Zum 1.November

Letzte Liebesdienste helfen bei der Trauerarbeit

Margarethe Bader (l.) übergibt Ihr ganzheitliches Bestattungsunternehmen Charona an Christa Tinella-Steiner.

Margarethe Bader (l.) übergibt Ihr ganzheitliches Bestattungsunternehmen Charona an Christa Tinella-Steiner.

Margarete Bader-Tschan übergibt ihr in Lohn-Ammannsegg beheimatetes Bestattungsunternehmen Charona einer Nachfolgerin.

Margarete Bader-Tschan hat mit dem 1999 gegründeten ganzheitlichen Bestattungsunternehmen Charona Pionierarbeit geleistet und weit über die Region hinaus Farbe und den Aspekt des Ganzheitlichen ins Bestattungswesen gebracht, das Tabu um Tod und Sterben aufgebrochen.

Am 1. November übergibt die «Fährfrau», wie sie sich selber bezeichnet, Charona an Christa Tinella-Steiner, die das Unternehmen weiterführen wird. Margarete Bader-Tschan blickt auf 17 bewegte und bewegende Jahre als Bestatterin zurück.

Tod und Sterben galt lange als Tabu. Gehen die Menschen heute offener mit dem Ende des Lebens um als zu Beginn Ihrer Tätigkeit?

Margarete Bader-Tschan: Ja, vieles ist offener geworden. Angehörige kümmern sich vermehrt wieder selber um ihre Verstorbenen. Sich am letzten Geschehen zu beteiligen und mit allen Sinnen den Verstorbenen zu erleben und zu erfahren, ist selbstverständlicher geworden. Viele Menschen wissen wieder, wie sich «der Tod» anfühlt, weil sie bei der letzten Pflege und beim Einbetten in den Sarg helfen. Wie auch beim Dekorieren im und um den Sarg. So wird der Tod, das Sterben, ein Stück erfahrbarer und löst weniger Angst aus. Oft erleben wir am Sarg und beim Schliessen des Sarges zwar schmerzvolle, dennoch tiefe und kostbare Augenblicke, die unvergesslich bleiben. Solche letzte Liebesdienste helfen auch später bei der Trauerarbeit.

Wie integrieren Sie den Tod in Ihre Arbeit, in Ihr Leben?

Indem ich mit dem toten Körper, als dem «Haus der Seele», liebevoll umgehe, ihn respektvoll behandle. Damit ehre ich auch das Leben. Hand aufs Herz, niemand weiss sicher, wann die Seele den Körper verlässt. Deswegen sollten wir ihn nicht zu reinem «Material» degradieren. Die Nähe zu Tod und Sterben lässt uns die eigene Lebendigkeit so richtig bewusst werden. Persönlich habe ich immer wieder von Neuem versucht, dem Tod sinnlich zu begegnen, ihm Lebendigkeit und Schönheit entgegenzusetzen. Dies gelingt mir bei einem Essen mit Wein und Kerzen, einem Theaterbesuch oder wenn ich mit geschlossenen Augen an einer Rose rieche. Ich erhole mich mit Yoga, im Kanu auf der Aare, auf dem Velo, beim Walken und Skifahren. So konnte ich Energie für die anspruchsvolle Aufgabe tanken.

Wie hat sich die hiesige Bestattungskultur verändert?

Angehörige ergreifen in der Abschiedsfeier immer öfters selber das Wort, erinnern sich an Erlebtes, erzählen Anekdoten. Und während früher der Friedhofgärtner oder der Bestatter die Urne getragen haben, wuchs das Bedürfnis, das Gefäss mit der Asche eines Familienmitglieds selber zur letzten Ruhestätte zu tragen. Auf dem Weg kann die Urne noch einmal ans Herz gedrückt werden, bevor sie der Geborgenheit der Erde anvertraut wird. Die Zeit des Abschieds ist viel kreativer geworden.

Wie haben Sie den Trend zur Individualität integriert?

Mit Abschiedsritualen, die gemeinsam mit den Angehörigen im Sinne des Verstorbenen entwickelt werden. So entstehen stimmige und individuelle Zeremonien. Charona hat an ungewöhnlichen Orten Abschiede gefeiert und sich ungewohnte Freiheiten genommen. Sei es bei Feiern im kleinen privaten Rahmen im Wohnzimmer oder mit Hunderten in einer riesigen Scheune oder gar draussen auf dem Sportplatz. In der Abschiedsfeier werden philosophische Texte und Gedichte, die einen Bezug zum Verstorbenen haben, religiösen Texten vorgezogen. Wohltuend sind Rituale mit Kerzenlichter, Blumenblüten, Steinen und Samen. Särge werden verziert, bunt bemalt und oder mit Abschiedsworten beschrieben. Das Gros setzt jedoch immer noch auf traditionelle Beerdigungen.

Charona ist durch Sie als Pionierin etabliert und nach einem TV-Auftritt bei Kurt Aeschbacher schweizweit bekannt. Wie geht es weiter?

Mit Charona, der Fährfrau, haben Frauen Einzug ins Bestattungswesen genommen, und dies nicht nur im Raum Solothurn. Dass nun Charona – das ganzheitliche Bestattungsunternehmen – nach mir wieder in Frauenhände kommt, ist ein Geschenk des Himmels. Die neue Fährfrau Christa Tinella-Steiner bringt als Bauerntochter, Floristin, Mutter und Sozialpädagogin in leitender Stellung viel Lebenserfahrung mit und steht krisenerprobt mitten im Leben. Sie wird Charona in meinem Sinne weiterführen.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Nach den intensiven Jahren als Bestatterin freue ich mich vorerst auf Stille und Rückzug, auf Zeit mit der Familie und der Enkeltochter. Weiterhin biete ich Rituale und Zeremonien zu allen Lebensereignissen und Kurse an.

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