Werne Feller, eine provokative These lautet, dass die Investoren hier Kunst und Kultur für ihre Ziele einspannen. Ja oder nein?

Werne Feller Das kann man so nicht beantworten. Wir machen hier keine Auftragsarbeiten. Hier entstehen freie Arbeiten. Gerade hier beispielsweise die Murals in der neuen Arena. Es gibt Leute, die finden, hier könne kein Anlass stattfinden, weil das Publikum auf das riesige Mural mit dem beklecksten Christoph Blocher schaut, oder Prügelszenen mit der Polizei abgebildet sind.

Sie erhalten hier extrem viel Platz und Raum, wie wahrscheinlich nie mehr?

Das ist nicht wahr. Solche Konzepte, in denen man urbane Kunst in den öffentlichen Raum trägt, dafür gibt es viele Beispiele. Ganze Städte werden wiederbelebt. Ein Beispiel ist Valencia, das touristisch immer weniger beachtet wurde. Die Stadtverantwortlichen haben Künstler eingeladen, zahlten Kost, Logis, Material und Tantiemen und gaben ihnen ganze Fassaden zum Gestalten. Dadurch wurde die Stadt in ein neues Licht gerückt. Das war wie ein Reinigungsritual. Heute ist Valencia ein Hotspot.

Was aber vor allem Touristen anzieht.

Nicht nur! Auch Investoren. Damit wurde Leben in die Stadt gebracht, etwas wurde angekurbelt, was auch für Investoren von Interesse ist.

Die Investoren im Areal Attisholz Nord könnten aber auch einfach zuwarten, die Gebäude vermieten, einzelne Gebäude sanieren und umgestalten in Gewerbe- und Wohnliegenschaften?

Das ist abhängig von ihren strategischen Zielen. Wenn die Investoren Lagerhallen haben wollen, dann sind wir falsch am Platz. Aber wenn es das Ziel ist, hier über 1000 Einwohnern, Läden und Gewerbe Platz zu bieten, müssen sie anders agieren. Je nachdem, wie das Ganze hier belebt wird, auch beispielsweise in der Art und Weise der Läden, findet sich ein anderes Spektrum von Menschen, das sich für das Areal interessieren.

Sie sagen es selber: Der Investor spannt Kunst und Kultur für seine Ziele ein?

Nein, das habe ich nicht gesagt. In der Entwicklung hier auf dem Areal ist die Halter AG einverstanden mit der Art und Weise einer Inszenierung, wie wir sie machen. Sie geben uns einfach Freiraum. Was wir damit machen, wird nicht vorgegeben oder beschnitten. Das ist frei. Es gibt nicht wenige Dinge hier, mit denen wir die Firma herausfordern. Das ist wichtig.

Etwa, indem Immobilienhandel kritisiert wird?

Wir können gleich ein Werk anschauen, hier das sehr kritische Werk von Kris Kind, einem Künstler aus Wien. Sein Werk heisst «Wertpapier Mensch» und beschreibt mit Stichworten Manager und Nutte. Das wirkt schon sehr hart.

Für Menschen, die hier vorbeigehen und das anschauen?

Ja, aber wir haben hier auf dem Areal viele Werke, die kratzen. Wir haben hier totale künstlerische Freiheit, sonst würden wir es nicht machen.

Was auch die Entwicklung des Areals beeinflusst?

Ja, das passiert schon.

Wie?

Durch die innere Geschichte, die das Areal aktuell durchläuft, durch die Art und Weise, wie etwas hier inszeniert wird, fühlen sich ganz andere Menschen angezogen.

Im Moment werden Leute angezogen, die nicht investieren können.

Das stimmt nicht. Das Interesse für das Areal und die Kunst, die hier inszeniert wird, die kommt aus allen Gesellschaftsschichten. Gerade die Kunst, die tiefer geht und kratzt, wie das Werk mit Christoph Blocher, zieht eher solventere und kunstinteressierte Leute.

Warum?

