«Meine Damen und Herren!» Diese vier mit lauter, euphorischer Stimme gesprochenen Worte genügen der jungen Conférencieuse, um sich im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit zu wissen. «Bitte begrüssen Sie» – dramatische Pause – «unsere phänomenalen Jongleure!» Musik spielt auf. Ein Wagen, gestossen von zwei elegant gekleideten Artisten, rollt herbei. Eins, zwei – schon sind die beiden Türen des kleinen Gefährts geöffnet. Doch was ist das? Gähnende Leere starrt dem Betrachter entgegen. «Das Jongliermaterial ist weg?!», wiederholt die vorhin noch so professionelle Ansagerin jetzt fassungslos. «Na dann sucht es gefälligst!», fordert sie die beiden Jongleure flapsig auf, die sich daraufhin kleinlaut verkrümeln. Verlegene Stille herrscht. Und jetzt?

Die Aufführung des Kinder- & Jugendzirkus Pitypalatty beginnt mit einem peinlichen Lapsus. Aber halb so schlimm: Steht dieser doch schwarz auf weiss im «Drehbuch». Im diesjährigen Programm «Manege frei» zieht sich die Suche nach den auf geheimnisvolle Weise verschwundenen Jongliersachen nämlich wie ein roter Faden durch alle Zirkusnummern hindurch. Ob sie am Schluss wiederauftauchen, will Hauptleiterin Barbara von Arx allerdings nicht verraten. Ein Rätsel, das bis zu den beiden Vorstellungen in zwei Wochen also ungeklärt bleibt.

Training, Training, Training

Die rund 40 jungen Artistinnen und Artisten, die sich an diesem Samstag zur letzten Durchlaufprobe in der Lommiswiler Dorfhalle versammelt haben, schweigen sich ebenfalls darüber aus. Ihre Konzentration gilt ohnehin wichtigeren Dingen: dem «Üben» zum Beispiel. Üben, üben, und nochmals üben. Wie sonst sollte man es schaffen, mit einem Einrad Seil zu springen oder sogar eine Treppe zu erklimmen? Stufe für Stufe, Hopser für Hopser.
Seit Januar trainieren die Pitypalatty-Akrobaten für die kommende Zirkus-Vorstellung und das jeden Samstag. Seiltanz, Jonglage, Vertikaltuch, Trapez, Akrobatik, Rad, Diabolo und Clown.

Die Jungsporns haben die Qual der Wahl – sie müssen sich für zwei dieser Disziplinen entscheiden. «Am meisten Spass macht mir das Diabolo-Spielen», erklärt die 10-jährige Noémie Lutz, die ihr erstes Jahr beim Zirkus angetreten hat. «Jonglage», meint dagegen Lena Hirz nach kurzem Überlegen. Sie gehört zu den alten Pitypalatty-Hasen: Es ist bereits ihre achte Saison, weshalb die 18-Jährige dieses Jahr zum ersten Mal auch als Hauptleiterin fungiert. Neben ihr helfen noch zwei weitere, jugendliche Akrobatinnen den insgesamt acht Pitypalatty-Leitern aus.

Eine Eins-zu-eins-Betreuung sei aber dennoch undenkbar, lacht Barbara von Arx. In diesem «Ameisenhaufen» – so nennt sie das Training in der Halle – müsse man auf Selbstständigkeit setzen. «Aus Eigendisziplin und Eigenlust heraus, etwas erreichen zu wollen – das ist das, was die Kids weiterbringt und das ist auch das, was wir fordern», streicht die diplomierte Bewegungsschauspielerin hervor.

Seit sechzehn Jahren hält Barbara von Arx nun schon die Führungszügel von Pitypalatty inne und stellt alljährlich gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen eine Zirkusvorstellung samt Live-Musik auf die Beine. Was ihr daran denn so gefalle? «Dieser Moment, wenn die Artisten auf der Bühne stehen. Wenn geklatscht wird und sie realisieren, wie sehr das Publikum Freude hat. Wenn sie merken, was sie alles geleistet haben – das ist das absolute Highlight.»