Jahre bevor Martin Blaser Gemeindepräsident wird, sitzt er schon im Gemeinderat (1989–1997). Dann zieht er sich aus der Politik zurück. «Ich war gleichzeitig in der Musik, Gemeinderat und Fraktionschef. Es wurde mir zu viel, ich wollte nach acht Jahren zurück in die Anonymität und mich auf meine Arbeit als Notar konzentrieren.»

Nach einigen Jahren in der Anonymität geschieht Entscheidendes. Camperfreund Blaser organisiert eine Camper-Reise mit Heinz Lehmann, seinem Vorgänger, und Sepp Willi, einem seiner besten Freunde. «Sie haben mir am Abend am Lagerfeuer vorgeschlagen, ins Rennen um das Gemeindepräsidium zu steigen.» Mit ihrem Vorstoss kommen Blasers Freunde zum richtigen Zeitpunkt. «Ich wollte im Alter von 50 Jahren und nach 30 Jahren Amtschreiberei nochmals etwas Neues versuchen.»

Martin Blaser tritt 16-jährig als Trompeter der Harmonie bei. Jeden Montag und Donnerstag geht er über den Schwarzweg der Emme entlang in die Probe.

Sein Vater ist in der Musikgesellschaft, sein Götti ebenso, und auch sein Bruder und später sein Sohn und der Sohn des Bruders. «So wird man halt auch gewählt.» Er ist im Dorf bekannt, ist an jedem Fest und Vereinsanlass in Uniform. Als Gemeindepräsident ändert sich nicht viel. «Ich trug einfach keine Uniform mehr», so Blaser. Politisches Kalkül stellt der FDPler in Abrede. «Es brauchte diese Reise und mein Alter. Ansporn war, nochmals etwas anderes zu machen.» Seine beiden Kinder sind schon erwachsen und erleichtert, dass sie nicht mehr in die Schule gehen, wenn ihr Vater Gemeindepräsident ist.

Sicherheit und Schule

Vor Amtsbeginn geniesst Blaser Ferien und erstellt eine Liste der Themen, die ihm als Gemeindepräsident für Biberist wichtig sind. Zwei Themen liegen schon auf dem Tisch. «Der Kanton schrieb, wir könnten ein Hochwasserproblem haben.» Von Amtes wegen wird er Chef des Gemeindeführungsstabes.

«Zwischen meinem Amtsantritt und heute liegen 14 Jahre. Sie waren ausgefüllt mit arbeiten, lernen, erfahren, aber auch geprägt von guten Begegnungen, dynamischen Prozessen und positiven Resultaten. Falls man findet «dä het’s brocht» habe ich mein Ziel erreicht. Mein Nachfolger darf sich auf eine tolle Gemeinde freuen.»

«Zwischen meinem Amtsantritt und heute liegen 14 Jahre. Sie waren ausgefüllt mit arbeiten, lernen, erfahren, aber auch geprägt von guten Begegnungen, dynamischen Prozessen und positiven Resultaten. Falls man findet «dä het’s brocht» habe ich mein Ziel erreicht. Mein Nachfolger darf sich auf eine tolle Gemeinde freuen.»

Die Arbeit nimmt er sehr ernst und wird ihn über Jahre begleiten und auch zu schlaflosen Nächten führen. Alarmierungsmarken (Emmenstand) werden gesetzt. Das Hochwasser 2005, eines wie es durchschnittlich alle 30 Jahre vorkommt, kann bewältigt werden. Blaser lässt nichts anbrennen und sorgt mit dafür, dass eine Wassersperre gekauft wird.

Mit dieser kann das Hochwasser 2007 bewältig werden – knapp. «Das ist mir in die Knochen gefahren. Als wir den Beaver, die Wassersperre auf dem Damm hatten, und das Wasser kontinuierlich über den Damm floss.» Er macht dem Kanton klar, dass die Gemeinde nicht mehr tun könne, und nun der Kanton gefordert ist. «Der Kanton hat hervorragend gearbeitet. Die erste Etappe der Hochwassersanierung wurde vorgezogen, weil das Schadenpotenzial bei 500 bis 600 Mio. Franken lag.» Aktuell erfolgt die Umsetzung der zweiten Etappe Emme-Hochwassersanierung.

Das Wohl und die Sicherheit der Bevölkerung liegt ihm am Herzen. Der schwärzeste Tag in seiner Amtszeit ist der Tag, an dem ein Schüler in der Emme ertrinkt. «Das war heftig.» Er habe immer ein ungutes Gefühl, wenn die Feuerwehr ausrückt. «Ich bin froh, wenn sie wohlbehalten zurück sind.» Er erinnert sich an die Schulzeit seiner Kinder, die auf ihrem Schulweg die Solothurnstrasse queren müssen, welche Sorgen das ihm bereitet habe. Und er ist sehr traurig, dass vor wenigen Wochen ein Mitarbeiter im Dienst verstarb.

