Oscar I. Hagmann wird seinen 75. Geburtstag gemeinsam mit Angehörigen, Freunden und Kollegen in der «Kächschür» feiern. Eine Nachfolge in der Arztpraxis gibt es nicht. Das war auch nicht zu erwarten. Hausarzt sei kein Erfolgsmodell, so Hagmann. Am Fest wird er für das Albert Schweitzer Spital in Haiti Geld sammeln, wie schon vor vier Jahren zum Fest 40 Jahre Praxis.

Warum unterstützen Sie das Spital in Haiti?

Oscar I. Hagmann: Ich bin Fan des Spitals und freundschaftlich verbunden mit Rolf Maibach und seiner Frau Raphaela, die für das Spital arbeiten. Er war 2010 Schweizer des Jahres und vor vier Jahren mein Gast. Das Spital kann aktuell nach dem Unwetter Geld brauchen.

Steht das Spital noch?

Ja, es wurde besser gebaut, als dort Standard ist. Gottlob steht es noch. Jetzt haben sie viel mehr Patienten, Verwundete oder Cholerapatienten.

Waren Sie schon immer karitativ
tätig?

Ja. So haben wir beispielsweise einen Teil der Erlöse der Kunstausstellungen hier im «Dokterhus» ab 1977 für verschiedene Organisationen gespendet.

In Ihrem 240-seitigen Buch zu Ihrem Rücktritt kommentieren Sie unter dem Pseudonym Gaukel die Welt. Hilft das Pseudonym?

Das ist mein Studentenname, mein Zerevis, mein Biername. Den Namen erhält man mit 17 Jahren. Erstaunlicherweise passt er oft wirklich gut.

Was bedeutet Gaukel?

Ein Gaukler im guten Sinne, ein Zauberer, einer der etwas vortäuscht oder unterhaltet. Mein Taufspruch war damals: Sein Leben in Sprüche reissen, drum soll er fortan Gaukel heissen.

Sie haben in Ihrem Buch grosse Themen angesprochen, deshalb erlauben Sie die Frage: Wie sieht Ihr Tod aus?

Ich habe mich mein Leben lang damit auseinandergesetzt, viele Leute trösten müssen und den Tod hunderte Male miterlebt. Das ist für mich selber kein Problem. Ich sage immer, ich hatte ein glückliches ausgefülltes Leben. Ich fühle mich als Glückspinsel, obwohl ich schwere Unfälle und Krankheiten hatte, die aber immer glimpflich verliefen.

Welche Krankheit?

Als 7-Jähriger war ich während einer Diphtherie-Epidemie in Quarantäne. Meine Eltern durften nicht in mein Zimmer kommen. Ich trug ein weisses Büsserhemd. Meine Eltern kamen einmal zu Besuch und wirkten beim Abschied ganz traurig, sodass ich dachte, mein letztes Stündlein hat geschlagen.

Und wie sieht Ihr Tod aus?

Ich sage immer, man stirbt wahrscheinlich, wie man gelebt hat. Wer intensiv lebt, den putzt es auch plötzlich.

Das ist eine schöne Hoffnung.

Ja, ja, aber im Schnitt passt es. Ich habe das bei vielen Patienten sehen können. Normalerweise sagen alle zum Thema sterben: möglichst alt, gesund und dann zack, weg.

Andere haben mit dem Sterben Probleme, sei es wegen Schmerzen, sei aus psychischen Gründen. Wie sind Sie hier vorgegangen?

Als Arzt habe ich den Auftrag, quantitativ und qualitativ zu helfen, was die Lebenslänge und die Lebensart betrifft. Ich habe nicht die Aufgabe, das Sterben zu verlängern, sondern die Person würdig zu begleiten und Schmerzen zu lindern. Aber sicher nicht Exit.

Sie sind gegen Selbsttötung.
Warum?

Ich habe viele sterbende Menschen gesehen, die von Saulus zu Paulus geworden sind, die sich geläutert haben. Sie haben ihre Lebensprobleme im letzten Moment verstanden und sind danach zufrieden gestorben. Es braucht seine Zeit. Der Tod ist für mich so geheimnisvoll wie eine Geburt.

