Als vor zwei Jahren das in Schieflage geratene Kreuz im Oberbiberist – es gehört der katholischen Kirchgemeinde – begradigt werden musste, nahmen Diakon Max Herrmann und Pfarreiarchivar Viktor Marty die Sache in die Hand. Auf der Suche nach geeigneten Kunstmalern war es naheliegend, Roman Candio mit dieser Arbeit zu beauftragen. Von ihm stammen nämlich bereits die Glasmalereien in der katholischen Guthirtkirche in Lohn-Ammannsegg.

Kraftspendende Lichtwesen

«Die 300 Jahre alten Kreuze mit Neuem zu verbinden, war für mich eine sehr wertvolle Arbeit», sagt Roman Candio. «Lange haben mich die Motive beschäftigt», verrät der Künstler, der im kirchlichen Bereich viel geschaffen hat. Entschieden hat er sich einerseits für eine weisse Taube und andererseits für einen weissen Engel, beide auf blauem Hintergrund, versehen mit Farbkreisen und Sternen. «Göttliche Lichtwesen», wie er sagt. Gemalt sind sie mit spezieller Acryl-Lackfarbe auf grundierten Alu-Platten. «Ich hoffe, dass die Menschen, die an den Kreuzen innehalten, ihre Kraft spüren.» Befreiend wirken die beiden Medaillons in der Tat. Einem Echo gleich kommt die Kraft zurück, die darin steckt. Für seine investierte Zeit will Roman Candio nicht entschädigt werden.

Die etwas andere Flurprozession

Diakon Max Herrmann hat die Segnung der Medaillons bewusst an Christi Himmelfahrt vorgesehen. «Flurprozessionen gab es in Biberist an Christi Himmelfahrt seit je. Immer weniger Leute nahmen jedoch daran teil», sagt er. Als Alternative schien ihm daher diese Segnung sehr passend. «Man ist draussen in der Natur mit Gesang und Gebeten», ergänzt er. Der «Flurgang» an Christi Himmelfahrt führt vom Oberbiberist über die Solothurnstrasse und Grüngenstrasse bis zur Kirche. «Kreuze gehören zur Kultur des Abendlandes», sagt der Diakon. Zu Fuss unterwegs hätten früher viele Leute am Kreuz innegehalten, Kreuzzeichen gemacht und gebetet.

Geschichtsträchtige Kreuze

Das Kreuz aus Solothurner Stein im Oberbiberist mit der eingravierten Jahrzahl 1740/1851 gehörte seit Menschengedenken zum Bauernhaus der Familie Schwaller, vorher Burki. Im Februar 1940 wurde es von der Kantonalen Denkmalpflege unter Schutz gestellt. Die katholische Kirchgemeinde konnte es vor drei Jahren für einen symbolischen Kaufpreis von einem Franken übernehmen. Pfarrer Rochus Schmidlin erwähnte 1886 in seinem Buch zur Geschichte der Pfarrgemeinde Biberist, dass dieses Kreuz an ein Unglück erinnere.

«Der Volksmund erzählt, dass das steinerne Kreuz mit dem ehemaligen Bildnis des gekreuzigten Heilandes an der Solothurnstrasse ebenfalls an ein Unglück erinnert», schreibt Pfarrer Schmidlin in seinem Buch. Danach wurde im August 1535 Pfarrer Jakob Würzgarter von den protestantischen Gebrüdern Roggenbach, genannt die Banditen, «auf offener Strasse meuchlings angefallen und die Gemächde ausgehauen». Die Gebrüder hätten wegen eines Zeughaus-Überfalls Solothurn verlassen müssen und sich daher im angrenzenden Bernbiet herumgetrieben. Pfarrer Würzgarter überlebte. Das heutige Kreuz mit der Jahrzahl 1700, welches 1940 unter Schutz gestellt wurde, sei eventuell ein Ersatz für ein bereits vorher erstelltes.