Nach den Razzien im Zentrum der Kirschblütengemeinschaft des Lüsslinger Psychiaters Samuel Widmer steckten die Untersuchungen lange Zeit fest. Kürzlich hat das Bundesgericht die Entsiegelung der beschlagnahmten Unterlagen bewilligt. 

Somit kann Staatsanwalt Claudio Ravicini die Ermittlungen nun wieder forcieren.

Die Verzögerung entstand, weil Samuel Widmer gegen die Beschlagnahmung der Dokumente beim Obergericht und Bundesgericht rekurriert hatte. Er machte unter anderem geltend, dass die Unterlagen Patientendaten enthielten, die dem Arztgeheimnis unterliegen würden.

Widmer blitzte in Lausanne mit fünf Beschwerden ab

Die Staatsanwaltschaft Solothurn schreibt dazu auf Anfrage der Solothurner Zeitung: «Das Bundesgericht hat in insgesamt 5 Beschwerdeentscheiden die Siegelungsbegehren der Beschuldigten abgewiesen, sodass die von den Strafverfolgungsbehörden sichergestellten Gegenstände, welche für die Strafuntersuchung relevant sind, entsiegelt wurden und somit gesichtet und ausgewertet werden können. Es handelt sich dabei beispielsweise um Unterlagen rund um die angebotenen Kurse und Veranstaltungen, Teilnehmerlisten etc.»

In die Strafuntersuchung sind Samuel Widmer, sein ältester Sohn und zwei Anhänger involviert, vermutlich seine beiden Frauen. Ihnen werden Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz vorgeworfen. Aussteiger erklären, Widmer und seine Helfer hätten bei kollektiven Drogentherapien (Psycholyse) LSD, Ecstasy und andere verbotene Drogen an Hunderte von Klienten und Patienten abgegeben.

Tatsächlich führt Widmer seit rund 25 Jahren die Psycholyse in Grossgruppen durch. Er behauptet, dabei legale Substanzen wie Ephedrin und Ketamin einzusetzen. Bei einer verdeckten Recherche wies der deutsche Sender ARD aber nach, dass den Klienten bei der Gruppentherapie die verbotenen Drogen Ecstasy und Mescalin abgegeben wurden. Aussteiger berichten, jahrelang im Zentrum von Widmer illegale Substanzen verabreicht bekommen zu haben.

Staatsanwaltschaft in die Nähe des Dritten Reiches gerückt

Bei der ersten Razzia im März 2015 wurden die vier Verdächtigen abgeführt und befragt. Der Sohn verbrachte mehrere Tage in Untersuchungshaft. Aussteiger berichten, er sei als Drogenkurier eingesetzt worden. Für die vier gilt die Unschuldsvermutung.

Widmer, der in den Medien oft als Sexguru bezeichnet und wegen seiner umstrittenen Aussagen zum Inzesttabu kritisiert wurde, ist der Kopf der grossen spirituellen Tantra-Gemeinschaft «Kirschblüte» in Lüsslingen. Er empfindet die Strafuntersuchung als ungerecht und greift den untersuchenden Staatsanwalt Claudio Ravicini öffentlich frontal an. Dabei scheut er sich auch nicht vor Vergleichen mit dem Dritten Reich.

Im ersten Brief an Ravicini, den Widmer auf seiner Homepage publizierte, war sein Ton noch freundlich: «An der ganzen Geschichte verwundert mich, warum wir uns gegenseitig so viel Stress antun.» Das erste Gespräch sei freundlich gewesen. Deshalb schlägt Widmer dem Staatsanwalt vor: «Wollen wir nicht lieber mit unseren Kindern im Wald spazieren gehen?»

Der Staatsanwalt lehnte dankend ab: «Sie werden sicher verstehen, dass ich wegen der Funktion als Verfahrensleiter der gegen Sie geführten Untersuchung nicht zu den – durchaus interessanten – Fragen Stellung nehmen kann.»

Im nächsten Schreiben wird Widmer bereits etwas schärfer: «Inzwischen hatten wir zwar diesen zusätzlichen unglücklichen Zwischenfall und dabei sogar einen kleinen Zusammenstoss. (…) Was ich gerne in diesem Zusammenhang von Ihnen wüsste: Gibt es eigentlich auch ein Beschwerderecht gegen unhaltbare Überforderung im Zusammenhang mit einer Strafuntersuchung?»

