Lisa Schultis

Langendörferin sieht Rennrollstuhl-Fahren als Lebensqualität

Am Rollstuhlmarathon in Oensingen wird Lisa Schultis vom «normalen» auf den Rennrollstuhl umsteigen.

Am Rollstuhlmarathon in Oensingen wird Lisa Schultis vom «normalen» auf den Rennrollstuhl umsteigen.

Die 18-jährige Rollstuhlsportlerin Lisa Schultis fährt dieses Wochenende in Oensingen am Rollstuhlmarathon mit. Mit 9 Jahren ist die Langendörferin dort das erste Mal gestartet.

Die hübsche junge Frau mit den langen braunen Haaren und dem herzlichen Lachen sieht nicht so aus, als würde sie sich durch irgendetwas behindern lassen. Schon gar nicht durch ihr Geburtsgebrechen Spina bifida (offener Rücken). Sie kommt auch nicht wie erwartet im Rollstuhl angefahren, als sie die Türe öffnet, sondern steht auf ihren eigenen Beinen. «Im Haus laufe ich», sagt Lisa Schultis. Auch im Geschäft – überall dort also, «wo die Menschen ihre Finken anziehen.»

Sie lacht. Draussen hingegen benutzt sie ihren Rollstuhl, denn laufen ist auf die Dauer doch sehr anstrengend für sie. Der Rollstuhl steht im Wohnzimmer in einer Ecke, und vor dem grossen Fenster steht auch das Sportgerät, in dem Lisa so erfolgreich unterwegs ist: der schnittige japanische Rennrollstuhl.

Bereits im Alter von acht Jahren begann die Langendörferin mit dem Rollstuhlsport. Sie war Mitglied im Rollstuhlklub Solothurn. Bei den wöchentlichen Treffen gabs nicht nur Spiele, sondern sie konnte auch mal einen Rennrollstuhl testen. Schnell war sie vom Rennsport fasziniert, und als Elfjährige reiste sie bereits in die USA an die Junioren-WM, wo sie mit der 4 x 100-m-Staffel Gold holte. Begleitet wird Lisa jeweils von ihrem drei Jahre älteren Bruder Rico und ihren Eltern. Als sie Kinder waren, nahm Rico sie überall hin mit, sie durfte immer dabei sein, mitspielen, wurde nie ausgegrenzt.

Bis heute ist ihr Bruder eine wertvolle Stütze geblieben, der ihr nicht nur hilft, sondern auch sehr stolz auf die erfolgreiche Schwester ist. Bronze-Medaillen an den Junioren-Weltmeisterschaften in der Schweiz und in Tschechien, Junioren-Schweizer-Meisterin 2010 und 2011, Bronze an der Junioren- WM in Dubai 2011 in der Kategorie U16, weitere Schweizer-Meisterschafts-Medaillen, wieder Gold in der Staffel an der Junioren-WM in England 2014 – der Palmares von Lisa Schultis ist schon lang.

Lisa wollte nie Mitleid

Sie ist fasziniert von ihrem Sport. «Es ist eine Einzeldisziplin, man ist auf sich alleine gestellt, braucht Kampfgeist und muss taktisch fahren können.» Das alles gefällt ihr. «Aber ich will nicht einfach nur die Beste sein. Für mich ist das Rennrollstuhlfahren Lebensqualität, ist eine Freude.» Sich messen, verbessern, ihr Potenzial herausfinden, das liebt sie. «Ich entdecke gerne Neues, packe Herausforderungen an.»

Sie fühlt sich auch wohl im Team des Sportverbandes der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung. «Wir unterstützen uns, wir haben es gut untereinander, der Teamgeist ist super.» Zweimal wöchentlich trainiert sie in Nottwil. Dazu muss ihre Mutter oder ihr Vater sie jeweils hinfahren. Doch schon bald wird Lisa die Autoprüfung machen können und ist dann selbstständiger.

Sie habe den Rollstuhl nie als Behinderung empfunden, sagt die 18-Jährige. Sie wollte auch nie Mitleid, wollte nie sonderbehandelt werden, auch in der Schule nicht. Sie lobt vor allem ihre Lehrerin in der 5. und 6. Klasse, die sie nie anders behandelt habe als die anderen Kinder. «Das habe ich am liebsten. Ich hatte eine gute Schulzeit und wurde immer unterstützt, wenn es nötig war.»

Lisa kennt die Institution Vebo schon seit langem. Der Vater einer Freundin arbeitet dort als Betreuer, und sie konnte ihn am Tochtertag einmal begleiten. Als sie von der Vebo das Angebot für einen kleinen Sponsoringbeitrag erhielt, sei sie «mega überrascht» gewesen. «Ich finde so etwas gar nicht selbstverständlich, und das motiviert mich natürlich nun umso mehr.» Das Engagement der Vebo sieht sie auch als Chance. «Vielleicht kann es mir auch für die Zukunft Türen öffnen.»

Im Sommer wird sie ihre Ausbildung zur Büroassistentin bei der Einwohnergemeinde Langendorf abschliessen und voraussichtlich in der Vebo ein halbjähriges Praktikum machen. 100 Prozent kann sie nicht arbeiten, wird es auch nie können. «Ich muss meinem Körper Sorge tragen, die Pflege ist aufwendig.» Dazu gehören auch Physiotherapie und Massagen. Was immer möglich ist, macht sie alleine, und ihr Wunsch ist es natürlich auch, einmal selbstständig wohnen zu können. «Wichtig sind mir auch meine Freunde. Wir treffen uns, essen zusammen, gehen ins Kino …» Will oder muss sie sich erholen und regenerieren, ist sie am liebsten daheim, liest, hört Musik. «Ich bin auch gerne einfach für mich.»

Am Rollstuhlmarathon dabei

Alle zwei Jahre findet in Oensingen der Rollstuhlmarathon statt, als 9-Jährige ist Lisa dort zum ersten Mal gestartet, allerdings war das nur eine kleine Runde. Der Anlass ist familiär, man kennt sich, und es ist nicht weit weg. Das gefällt Lisa besonders und deshalb freut sie sich auch immer, dort dabei sein zu können. Dieses Jahr am kommenden Sonntag. Lisa Schultis startet zum ersten Mal in der Kategorie Elite über 14 Kilometer.

Und das nächste Ziel? «Die Junioren-Weltmeisterschaft in Holland im Juli.» Noch muss sie sich qualifizieren. Doch bei ihrem Können, Kampfgeist und Ehrgeiz sollte das kein Problem sein. Die ganz grossen Ziele sind dann noch höher gesteckt: Aufnahme ins Nationalkader und die Teilnahme an den Paralympics 2020 in Japan. Man darf gespannt sein.

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