Über 100 Jahre lang bot der Platz an der Subingenstrasse 4 in Derendingen mittellosen Kindern eine Zufluchtsstelle. Auf eine dementsprechend lange Vergangenheit können die Besucher am kommenden Samstag am Abschiedstag des Kinderheimes zurückschauen. Am Vorabend findet zudem die Erzählnacht statt, die spät nachts auch für Erwachsene etwas bietet.

Als die fromme Maria Ursula Schenker 1895 ein Sanatorium für ihre alternden Schwestern gründete, wusste sie nicht, dass sie damit auch gleich den Grundstein für das Kinderheim St. Ursula legte. Das Schwesternhaus, das der körperlichen und geistigen Erholung der Nonnen dienen sollte, wurde schnell zur Aufnahmestätte von verwaisten und armen Kindern. Laut einem Jahresbericht habe das Gebäude bald so viele Kinder beherbergt, dass von Erholung für die Schwestern keine Rede mehr sein konnte.

Mutter Maria Ursula Schenker liess diese Umstände nicht auf sich beruhen und setzte sich für den Bau eines zusätzlichen Hauses für die Waisenkinder ein. Kurz nach der Neubaubewilligung am 28. Februar 1899 verstarb Schenker im Alter von 79 Jahren und hinterliess Deitingen ein neues Waisenhaus. Das damalige Leben der Schutzbefohlenen unterlag im Namen einer «sittlich-religiösen und praktischen Erziehung» strengen Regeln. Frühes Aufstehen, Morgengebet, Schule, Hausaufgaben und Arbeiten im Heim standen auf dem Tagesprogramm.

Für Säuglinge und Kleinkinder

1930 bekam die St.-Ursula-Waisenanstalt die moderne Bezeichnung «Kinderheim» verpasst und beschränkte sich ab 1932 auf die Aufnahme von Säuglingen und Kleinkindern. Für die Betreuung der rund 80 Kinder waren 6 bis 8 Nonnen, ebenso viele Praktikantinnen sowie ein paar Hausangestellte zuständig. In den 60er-Jahren sahen die Schwestern die Notwendigkeit einer grösseren Renovierung. Zur Finanzierung der Bauarbeiten veranstalteten die Nonnen einen sechstägigen Basar, durch welchen fast die Hälfte der Kosten gedeckt werden konnten. Im Rahmen des Umbaus wurde auch ein unterirdischer Gang zwischen dem Heim und dem Schwesternhaus angelegt.

Ein Jahrzehnt später verlegte das Kinderheim nach einer Umstrukturierung des Betriebs seinen Schwerpunkt auf die Sonderschulung von behinderten Kindern. 1970 bis 1975 entstand der heute noch bestehende kubische Bau. Mit dem neuen kantonalen Heimkonzept 2008 gestaltete sich der weitere Betrieb jedoch als zu aufwendig und wurde eingestellt. Damit endete das grösste Kapitel in der Geschichte des Kinderheims. Ein knappes Jahr später erwarb der Berner Martin Strupler das Gebäude von der Schwestern-Gemeinschaft mit der Absicht, dieses bis 2013 in Wohnungen umzubauen. Sein Projekt scheiterte. Seit der Stilllegung des Kinderheimes habe es keine Weiternutzung des Gebäudes gegeben, weiss Deitingens Bauverwalter Markus Schwarzenbach.

Abriss ist das letzte Kapitel

Nach neun Jahren des Leerstehens ist das letzte Kapitel des Kinderheims angebrochen. Das Gebäude wird abgerissen und weicht einer Überbauung von zwei Mehrfamilienhäusern. Unter dem Namen «Kinderheim ADE!» verabschieden Primarschule, Kindergarten sowie die Archivkommission der Bürgergemeinde «das Kinderheim in einem würdigen Rahmen». Das Treffen ehemaliger Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ist dabei ein Höhepunkt.

Freitag 3. November, Erzählnacht, ab 18 Uhr für Kindergarten und Schule, ab 22.30 Uhr Gutenachtkrimis im Waschhaus-Beizli. Samstag, 4. November, 10 bis 17 Uhr öffentliche Besichtigung, Fotoausstellung der Archivkommission, Vorstellung Neubauprojekt, ab 14 Uhr Treffen ehemaliger Mitarbeitenden.

Biografie

Dagmar Hanl lebte während 28 Jahren im Kinderheim

Das Kinderheim Deitingen hat einen wichtigen Platz in der Biografie von vielen Kindern. Dagmar Hanl kam als fünf Wochen altes Baby ins Kinderheim. Sie war ein uneheliches Kind einer Saisonarbeiterin aus der österreichischen Steiermark und weiss noch heute nicht, wer ihr Vater ist. «Meine Mutter musste arbeiten und gab mich ins Kinderheim», erzählt Hanl. Sie hat 28 Jahre im Kinderheim verbracht. Eine aussergewöhnlich lange Zeit, wie sie sagt, denn die meisten Kinder, die im Heim grossgezogen wurden, verliessen früher das Heim.

Die heute 54-jährige Dagmar Hanl besuchte die Schulen in Deitingen, Subingen und Kriegstetten. Anschliessend absolvierte sie die Haushaltschule im Theresienhaus Solothurn. Im Alter von 20 Jahren begann sie in einem Gartenbaugeschäft in Zuchwil zu arbeiten, wo sie noch heute, 34 Jahre später, angestellt ist.

Dagmar Hanl hat sehr positive Erinnerungen an ihre Zeit im Kinderheim. «Es war mein Daheim, ich hatte kein anderes zu Hause.» Das Morgenessen wurde gemeinsam eingenommen, mag sie sich erinnern. Bei schönem Wetter sei sie viel in der Natur draussen gewesen. Zusammen mit den Knaben habe sie Indianer und Cowboy gespielt. «Wir hatten eine grosse Schaukel, auf der vier Leute Platz fanden, die ich oft benutzte. Wenn ich auf der Schaukel sass, begann ich jeweils immer zu singen. Alte Schlager.» Hanl hatte fast immer dieselbe Betreuungsperson. «Als ich 20 Jahre alt war, verliess sie das Kinderheim.» Die Betreuerin war ihre Bezugsperson und Mutterersatz. Dagmar Hanl hatte auch nach ihrem Wegzug aus dem Kinderheim und bis heute eine gute Beziehung zu ihr.

Dagmar Hanl hatte auch Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter und besuchte diese an jedem zweiten Wochenende. Ihre Mutter verstarb früh mit 35 Jahren. Die Erinnerung ist für Hanl mit heftigen Gefühlen verbunden. «Mit 15 Jahren war ich Waise. Ich war die Einzige, die so lange im Heim blieb.» Man habe schon eine Pflegefamilie für sie gesucht. «Das war aber nie mein Ding, ich wollte im Kinderheim bleiben, das war meine Heimat.»

Es habe auch immer ein Theater gegeben, wenn sie ihre Mutter besuchen sollte. «Es musste jemand vom Heim mit, damit ich sicher war, das ich wieder ins Kinderheim zurück darf.» Sie wollte nicht weg, und als sich die Gelegenheit ergab, erhielt sie ein eigenes Zimmer im Dachstock. Zur Arbeit pendelte sie mit dem Fahrrad. Mit 28 Jahren bezog Dagmar Hanl in Deitingen die erste eigene Wohnung, wo sie noch heute wohnt.

Der Abschied vom Kinderheim, das abgerissen wird, beschäftigte Dagmar Hanl in den letzten Wochen. Mehrere Male besuchte sie ihr früheres Daheim, das seit einem Jahrzehnt leer steht. «Die Türe stand offen, und ich ging nochmals hinein.» (uby)