Nur ein kleiner Prozentsatz der Medizinstudenten träumt von einer Karriere als Allgemeinmediziner. Und nur wenige der «Grundversorger» sind bereit, eine Praxis auf dem Lande zu eröffnen. Auch Oliver Freiermuth entschied sich für das Fachgebiet Chirurgie: Am Anfang vor allem Unfallchirurgie, später mit Schwerpunkt Viszeralchirurgie.

Der Chirurg wirkte acht Jahre als Oberarzt am Bürgerspital Solothurn und wohnt seit vier Jahren in Lommiswil. In jener Gemeinde mit 1478 Einwohner, in der Rudolf Fischer seit 2. März 1987 eine Allgemeinpraxis führt.

Schon länger machte sich der Sechsundsechzigjährige Gedanken über den Ruhestand, und wie es dereinst mit der Praxis weitergehen soll. Bis ihn der Telefonanruf von Oliver Freiermuth erreichte, der bei einem Spaziergang das Praxisschild entdeckte und Interesse bekundete.

Schnell wurden sich die beiden Mediziner einig, die Familien freundeten sich an und die Praxisübergabe wurde auf 2019 festgelegt. «In zwei Jahren wird Oliver Freiermuth die Zusatzausbildung für Innere Medizin abgeschlossen haben, ist dann ‹frei› und besitzt den ‹Mut›, eine Landordination zu übernehmen», spielt Rudolf Fischer auf den Familiennamen seines Nachfolgers an.

Dieser ist sich der Chancen und Herausforderungen bewusst, die eine Dorfpraxis mit sich bringt: «Ich freue mich, mit Zeit und Empathie auf Patienten zugehen zu können. Zudem reizt mich das breite medizinische Spektrum. Ein Allgemeinmediziner muss sich als Allrounder behaupten.»

«Du, Ruedi, lueg emol ...»

Rudolf Fischer pflichtet ihm bei: «Ein Dorfarzt ist nicht nur Mediziner, sondern zugleich Sozialarbeiter und Seelsorger.» Der «Herr Doktor» ist mit vielen Dorfbewohnern per Du und engagierte sich jahrelang für das Gemeinde- und Vereinsleben. Rudolf Fischer: «Als wir nach Lommiswil gekommen sind, bin ich dem Fussballverein beigetreten, habe mit meiner Frau Colette und den Söhnen Dorffeste besucht.»

Viele Jahre war er in der Fasnachtsclique «Schnudernasen» aktiv sowie in der Schulkommission, die er während einer Amtsperiode präsidierte. «So lernt man einen Ort und seine Menschen schnell und gut kennen und wird integriert.» Parallel dazu sinke die Hemmschwelle vor einem Arztbesuch und im Praxisalltag heisse es häufig: «Du, Ruedi, lueg emol ...».

Rudolf und Colette Fischer sind weit über Lommiswil hinaus bekannt und beliebt. Heute behandelt er oft Kinder von Dorfbewohnerinnen, die seit Mädchentagen zu seinen Patienten zählen. Rudolf Fischer: «Der Dorfarzt kennt Grosseltern, Eltern und Kinder einer Familie.

Wechselt ein Patient in eines der umliegenden Altersheime, so betreue ich diese auf Wunsch weiter. Nur weil sie ein paar Dörfer weiter leben, sollen sie nicht plötzlich den Vertrauensarzt wechseln müssen.» Die Lommiswiler seien ihm eben ans Herz gewachsen und dafür nehme er Hausbesuche über Mittag oder am Abend in Kauf.

Einzelkämpfer

Oliver Freiermuth nickt beim Zuhören bestätigend. Heute, wo der Trend sich von den Einzelpraxen weg zu Gruppenpraxen und medizinischen Zentren mit Teilzeitpensen bewegt, will er sich als Einzelkämpfer bewähren und in Lommiswil ab 2019 die medizinische Grundversorgung sichern.

Rudolf Fischer ergänzt, er hoffe, die Behörden und die Bevölkerung seien sich des Glücksfalls bewusst, mit Oliver Freiermuth einen hervorragend ausgebildeten Nachfolger zu bekommen, der mit den Strukturen der Region und des Bürgerspitals vertraut sei.

Freiermuth sei bereit, die Selbstständigkeit zu wagen, dem Spezialistentum den Rücken zu kehren und als Allgemeinmediziner Patienten aller Generationen zu behandeln – zuzuhören und für die Menschen da zu sein.

Am Donnerstag, 2. März, 10 bis 13 Uhr, findet vor der Praxis an der Dorfstrasse 17 ein öffentlicher Jubiläums-Apéro «30 Jahre Praxis Dr. Rudolf Fischer» statt.