Was ist Liebe?

Das ist eine schwierige Frage. Liebe ist ein Glücksfall. Liebe darf nicht mit Sexualität verwechselt werden. Diese gehört wahrscheinlich dazu, aber Liebe ist Sympathie, ein Geschenk, man hat den Menschen gern, und man weiss nicht genau warum.

Sie wissen aber, dass es die Sexualität für das Weiterbestehen braucht.

Natürlich braucht es die. So wurden wir geschaffen. Aber der Ausdruck Kinder machen, beispielsweise, stört mich. Kinder sind ein Geschenk, die uns im Leben weiterbringen und total glücklich machen oder auch total unglücklich machen. So ist eben die Liebe.

Warum machen Nächstenliebe und Kunst glücklich, wie Sie schreiben?

Wenn man etwas aus Überzeugung macht und der Beschenkte ebenso Freude hat wie der Schenkende, dann macht es doppelt glücklich. Ganz nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid oder geteilte Freude ist doppelte Freude. Das tönt banal, das ist aber so.

Sie sind selber zudem künstlerisch tätig.

Seit Jahr und Tag gebe ich Konzerte. Nach meinem Rücktritt wird dies häufiger der Fall sein. Dann werde ich am Klavier spielen und mit meinen Sprüchen moderieren.

Zur Liebe gehören Gefühle. Was bedeuten Ihnen Gefühle?

Einige Menschen behaupten, alles sei vorhersehbar, alles sei Schicksal. Die Gefühle lassen diese Menschen nicht recht gelten. Für mich werden die Gefühle vom ganzen Körper bestimmt: Geist, Leib und Seele. Wenn das harmoniert, inklusive vegetatives Nervensystem, haben wir ein gutes Gefühl. Lieben heisst zum Beispiel auch, mit Scheidungsgründen zurechtzukommen. Mit den Ecken und Kanten des Partners.

Fehlen noch die Steine, über die Sie auch schreiben. Was hat es mit diesen auf sich?

Steine sind etwas wahnsinnig Faszinierendes. Ich denke an das Irrwisch-Konzert Stein & Rose. Der Stein steht für das Beständige, das Ewige, die Rose steht für das Vergängliche. Früher wollten Physiker Gold aus Steinen machen. Auf den Friedhöfen erinnern Grabsteine an Verstorbene. Und manchmal sagen wir, jemand mache einen «Schtei».

Ich erinnere mich an einen Praxisbesuch eines Knaben mit seiner Grossmutter. Von weitem sah er den von der Sonne beschienenen Steinbruch Bargetzi. Der Knabe sagt zum Grosi: Ist das nicht ein grossartig goldenes Schloss. Da möchte ich hingehen. Und s’Grosi antwortete: Das dauert viele Tage, bis wir dort sind, lass uns zuerst zum Doktor gehen.

Sie sprechen nicht gerne von Klienten, sondern von Patienten, warum?

Einen Klienten handelt man technokratisch ab. Juristen haben Klienten. Mir gefällt Patient besser. Der Patient muss, wie der Name besagt, Geduld aufbringen. Zeit heilt, das muss man sich manchmal wieder vergegenwärtigen.

Was bedeutet es, krank zu sein?

Man ist nicht im Gleichgewicht, egal welches Organ es betrifft. Das wirkt sich im vegetativen Nervensystem aus, dem System, das auch an unseren Gefühlen mitbeteiligt ist.

Und wie wird man gesund?

Wie gesagt, Zeit hilft. Es gibt heutzutage gute Medikamente. Wobei sicher 50 Prozent zu viel Medikamente verabreicht werden. Es helfen auch eine gewisse geistige Einstellung und der Glaube. Ohne diesen verarmt die Medizin. Sie wird mehr und mehr technokratisch und bürokratisch und nicht mehr, wie wir erzogen wurden, hypokratisch.