Nach der 2. Razzia im Zentrum der Kirschblüten-Gemeinschaft von Widmer verlor der Psychiater offensichtlich die Contenance. Er schrieb dem Staatsanwalt: «‹Das muss ich mir nicht anhören!›, haben Sie ausgerufen, bevor Sie aufgebracht den Raum verlassen haben.»

Das sei eine reichlich selbstherrliche Haltung, schreibt Widmer weiter und fügt wörtlich an: «Sogar gedroht haben Sie mir, mit einsperren, als Sie wütend wurden, weil ich nicht mit allem einverstanden war, was Sie anordneten. Ja, klar, so ist das! Sie sind die Macht! Auch dann, wenn Sie nicht im Recht sind.» Schliesslich spricht Widmer noch von jahrelangen Diffamierungen in den Medien und vom «organisierten Pogrom».

Widmer erklärt sich bereit, «für unsere Sache zu sterben»

Widmer nimmt kein Blatt vor den Mund, wie seine Aussagen zeigen. Damit lehnt er sich weit aus dem Fenster, denn es ist aussergewöhnlich und taktisch problematisch, den untersuchenden Staatsanwalt öffentlich anzugreifen.

Der Führer der Kirschblütengemeinschaft erhebt sich gern über die weltlichen Niederungen, wie aus seinem Schreiben hervorgeht: «Wenn nötig, nehme ich es in Kauf, auch zum Märtyrer unserer Sache avancieren zu müssen. (…) Eine bessere Welt will ich durchsetzen. Dafür gebe ich alles. Dafür habe ich mein Leben gegeben. Dafür bin ich auch bereit zu sterben.»

Dann greift Widmer zum verbalen Zweihänder und geisselt pauschal die Staatsgewalt, die oft Unrecht begehe. Er erwähnt «zum Beispiel die Verbrechen des Nationalsozialismus oder all die anderen Völkermorde und ethnischen Säuberungen», die aus der damaligen Sicht «durchweg absolut legal waren».

Widmer fragt den Staatsanwalt, was er falsch gemacht habe, und gibt die Antwort gleich selbst: «Aber ich habe nichts falsch gemacht. Ich habe ein Leben lang exzellente Arbeit geleistet, für die man allen Grund hätte, mir dankbar zu sein und mich zu würdigen. Und sollte ich tatsächlich je bestraft werden, wird es genau deswegen sein, dass ich mein Haupt nicht vor Gesslers Hut gebeugt habe.»

Im nächsten Brief an den Staatsanwalt greift Widmer nochmals zum Vergleich mit dem Dritten Reich. Ausgangspunkt ist der Film über Anne Frank und er fragt sich: «Warum erinnern mich gewisse Szenen in diesem Streifen an die Haarprobenentnahme-Situation im Untersuchungsgefängnis, die Sie uns erleben liessen?» Dabei ging es wohl um den Nachweis eines allfälligen Drogengebrauchs.

Dann setzt Widmer noch einen drauf. Bei der Lektüre der kommentierten Ausgabe von Hitlers «Mein Kampf» habe er sich gefragt, «ob das Buch wohl deshalb die letzten siebzig Jahre unter Verschluss gehalten wurde, damit die neue Generation nicht merken soll, dass die Welt noch immer gleich denkt». Widmer macht im nächsten Satz einen Vergleich mit der Haarprobenszene und der Hausdurchsuchung.

Staatsanwalt sieht keinen Raum für «persönlichen Briefwechsel»

Zum Schluss droht Widmer dem Staatsanwalt konkret: «Jahre später, wenn alles schiefgegangen ist wie in der Hitler-Zeit, werden die Job-Tuer manchmal zur Rechenschaft gezogen, wie wir es in den Holocaust-Prozessen gegenüber Neunzigjährigen im letzten und in diesem Jahr erlebt haben. Weist das nicht auf einen Selbstbetrug einer verrotteten und ungerechten Gesellschaft hin?»

Auf die Frage, wie der zuständige Staatsanwalt auf die verbalen Angriffe des Lüsslinger Psychiaters reagiere, schrieb die Staatsanwaltschaft: «Der fallzuständige Staatsanwalt hat Herrn Widmer mehrfach darauf hingewiesen, dass aufgrund des prozeduralen Vorgehens, der Rollenverteilung im Strafverfahren und der amtlichen Verteidigung kein Raum für einen persönlichen Briefwechsel besteht.»

Der Autor konnte Samuel Widmer nicht zu seinen Vorwürfen befragen, weil ihm der Psychiater bei früheren Recherchen verboten hatte, ihn weiterhin zu kontaktieren.