliengesellschaft Halter den Nordteil des Attisholz zum hippen, urbanen Dorf der Region Solothurn.

Bis zu 1200 Wohnungen für jedes Portemonnaie sollen entstehen, 2200 Menschen einst hier arbeiten. Nächstes Jahr wird ein guter Teil des Geländes der ehemaligen Zellulosefabrik der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Ein Classic Ope Air?

Andreas Campi leitet die Entwicklung des 16-Hektaren-Areals. Vor gut einem Jahr kaufte Halter das Gelände von der Attisholz Infra. Der Stellenwert der Brache im Firmenportfolio ist hoch. Mindestens einmal pro Woche fährt Campi aus der Zentrale in Zürich-West ins Solothurnische. Er kennt das Gelände bis in den hintersten Winkel, weiss, wo sich noch belastete Böden befinden und wo in einigen Jahren die ersten Wohnüberbauungen hochgezogen werden.

Zügig schreitet er zwischen den grauen Wänden der alten Lagerhalle und der Kocherei über den künftigen «Boulevard», auf dem heute noch die Steine bröckeln, hüpft über Wasserpfützen und bleibt vor dem «Bärengraben» stehen. So nannten die Arbeiter den Tunnel, durch den die mit Holz beladenen Güterzüge fuhren. «Hier entsteht nächstes Jahr die Arena», sagt Campi und zeigt auf einen von Gleisen durchzogenen Platz. Er wird zum zentralen, öffentlichen Treffpunkt des Attisholz Nord umfunktioniert; ein Ort, wo sich Bewohner und Besucher begegnen, wo schon nächsten Sommer ein Beachvolleyballfeld gestreut oder WM-Spiele übertragen werden können.

Campi denkt laut über die Durchführung eines Classic Open Airs nach, nachdem dieses in Solothurn der Vergangenheit angehört. Die Akustik des temporär überdachbaren Platzes sei dafür geeignet. Eine breite Treppe mit grosszügigen Sitzflächen führt künftig auf die übergeordnete Ebene. Bereits im Frühling werden diverse Mauern und Übergänge abgerissen, im August soll die Arena mit 850 Plätzen bereitstehen.

Spielen in alten Silos

Der Boulevard ist die zentrale Achse durch das Areal. Dort soll «innovatives und trendiges Strassenleben» stattfinden. Der Weg führt entlang der alten Gleise an der Arena vorbei und weiter durch den Tunnel. Dessen Rahmenfachwerk wird durchbrochen, damit genügend Licht für die künftige Nutzung einfällt. So entsteht eine mächtige Pergola aus Stein. Diverse Läden können sich hier einmieten, aber auch als Garderobe für Grossanlässe wird der «Bärengraben» genutzt. Zudem erschliesst er den hinteren Teil des Areals für Fussgänger und Velofahrer. Denn andere Fahrzeuge werden auf dem Boulevard nicht unterwegs sein – oder dann höchstens zwecks Ver- und Entsorgung sowie für Notfälle.

Andreas Campi erklimmt die Treppe und bleibt vor den alten Kochsäure-Silos stehen. Sie werden zu einem mit Bäumen bepflanzten, öffentlich zugänglichen Spielplatz umgebaut. Statt in mattem Grau leuchten die runden Hohlräume schon bald in Gelb, Grün und Blau. Von dort führt künftig eine spiralförmige Rampe hinunter an die Aare. 2019 wird das Areal gegen den Fluss hin geöffnet, wo vis-à-vis dem künftigen Uferpark flaniert, gegessen und getrunken werden kann. Dafür werden diverse Bauten weichen müssen. Damit die Zugvögel Ruheplätze finden, wird ein 80 Meter breiter Korridor belassen. Denn das Gebiet befindet sich in einem nationalen Wasser- und Zugvogelreservat. Pro Natura und der Schweizer Vogelschutz sind in die Planung involviert.

Quecksilber im Aaresediment

Weil der Uferbereich der Aare mit Quecksilber belastet ist, fahren bereits kommendes Jahr die Saugbagger auf. Der kontaminierte Bereich hinter einer Spundwand wird abgesaugt, getrocknet, gereinigt und schliesslich in Deutschland enddeponiert. Danach wird die Spundwand entfernt, das Ufer aufgefüllt und die neue Böschung allenfalls nachbepflanzt. Auch die übrigen Sanierungen der industriellen Altlasten übernimmt Halter. Diese werden jeweils im Zuge der neuen Baufelder entfernt. Wenn also ein neuer Wohnblock eingeweiht wird, ist der Boden bereits gereinigt. Gemäss Halter ist ein Grossteil der asbestverseuchten Wände inzwischen abgerissen.

Eines der Attisholz-Wahrzeichen ist die Kiesofenhalle. In 25 Meter Höhe überdacht die Holz- und Metallkonstruktion eine Fläche von 3000 Quadratmetern. «Hier entsteht einer der grössten halböffentlichen Plätze im Kanton», sagt Campi. Die Halle ist geschützt und darf nicht abgerissen werden. Künftig sollen hier Veranstaltungen wie Konzerte über die Bühne gehen – allerdings nur in der warmen Saison, denn eine Dämmung der Fassade ist nicht zu stemmen. Deshalb kann die Halle nicht beheizt werden. Einzig das Dach wird abgedichtet.

Villen vermieten oder verkaufen

Und was passiert mit dem grosszügigen Umland am Aarehang mit den elf teilweise herrschaftlichen Liegenschaften, die Halter mit übernommen hat? Das Landwirtschaftsland bleibt unangetastet, der Betreiber des Hofs auf dem Brestenberg hat ein 30-jähriges Baurecht. Die Villen werden vermietet und später verkauft.

Der verdichtete Dorfteil von Riedholz nimmt also Form an. Bevor im Frühling im grossen Stil gebaut wird, muss die Bevölkerung im Dezember das räumliche Teilleitbild genehmigen. Bis 2019 läuft die Nutzungsplanung, danach werden erste Überbauungen geplant, teilweise begleitet von Studienaufträgen. 2021 sind die Baueingaben vorgesehen, 2023 sollen die ersten Bewohner ins Attisholz einziehen. Im Jargon der Immobilienentwickler sind es «Experimentalisten und Individualisten».