Das zweite Thema, das auf dem Tisch liegt, ist die Schulraumentwicklung. Neue Strukturen in der Schule müssen räumlich umgesetzt werden. «Wir mussten die Schulen sanieren. Dabei ist vorher 30 Jahre lang nichts mehr gemacht worden.» Bis Martin Blaser aber erfolgreiche Projekte aufgleisen kann, muss er manch bittere Pille schlucken. Die ersten Projekte sind überladen und werden versenkt. Nach einer Analyse wird darauf geachtet, jedes Objekt einzeln zu projektieren und nur das Nötigste zu realisieren. Gleichzeitig wird die Bevölkerung proaktiv informiert. «Das brachte den Erfolg. So konnten wir die Schulraumplanung auf den Weg bringen.»

Image und Kommunikation

Kommunikation und Image sind für Martin Blaser Herzensangelegenheiten. An seinem eigenen Image arbeitet Martin Blaser fortwährend. Seine Eingriffe werden gerne registriert, etwa wenn wieder mal eine neue Brille seine Nase ziert, oder ein Dreitagebart die wilde Seite von Blaser hervorstreicht. Er arbeitet aber auch am Image der Verwaltung. Jeder trägt ein Namensschild. «Wer Kundenkontakt hat, soll erkannt werden», sagt Blaser.

Oder er sorgt sich ums Image des Dorfes. «Es ist nie etwas passiert, was das Image von Biberist negativ belastet hat.» Der Brand im Asylheim stellt sich als technischer Defekt heraus, ebenso der Brand im St. Urs. In der Verwaltung passiert nie eine deliktische Geschichte. Wegen Biberist rauscht es in seiner Amtszeit nie heftig im Blätterwald, trotz Untergang der Papierfabrik. Und eben auch mit dem Hochwasser kommt es nie zur Katastrophe. «Da bin ich dem Schicksal sehr dankbar.»

Dass neben Image auch Kommunikation das Image des Dorfes belasten kann, merkt Blaser schnell. Für Medien ist er die einzige Ansprechperson in der Verwaltung. Er erkennt frühzeitig, wie entscheidend die Kommunikation sein kann, gerade in negativen oder kritischen Situationen. Dieser Maulkorb für die Verwaltung führt natürlich auch zu Kritik von aussen.
Im Amt und Würde

Wenn Martin Blaser von den Erfolgen in seiner Amtszeit erzählt, vergisst er seine Mitkämpfer nicht, sei es in der Verwaltung und bei den Behörden. «Man kann etwas anstossen und puschen, aber am Ende muss man Mehrheiten finden.» Bescheidenheit ist keine Zier von Martin Blaser. Er schafft es, seinem Amt eine Würde jenseits von Macht, Nepp und Glanz zu verleihen.

Im Präsidialsystem, in dem die Gemeinderäte keine Ressorts bearbeiten, fühlt sich Martin Blaser wohl. Zweimal wird ein Wechsel zum Ressortsystem in der Gemeindeversammlung abgelehnt. «Das kann ich als Kompliment entgegennehmen.» Da ist es nachvollziehbar, dass er die Nase rümpft, kommt die Sprache auf die Gemeindepräsidentenwahl 2013. Dass jemand gegen ihn antritt, stört Blaser wohl vor allem in einer Hinsicht: Ist der
SVP-Kandidat dem Niveau der Aufgabe gewachsen?

Die politische Konkurrenz plagt Martin Blaser nicht wirklich. Aber er bedauert, dass der Respekt schwindet. Nicht nur gegenüber ihm, was er professionell einsteckt, sondern allgemein gegenüber der Obrigkeit, dem Alter, gegenüber dem Eigentum anderer. «Man hat den Leuten zu oft erklärt: Sag, wenn Dir etwas nicht passt. Mittlerweile geben viele Leute noch ihren Senf dazu, obwohl man sie nicht darum gebeten hat.»

Sein Plan ist keinen Plan zu haben

Biberist ist in Bezug auf die Anzahl der Bevölkerung die fünftgrösste Gemeinde im Kanton. Und für Martin Blaser ist klar: «Wir brauchen Wachstum, weil wir eine teure Infrastruktur haben im verzettelten Dorf mit Bleichenberg, Giriz oder Schöngrün.» Mit der Überbauung im Schöngrün wird Biberist nochmals stark wachsen. Das Schwerzimoos, gleich neben der Bahnstation RBS könnte ebenfalls in den nächsten Jahrzehnten helfen, Wachstum für Biberist zu bringen. Dieses Wachstum hätte mit einer Fusion in die Grossgemeinde eingehen sollen.

Für die Fusion mit Solothurn betreibt Blaser am meisten Aufwand, wie er selber zugibt. Aber: «Ich bin 100 Prozent Demokrat. Das Volk wollte die Fusion nicht. Es war offenbar zu früh. Deswegen empfinde ich es auch nicht als grossen Verlust.» Zurück bleibe ein positives Gefühl. Der Einsatz für die Gemeinschaft hat lange gedauert. «Jetzt kommt meine Familie.» Im Moment sei sein Plan, keinen Plan zu haben. Und ein Notariatsbüro will er definitiv nicht eröffnen.

Mit Martin Blaser endet im Herbst 2017 möglicherweise eine 28-jährige FDP-Ära an der Spitze der Gemeinde. Denn eine FDP-Nachfolge ist nicht in Sicht.