Wer überlebensgrossen Skulpturen gegenübersteht, muss vielleicht erst mal tief einatmen. Die schiere Grösse kann überwältigend sein. Und dann noch von Menschenhand geschaffen. Das beeindruckt. Im Atelier von Marc Reist in Schnottwil steht ein Modell des Globo Uovo. Die eiförmige Skulptur ist aus Sagex. «Ich versuche, die spätere Vorgehensweise, die einzelnen Arbeitsschritte zu simulieren», erklärt der 55-jährige Reist.

Dann nimmt er die grobe Feile in die Hand und raspelt wie irr am Sagex. Für die Fotosession. Das Sagex-Ei sieht schon recht gross aus. Die fertige Skulptur soll aber drei Meter in der längsten Achse messen und nicht aus Sagex sondern aus Marmor gehauen werden.

So soll das Globo Uovo aussehen

Draussen beim Eingang stehen Skulpturen, als hätte er diese dem Journalisten präsentieren wollen. «Nein, die habe ich am Menuhin-Festival in Gstaad ausstellen können. Zweimal musste ich für den Rücktransport hochfahren. Das schlaucht.» Die Skulpturen weisen alle bereits Attribute des Globo Uovo auf, seien es Aspekte der Ei-Form oder netzartige Strukturen.

Marc Reist ist mit dem Thema nicht erst seit kurzem unterwegs, es beschäftigt ihn schon Jahre. «Eigentlich stehen sie unter dem Titel Initium, aber einen Anfang gibt es ja gar nicht, da war immer schon etwas vorher da. Es ist der Mensch, der sagt: Jetzt beginnt es für mich persönlich.» Die Skulpturen seien das nächste Mal im Herbst in Biel zu sehen.

Erde – Mensch – Ei

Das Globo Uovo hat Reist im Frühling 2011 erstmals auf eine Osterkarte gezeichnet; als Idee war das Ei aber bereits in seinem Skizzenbuch verewigt. Später im Gespräch wird ihm dann einfallen, dass er noch früher, 1983 das Ei thematisierte oder dass er seiner Frau Iris jedes Jahr zum Geburtstag eine Karte zeichne – mit Hühnern und Ei. «2011 dachte ich aber erstmals daran, das Globo Uovo in einem Stück aus einem Marmorblock zu hauen.» Marmor musste es sein, weil dieser wie die Eischale aus fast nichts anderem besteht als aus Kalk. Nicht jede Formenidee im Skizzenbuch kann oder will er verwirklichen. Diese spezielle Form hat ihn aber immer beschäftigt, doch die Grösse hielt ihn bisher davon ab.

Warum nicht kleiner? Das Netz der Linien ist von den Längen- und Breitengraden der Erde abgeleitet. «Die Welt und das Ei sind wie das grösste und das kleinste. Dazwischen ist der Mensch. Er bestimmt die Grösse der Skulptur.» Inwiefern? Dazu später. Mit maximal drei Metern Länge wiegt der Block, aus dem Reist das Globo Uovo formen will, zirka 30 Tonnen. Das fertige Ei bringt dann nur noch zirka eine Tonne auf die Waage. Die grossen Stücke, die weggeschnitten werden, sollen für Werkstücke weiterverwendet werden. Auch die kleineren Marmorstücken werden verarbeitet.

12 Kilogramm abgespeckt

Damit das Globo Uovo aus einem Block gehauen werden kann, muss Marc Reist hinein können, um es auszuhöhlen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass sein Körper die grösste Öffnung des Globo Uovo bestimmt. Der Mensch bestimmt die Grösse des Marmor-Eis. Ursprünglich war die Netzstruktur des Eis rechtwinklig. «Irgendetwas stimmte aber nicht.» Also verdrehte Reist die Lage der Ausschnitte um 23,5 Grad.

Das entspricht der Neigung der Erdachse. «Jetzt ist es perfekt.» Zwölf Kilogramm hat Marc Reist abgenommen, um dann durch das 43 mal 35 Zentimeter grosse Loch schlüpfen zu können. «Ich habe es versucht. Jetzt komme ich durch.»

Sie habe einen neuen Mann, sagt seine Frau Iris.

«Es ist nicht selbstverständlich, dass der Berg einen so grossen Block in guter Qualität freigibt und auch für die Arbeiter vor Ort ist das nicht Dutzendware.» Die Auswahl soll bereits in diesem Spätherbst erfolgen. Im nächsten Sommer will Reist mehrere Wochen im italienischen Carrara Hand anlegen und den Block bearbeiten, bevor dieser in die Schweiz transportiert wird. In seinem Garten wird er das Globo Uovo im Winter 16/17 fertigstellen.

Anonyme Geldgeber

Wenn Marc Reist das Geld dafür gehabt hätte, stünde das Globo Uovo längst in seinem Garten. Das Projekt bleibt keine Zeichnung im Skizzenbuch, weil ein anonymer Spender die Herstellungskosten vorfinanziert. Zuerst mussten sich aber Marc und Iris Reist einig werden, denn das Risiko besteht, dass die Skulptur nicht verkauft werden kann. Marc Reist versucht nun in der Phase der Entstehung der Skulptur, Zeichnungen, Grafiken oder Modelle des Globo Uovo zu verkaufen.

Eigentlich mache man eine solch grosse Arbeit für einen Standort, an dem das Werk in Bezug zur Umgebung stehe. «Das ist hier nicht der Fall», so Reist. Weil das Globo Uovo im Zusammenhang mit Nahrung steht, will er es aber auf jeden Fall an einem Ort mit diesem Bezug erstmals zeigen. Es sei denn, jemand will Reists Globo Uovo erwerben.