Dicht gedrängt und bereits munter plappernd standen die 17 Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse Sek B am Donnerstag kurz nach 8 Uhr morgens im Eingangsbereich der Carrosserie Hess AG in Bellach. Während die Mädchen am liebsten noch kurz mit ihren Handys ein Selfie geschossen hätten, betrachteten die Jungs schon interessiert Busmodelle im Kleinformat. Dann wurden die Jugendlichen von Andreas Sperisen, Fahrzeugschlosser im 3. Lehrjahr, begrüsst und durch die grosse Werkstatthalle der Carrosserie geführt.

Die Bellacher Klasse nahm an der noch bis Samstag dauernden Berufsmesse IB Live (siehe Box) teil, an der sie in verschiedenen Unternehmen – live – Einblick in Industrieberufe erhalten. Das Erfolgsrezept des Projekts besteht darin, dass nicht erwachsene Lehrmeister, sondern die jungen Lernenden ihren möglichen Nachfolgern darlegen, was sie in der jeweiligen Berufslehre erwartet.

Lernende als Lehrer

So stand den Schülern auch in der Hess AG von jeder der fünf Ausbildungen, die in der Carrosserie absolviert werden können, mindestens ein Lehrling an einem extra eingerichteten Infostand Red und Antwort.

Eine davon war Selina Boscos, Carrossierin Lackiererei im 1. Lehrjahr. «Die Schüler haben oft etwas Angst vor den Gesundheitsschäden oder vor Schwierigkeiten in der Berufsschule», erzählte die 17-Jährige. Sie versuche in den Gesprächen, den interessierten Schülern ihre Bedenken bezüglich des Berufes zu nehmen. Boscos selbst gefällt die Lehre sehr gut, die Mischung aus Gestaltung und Handwerk sei toll.

Deshalb möchte sie gerne weitere Jugendliche dafür begeistern. «Doch das Interesse hält sich in Grenzen. Gerade Frauen wählen lieber einen Beruf, der weniger von Männern dominiert ist», meinte Boscos. Auch der Lehrer Patrick Reinhart bestätigt, dass sich seine Schülerinnen und Schüler vor allem an den klassischen Rollenbildern orientieren würden. «Doch gerade bei Berufen, die sich um Fahrzeuge drehen, bemerke ich Interesse der Mädchen.» So äusserte zum Beispiel die 15-jährige Josiayn Brotschi Automobilfachfrau als Berufswunsch.

Ihre Mitschülerin Betime Zuberi möchte hingegen gerne im Büro arbeiten und kann sich deshalb die Ausbildung zur Kauffrau gut vorstellen. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen lauschte sie gespannt den detaillierten Ausführungen der beiden KV-Lehrlinge Ramon Spring und Martina Adam. «Sie können die Lehre am besten beschreiben, da sie sie gerade erst durchlaufen», lobte Betime das Konzept der Messe. Währenddessen erklärte Ramon Spring mit einem anschaulichen Beispiel die zusammenhängenden Abläufe im Unternehmen Hess: «Wenn ihr eine Beule im Auto habt, bessert der Carrossier in der Spenglerei diese aus, in der Lackiererei wird das Auto neu lackiert und ich stelle dann am Ende die Rechnung aus. Nun könnt ihr auswählen, welche Aufgabe davon ihr übernehmen möchtet.» Nach diesen Worten begannen die Lehrlinge in ausgelassener Stimmung, sich spasseshalber zu duellieren und bei den Schülern für ihre Lehre zu werben.

Berufsmesse als Mobilisierung

Dass sich immer mehr Jugendliche für einen Bürojob wie das KV entscheiden, missfällt dem angehenden Fahrzeugschlosser Andreas Sperisen. «Man kann doch nicht nur Dienstleistungen verkaufen, sondern muss auch etwas herstellen», findet er, der seinen abwechslungsreichen Beruf schätzt. Auch dem Lehrlingsverantwortlichen Daniel Fräulin bereitet das mangelnde Interesse an Industrieberufen Sorgen. «Die Rekrutierung von Schülern ist mühsam. Es ist schwierig, genügend Lehrlinge zu bekommen.» Deshalb hofft Fräulin, dass das «IB Live» seine Wirkung nicht verfehlt und Schüler für eine Berufsausbildung im Industriebereich gewinnen kann.

Einzelne seiner Schüler möchten tatsächlich einen handwerklichen Beruf erlernen, weiss Lehrer Reinhart. «Heute haben sich aber auch die anderen auf die Informationen eingelassen», meint er zufrieden. Allgemein sei er sehr froh über das ausgezeichnete Angebot der Berufsmesse. «So müssen wir nicht selber Betriebsbesichtigungen organisieren.» Auch das Fazit der Siebtklässler ist durchweg positiv. «Man weiss jetzt, was einen in der Lehre erwarten würde», sagte der 13-jährige Giulio Caputo nach einem langen Gespräch mit einem angehenden Konstrukteur. Den Jugendlichen bot sich zudem die Gelegenheit, ihre handwerklichen Fähigkeiten zu testen. Unter Anleitung der motivierten Lernenden wurde fleissig geschraubt, geschweisst und geschliffen.