Hof Talacker
Milchwunder von Oekingen: Diese Kuh hat die 125'000 Liter-Marke geknackt

Ein Besuch auf dem Hof Talacker der Familie Flury in Oekingen. Landwirt David Flury stellt dabei seine beste Milchkuh vor und verrät, was es braucht, damit die Kühe lange und viel Milch geben.

Daniela Deck
Drucken
Teilen
David Flury mit «Belle», der Königin auf dem Hof Talacker: «Die Arbeit mit den Kühen macht mir Freude. Mit anderen Tieren wäre ich nicht halb so glücklich.»

David Flury mit «Belle», der Königin auf dem Hof Talacker: «Die Arbeit mit den Kühen macht mir Freude. Mit anderen Tieren wäre ich nicht halb so glücklich.»

Hanspeter Bärtschi

Milchkühe haben in der Schweiz Namen. Die Nummern an ihren Ohrmarken und Chip-Halsbändern identifizieren die Tiere lediglich bei der Tierdatenbank beziehungsweise an der Melkmaschine. David Flury würde nicht im Traum daran denken, seine Kühe als Nummern anzusehen. Sie heissen Erna, Birke oder Ruby. Oder Belle – und Belle kennt ihren Namen. Sie reagiert, wenn man sie ruft.

Solothurn steht im Zentrum

Am 21. April ist Tag der der Schweizer Milch. Milchproduzenten, Jungzüchter und weitere Partner schenken kostenlos Milch aus und suchen das Gespräch mit den Konsumenten. In Solothurn wird an diesem Tag die «stärkste Familie der Schweiz» gekürt. Der Wettlauf hat begonnen: Ab sofort kann jedermann in einem Voting mitentscheiden, welches Familien-Team in Solothurn mit der besten Ausgangsposition zu Lovelys Milk Trail startet. Bei dem spielerisch-sportlichen Kräftemessen zählen die gesammelten Stimmen mit. Der von der ehemaligen Spitzenturnerin Ariella Kaeslin begleitete Wettkampf in Solothurn bildet das Hauptereignis am Tag der Schweizer Milch, der in der ganzen Schweiz stattfindet. Auch beim Gäupark in Egerkingen gibt es einen Stand.

Belle ist nicht die Schönste im Stall in Oekingen. Sie wurde nie an einer Ausstellung gezeigt, bloss mehrfach auf dem Betrieb dem Richter des Zuchtbuchs vorgeführt. Dennoch ist die Kuh der Rasse Red-Holstein die unangefochtene Königin auf dem Hof Talacker. An Ostern hat Belle die Marke von 125'000 Kilo Milch erreicht. Eine sogenannte Lebensleistung über 100'000 Kilogramm ist selbst für Milchrassen wie die Holstein nicht alltäglich. Mit 13 Jahren ist Belle zugleich die älteste Kuh der Familie Flury. Die Zeichen dafür, dass es noch mehr Milch wird, stehen gut.

Bis zum achten Kalb unauffällig

«Bis zum achten Kalb war Belle eine unauffällige Erscheinung. Nichts deutete darauf hin, dass sie überdurchschnittliche Qualitäten hat. So war’s doch, Mädchen?», sagt David Flury und streicht Belle über den rotbraunen Hals. Geduldig steht die «Oma», wie der Landwirt seine Trouvaille scherzhaft nennt, im dicken Strohbett und lässt sich von allen Seiten ansehen. Ein freundliches Tier, das sich auch von einer fremden Person am Halfterstrick halten lässt. In diesem gepolsterten Abteil des Laufstalls werden übers ganze Jahr verteilt die Kälber geboren.

Auszeichnung vom Zuchtbuchrichter.

Auszeichnung vom Zuchtbuchrichter.

Hanspeter Bärtschi

Belles Euter ist nicht einmal halb so gross wie dasjenige der schwarzweissen Kuh einige Meter daneben. Genau diese zyklische Rückbildung des Euters erklärt zumindest teilweise Belles Erfolg. In drei Monaten wird ihr elftes Kalb geboren, und in den nächsten drei oder vier Wochen gibt sie nur noch wenig Milch. Zwei Monate vor der Geburt wird sie dann gar nicht mehr gemolken.

Drei Zuchtstiere hervorgebracht

«Diese zwei Monate sind die Ferien der Milchkühe. Optimal ist, wenn sich dann ihr Euter zurückbildet, fast wie bei einem Rind», erklärt der Landwirt. Für Kühe mit schlaffem Bindegewebe, bei denen der «Milchladen» fast am Boden schleift, ist in der auf Effizienz getrimmten Landwirtschaft kein Platz. Sie werden oft vor dem zehnten Geburtstag zu Hamburgern verarbeitet.

