Milchkühe haben in der Schweiz Namen. Die Nummern an ihren Ohrmarken und Chip-Halsbändern identifizieren die Tiere lediglich bei der Tierdatenbank beziehungsweise an der Melkmaschine. David Flury würde nicht im Traum daran denken, seine Kühe als Nummern anzusehen. Sie heissen Erna, Birke oder Ruby. Oder Belle – und Belle kennt ihren Namen. Sie reagiert, wenn man sie ruft.

Belle ist nicht die Schönste im Stall in Oekingen. Sie wurde nie an einer Ausstellung gezeigt, bloss mehrfach auf dem Betrieb dem Richter des Zuchtbuchs vorgeführt. Dennoch ist die Kuh der Rasse Red-Holstein die unangefochtene Königin auf dem Hof Talacker. An Ostern hat Belle die Marke von 125'000 Kilo Milch erreicht. Eine sogenannte Lebensleistung über 100'000 Kilogramm ist selbst für Milchrassen wie die Holstein nicht alltäglich. Mit 13 Jahren ist Belle zugleich die älteste Kuh der Familie Flury. Die Zeichen dafür, dass es noch mehr Milch wird, stehen gut.

Bis zum achten Kalb unauffällig

«Bis zum achten Kalb war Belle eine unauffällige Erscheinung. Nichts deutete darauf hin, dass sie überdurchschnittliche Qualitäten hat. So war’s doch, Mädchen?», sagt David Flury und streicht Belle über den rotbraunen Hals. Geduldig steht die «Oma», wie der Landwirt seine Trouvaille scherzhaft nennt, im dicken Strohbett und lässt sich von allen Seiten ansehen. Ein freundliches Tier, das sich auch von einer fremden Person am Halfterstrick halten lässt. In diesem gepolsterten Abteil des Laufstalls werden übers ganze Jahr verteilt die Kälber geboren.

Auszeichnung vom Zuchtbuchrichter.

Auszeichnung vom Zuchtbuchrichter.

Belles Euter ist nicht einmal halb so gross wie dasjenige der schwarzweissen Kuh einige Meter daneben. Genau diese zyklische Rückbildung des Euters erklärt zumindest teilweise Belles Erfolg. In drei Monaten wird ihr elftes Kalb geboren, und in den nächsten drei oder vier Wochen gibt sie nur noch wenig Milch. Zwei Monate vor der Geburt wird sie dann gar nicht mehr gemolken.

Landwirt David Flury stellt seine beste Milchkuh im Stall vor und sagt, was es braucht, damit die Kühe lange und viel Milch geben.

Landwirt David Flury stellt seine beste Milchkuh im Stall vor und sagt, was es braucht, damit die Kühe lange und viel Milch geben.

Drei Zuchtstiere hervorgebracht

«Diese zwei Monate sind die Ferien der Milchkühe. Optimal ist, wenn sich dann ihr Euter zurückbildet, fast wie bei einem Rind», erklärt der Landwirt. Für Kühe mit schlaffem Bindegewebe, bei denen der «Milchladen» fast am Boden schleift, ist in der auf Effizienz getrimmten Landwirtschaft kein Platz. Sie werden oft vor dem zehnten Geburtstag zu Hamburgern verarbeitet.

Das Lebensende der Kuh ist der eine Grund, warum Fleischpreise auch für die Milchbauern von entscheidender Bedeutung sind. Die Tatsache, dass von Natur aus die Hälfte der Kälber männlich sind und zur Mast verkauft werden, ist der andere Grund. David Flury setzt zwar teilweise geschlechtergetrenntes Sperma ein, doch tut er dies nicht nur, um Kuhkälber zu erhalten. Und nicht bei Belle. Bei ihr überlässt er die Geschlechterwahl der Natur.

Von Belle waren bisher sieben Kälber männlich – und zwei schwarzweiss, was immer wieder vorkommt, wenn der Vater diese Farbe hat; die ursprüngliche schwarze Genvariante ist bei den Holstein dominant. «Drei ihrer Stierkälber sind Zuchtstiere.» Für Belles Besitzer ist das ein weiterer Beleg für die Qualität seiner Ausnahmekuh.

Mit Milchkühen aufgewachsen

Belle und ihre 79 Kolleginnen liefern Milch für die Molkerei Lanz. «Zum Glück. Lanz ist ein guter Abnehmer. Die Milch wird regional verarbeitet und konsumiert, und der Milchpreis ist etwas besser als bei den Grossen der Branche», sagt David Flury. Er ist zufrieden mit diesem Arrangement und überzeugt, den besten Milchverkäufer zu haben – das richtige Tier.

Er ist auf dem Hof mit den gefleckten Kühen aufgewachsen. Bei der Betriebsübernahme vor 15 Jahren von seinen Eltern verglich der junge Landwirt nämlich drei Geschäftsmodelle: Milchwirtschaft, Schweine- und Pouletmast. «Die Arbeit mit den Kühen macht mir Freude. Mit anderen Tieren wäre ich nicht halb so glücklich», sagt David Flury.

Inzwischen ist es kurz vor 17 Uhr. Flurys Lehrling Christian Schmidig stärkt sich in der Wohnküche der Familie mit einem Müesli fürs Melken. «Diesen Teil des Betriebs haben Sie noch nicht gesehen», lädt David Flury zum zweiten Besuch im Stall ein. Er zeigt die kreisförmige, langsam rotierende Plattform, auf der die Kühe an den Melkmaschinen stehen. Mit prallen Eutern warten die Tiere unter freiem Himmel, bis sie an die Reihe kommen. Belle hat es nicht eilig. Derzeit trägt sie nur gut 10 Liter an die rund 1000 Liter bei, die auf dem «Talacker» alle zwölf Stunden in den Kühltank fliessen.