Es ist einfach so. Meiner Meinung nach sprechen anspruchsvollere Werke eher kunstinteressierte und intellektuelle Menschen an. Der Diskurs ist somit grösser und stützt sich breiter ab. Somit ist es einfach so.

Wer sich hier interessiert, ist offen für Visionen. Weil er Geld hat?

Warum nicht, ja sie sind offen für Visionen. Hier wird geformt, hier entsteht etwas und wer mitmacht, kann mitformen, kann mitbestimmen. Dieses Thema ist auch Teil der nächsten Ausstellung. Die erste Ausstellung in der Säulenhalle hier auf dem Areal stand im Kontext, überhaupt zu verstehen, dass hier akademische Künstler arbeiten und die Wände bemalen, die in der Regel Atelierarbeiten machen. Die nächste Ausstellung hat als Thema: Was bringt die freie Kunst in diesem halböffentlichen Raum für die zukünftigen Bewohner?

Was werden Sie zeigen?

Wir zeigen das Leben eines Stadtteils in Miami (USA). Das Viertel ist grösser als Solothurn und ist von Lagerhäusern bestimmt. Der Stadtteil trennt das Schwarzenviertel von Downtown. Tony Goldmann hat dort 2004 einige Kuratoren der urbanen Kunst und Kultur beauftragt, im Viertel zu wirken. Innerhalb von acht Jahren blühte das Viertel auf. Vom Gucci-Laden bis zu egal was findet man heute alles in diesem Viertel. Manche Läden können gar nicht ihr Logo platzieren, weil ihre Läden von urbaner Kunst und Kultur inszeniert sind. Dort ist Leben in einem völlig inszenierten öffentlichen Umfeld entstanden. Das ist ein Magnet.

Stadtpräsident Kurt Fluri propagiert immer, dass Kunst und Kultur zu Solothurn gehört.

Ja. Kultur ist auch Identitätsstifter. Die Bewohner der Stadt haben Aktionen erlebt, die das thematisieren, beispielsweise Platz da! Wenn Brückengeländer oder Bushäuschen mit Wolle umgarnt werden. Das sind solche Interventionen im öffentlichen Raum. Problematisch sind dort die Hürden im Zusammenhang mit der Benutzung von öffentlichem Grund, welche überwunden werden müssen. Das kennen wir hier im Attisholz Nord beinahe nicht, weil hier nur ein Besitzer entscheidet. Das gleiche ist in Wynwood, Miami geschehen, wo ebenfalls viele Gebäude nur wenigen Besitzern gehören. Da kann ein Planungsprozess stattfinden. Oder jetzt im Wallis mit dem Vision Art Festival Crans-Montana, wo sich die Bergbahnen mit urbaner Kunst und Kultur inszenieren. Chur hat im nächsten Jahr eines der grössten Schweizer Festivals in diesem Bereich. Die Zusammenarbeit mit der Kulturförderung des Kantons Graubünden funktioniert dort genial.

Nun wird der Investor hier in den nächsten Jahren Gebäude sanieren, umbauen oder neu gestalten. Wie wird dieser Prozess Ihre Arbeit beeinflussen?

Der Verein hat seinen Sitz in Riedholz. Unsere Aufgabe ist es, hier sesshaft zu sein mit Basiselementen wie Galerie etc. Wir werden permanent den Raum bespielen ...

... den Sie bekommen.

2043 wird es hier im besten Fall nochmals eine «Kettenreaktion» geben.

In einer Umgebung mit Lofts und schönen Läden?

Genau. Die Identität der Läden, des Raums wird sich herausbilden. Ich glaube nicht, dass hier am Ende alles weiss gestrichen ist, es könnte ja vieles bunt bleiben. Der erste Bewohner dieses Areals ist in der Regel der Individualist, der die Situation akzeptiert. Er will genau in dieser Umgebung leben wollen. Wie gesagt, die Zusammenarbeit mit der Halter AG ist hervorragend und funktioniert super.