Das Lebensende der Kuh ist der eine Grund, warum Fleischpreise auch für die Milchbauern von entscheidender Bedeutung sind. Die Tatsache, dass von Natur aus die Hälfte der Kälber männlich sind und zur Mast verkauft werden, ist der andere Grund. David Flury setzt zwar teilweise geschlechtergetrenntes Sperma ein, doch tut er dies nicht nur, um Kuhkälber zu erhalten. Und nicht bei Belle. Bei ihr überlässt er die Geschlechterwahl der Natur.

Von Belle waren bisher sieben Kälber männlich – und zwei schwarzweiss, was immer wieder vorkommt, wenn der Vater diese Farbe hat; die ursprüngliche schwarze Genvariante ist bei den Holstein dominant. «Drei ihrer Stierkälber sind Zuchtstiere.» Für Belles Besitzer ist das ein weiterer Beleg für die Qualität seiner Ausnahmekuh.

Antibiotika - Doppelter Schutz

Mit der Milch- und Fleischproduktion leistet die Schweizer Landwirtschaft nicht nur einen wichtigen Beitrag zu unserer Ernährung, sondern auch zur Gesundheitsvorsorge: Zwei Mechanismen sorgen dafür, dass wir in Milchprodukten, Eiern und Fleischerzeugnissen nicht versehentlich Arzneimittel mitessen und so den Krankheitskeimen Gelegenheit geben, sich an die Medizin zu gewöhnen. Denn Keime, die gegen Antibiotika resistent sind, stellen für unsere Gesundheit eine ernstzunehmende Bedrohung dar. Erstens müssen bei kranken Tieren nach dem Ende der Medikamentenbehandlung bestimmte Fristen eingehalten werden, bevor ihre Produkte (wieder) konsumiert werden dürfen. Zweitens werden Nutztiere nicht mit denselben Antibiotika behandelt wie Menschen.
Bei gewissen Tierarten, zum Beispiel Pferden, ist es möglich, ein Tier nicht als Nutztier zu registrieren, sondern als Haustier. Von Haustieren gelangt kein Produkt in unseren Ernährungskreislauf. Deshalb dürfen Haustiere mit denselben Arzneiwirkstoffen behandelt werden wie Menschen. (dd)

Mit Milchkühen aufgewachsen

Belle und ihre 79 Kolleginnen liefern Milch für die Molkerei Lanz. «Zum Glück. Lanz ist ein guter Abnehmer. Die Milch wird regional verarbeitet und konsumiert, und der Milchpreis ist etwas besser als bei den Grossen der Branche», sagt David Flury. Er ist zufrieden mit diesem Arrangement und überzeugt, den besten Milchverkäufer zu haben – das richtige Tier.

Er ist auf dem Hof mit den gefleckten Kühen aufgewachsen. Bei der Betriebsübernahme vor 15 Jahren von seinen Eltern verglich der junge Landwirt nämlich drei Geschäftsmodelle: Milchwirtschaft, Schweine- und Pouletmast. «Die Arbeit mit den Kühen macht mir Freude. Mit anderen Tieren wäre ich nicht halb so glücklich», sagt David Flury.

Inzwischen ist es kurz vor 17 Uhr. Flurys Lehrling Christian Schmidig stärkt sich in der Wohnküche der Familie mit einem Müesli fürs Melken. «Diesen Teil des Betriebs haben Sie noch nicht gesehen», lädt David Flury zum zweiten Besuch im Stall ein. Er zeigt die kreisförmige, langsam rotierende Plattform, auf der die Kühe an den Melkmaschinen stehen. Mit prallen Eutern warten die Tiere unter freiem Himmel, bis sie an die Reihe kommen. Belle hat es nicht eilig. Derzeit trägt sie nur gut 10 Liter an die rund 1000 Liter bei, die auf dem «Talacker» alle zwölf Stunden in den Kühltank fliessen.

Sinn und Grenzen der Direktvermarktung

Manche Bauernhöfe haben in den letzten 20 Jahren Hofläden eingerichtet, in denen sie einen Teil ihrer Produkte direkt vermarkten, ohne Zwischenhändler. Darauf setzen auch die Marktfahrer. Das Konzept «vom Feld zum Kunden» ist nicht neu, wie der jahrzehntelange Erfolg von Erdbeerfeldern zum selber Pflücken beweist. Technisch gesehen ist die Direktvermarktung auch bei der Milch möglich, über Automaten, die gekühlte Pastmilch in verschiedenen Gebindegrössen ausgeben. Doch für die Milchbauern lohnt sich diese Direktvermarktung kaum. Dies besonders im Vergleich zur Milchmenge von mehreren hundert Kilo, die der Hof täglich produzieren muss, damit er rentabel geführt werden kann. Hinzu kommt: Die Investition für den Milchautomaten und der Hygieneaufwand zur Sicherung der Qualität sind beträchtlich. Umso wichtiger sind regional verankerte Nischenanbieter wie die Molkerei Lanz in Obergerlafingen, die zusammen mit «ihren» Milchproduzenten den Grossverarbeitern wie Emmi und Elsa-Mifroma (Migros) Paroli bieten. (dd)