Eine schwer erkrankte Frau litt so sehr, dass sie sich entschied, ihrem Leben ein vorzeitiges Ende zu setzen. Sie verzichtete auf Essen und Trinken. Dies setzte sie jedoch grossem sozialem Druck aus, da dies in ihrer Verwandtschaft aus religiösen Gründen verpönt war. In einem anderen Fall verbot ein Heimleiter seinem Pflegepersonal dem Wunsch des Sterbefastens, der von einer Heimbewohnerin ausging, nachzukommen. Er befürchtete, in den Medien in Verruf zu geraten. Das Sterbefasten setzt nicht nur diejenigen unter Druck, die diesen Weg wählen, es ist auch eine Belastung für die Angehörigen. Sie verstehen zwar das Leid der Erkrankten, doch möchten sie sie nicht verlieren.

Das Sterbefasten war bis 2009 ein Tabu, erst als damals ein Buch zu diesem Thema publiziert wurde, wurde das Schweigen gebrochen. André Fringer, Professor und Leiter des Masterstudienganges Palliative Care an der St. Galler Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften, hielt am Mittwochabend im Alters- und Pflegeheim Läbesgarte Biberist einen Vortrag zu diesem Thema. Der Andrang war sehr gross. Organisiert wurde der Anlass vom Verein palliativeCare Region Biberist, der Interessierten einmal im Jahr mit einer öffentliche Veranstaltung ermöglichen möchte, sich mit Betreuung und Behandlung von unheilbar erkrankten Menschen auseinanderzusetzen.

Essen ist sozial

Die soziale Rolle des Essens beginnt bereits als Baby, sobald man die Brust der Mutter erhält, und findet am Lebensende seinen Abschluss: Es ist erwiesen, dass Menschen, die dem Tod nahe sind, häufig weniger essen, an Appetitlosigkeit leiden und sich somit aus dem sozialen Umfeld der Lebenden zurückziehen. Sterbefasten sei ein ungünstiger Begriff. «Immerhin erregt er Aufmerksamkeit», so Fringer. Und Aufmerksamkeit sei wichtig: Die Gesellschaft müsse sich mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzen. Korrekter wäre es aber, es als freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit zu bezeichnen.

Es gibt beim Sterbefasten eine Vorbereitungszeit und erfordert viel Durchhaltevermögen. Über die Erfahrung der Sterbefastenden wisse man bis heute nur wenig, man kenne in den meisten Fällen lediglich die Sicht von Angehörigen, die es in der Regel rückblickend zwar als belastend empfanden, aber es dennoch abschliessend im Positiven akzeptieren konnten.

Als natürlich empfunden

Für einige stellt das Sterbefasten eine Alternative zu Dignitas und Exit dar und wird häufig als ein natürlicher Weg empfunden, das Leben vorzeitig zu beenden. Es könne aber auch unnatürlich sein, in solchen Fällen wird das Sterbefasten als Suizid aufgefasst. Sobald jedoch einige Hilfeleistungen im Leben eines Menschen nötig seien, werde beim Sterbefasten eher vom natürlichen Tod gesprochen. Gründe das Sterbefasten anzuwenden, sind der Wunsch nach Selbstbestimmung des Lebensendes, unerträgliches Leid und Lebensmüdigkeit. Die meisten Betroffenen (70 Prozent) litten an einer unheilbaren Krankheit, bei 20 Prozent der Sterbefastenden war die Entscheidung altersbedingt.

Rund zwei bis drei Wochen dauert das Sterbefasten in der Regel. «Damit von Sterbefasten gesprochen wird, muss es mindestens sieben Tage lang angewandt worden sein», beschrieb Fringer. Es komme auch häufig vor, dass das Gehirn während des Fastens Endorphine (Glückshormone) ausschütte. «Dadurch erfährt der Betroffene ein klareres Bewusstsein und kann seine Entscheidung bekräftigen oder aber seine Entscheidung revidieren.»

Nicht wegschauen

Es gelte, ein Bewusstsein für diese legale Methode zu schaffen, und sich damit auseinanderzusetzen: Nicht nur die Gesellschaft im Allgemeinen, besonders Heime und die Spitex müssten sich gemäss Fringer damit befassen. Viele Pflegeinstitutionen hätten sich inzwischen der Thematik gegenüber geöffnet.

Ausserdem sei festzustellen, dass in der Gesellschaft häufiger alte Menschen das Sterbefasten akzeptieren und dieses eher als Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit denn als «Sterbefasten» betrachten. Bei jüngeren Menschen hingegen würde öfters Kritik laut, die Haltung sei ablehnend und es werde der Begriff «Sterbefasten» verwendet.

Fringer betonte, dass aufzupassen sei, das Thema nicht positiv zu verzerren. «Es gibt auch negative Beispiele, es läuft nicht immer gut und reibungslos ab.» Und abschliessend fügte er hinzu: «Wir müssen uns bewusst sein, dass wir im Moment nur die Spitze sehen von dem, was Sterbefasten wirklich bedeutet.»