Der Eingangschor «Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage» nimmt die Botschaft des Weihnachtsoratoriums vorweg, stimmt auf das Ankommen Christi ein. Auch wenn Menschen unserer Zeit anders denken, empfinden und hören als die Gottesdienstbesucher der Thomaskirche in Leipzig, in der das Weihnachtsoratorium zwischen den Weihnachtsfeiertagen 1734 und dem Epiphaniefest 1735 uraufgeführt wurde. Doch Johann Sebastian Bachs Sprache und Musik vermag die Distanz von Jahrhunderten zu durchbrechen, bewegt und bereichert bei jedem Hören.

Der Dirigent als Solist

Jeder Bach-Interpret beschäftigt sich mit der Aufführungspraxis von Bachs Epoche, entwickelt subjektiv seine eigene Lesart. Auch Markus Oberholzer hat sich mit dem historischen Kontext des Weihnachtsoratoriums auseinandergesetzt und – angelehnt an die bahnbrechenden Aufführungen im Bach-Jahr 1985 – entschlossen, sowohl als Dirigent wie auch als Gesangssolist zu wirken und den Bass-Part zu übernehmen.

Pünktlich am ersten Adventswochenende führte er mit dem Konzertchor Leberberg und dem Lukas Barockorchester Stuttgart die ersten drei Teile des Weihnachtsoratoriums auf. Als Novum mit historischer Spielweise auf Barockinstrumenten, mit beeindruckenden Soli des ersten Flötisten, der Oboe und von Konzertmeister Friedemann Kienzle mit der Geige. Ihr Spiel offenbarte, wie feinfühlig sich die Musiker auf die Sänger einstellten. Profis, die engagiert und konzentriert unter der Stabführung des Schweizer Dirigenten musizierten.

Leistungsfähiger Laienchor

Das grösste Lob gebührt dem leistungsfähigsten Laienchor, den Leberberger Sängerinnen und Sängern sowie den Viert- und Fünftklässlern der Rudolf-Steiner-Schule Solothurn. Die Mädchen und Buben sangen ihre Einsätze auswendig, waren mit dem einheitlichen Outfit und den fröhlichen Gesichtern ein echter Hingucker. Die Leberberger ihrerseits sangen mit spürbarem Mitgehen, Freude und Innigkeit. Fügten sich nahtlos in den kammermusikalischen Duktus ein, den das Gastorchester vorgab.

Entsprechend liess Markus Oberholzer beim Solistenquartett keine Kraftmeierei aufkommen, schuf so ein transparentes und intimes Erleben der Weihnachtsmusik. Aufhorchen liess Aurelio Gmünder, der vor knapp einem Monat bereits mit dem Konzertchor Solothurn in der Region aufgetreten ist. Der Tenor präsentierte den Evangelisten-Part mit den anspruchsvollen Koloraturen äusserst packend. Altistin Ina Jaks gestaltete das «Bereite dich Zion» hervorragend und setzte mit ihren Arien Akzente. Die Stimme leuchtet in den oberen Lagen, in der Tiefe klingt sie hingegen zuweilen matt. Carmela Konrad interpretierte den nicht sehr umfangreichen Sopranpart mit gut disponiertem Sopran, mit hör- und sichtbarer Freude.

Der musikalische Leiter Markus Oberholzer begann seine Karriere als Bariton und sang den Bass-Part überzeugend. Die Wechsel vom Dirigenten zum Gesangssolisten, verbunden mit den relativ langen Stimmpausen des Orchesters (historische Instrumente sind anfälliger auf tiefe Temperaturen) gingen ein wenig zulasten der Geschlossenheit des Werks. Doch einmal mehr entliessen die Worte und die Musik des Weihnachtsoratoriums das sich mit stehenden Ovationen bedankende Publikum gestärkt und beglückt in die Adventszeit.