"Keine Beihilfe zur Selbsttötung"
Kirchgemeinde befürwortet erstes Solothurner Sterbehospiz - unter diesen Bedingungen

Der Verein Sterbehospiz möchte ins Derendinger Pfarrhaus ziehen. Dazu muss dieses zuerst umgebaut werden. Am Mittwochabend sagte die reformierte Kirchgemeindeversammlung Wasseramt ganz klar Ja zu diesem Schritt.

Noëlle Karpf
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Das ehemalige Pfarrhaus in Derendingen würde sich gut als Sterbehospiz mit sechs Zimmern eignen.

Das ehemalige Pfarrhaus in Derendingen würde sich gut als Sterbehospiz mit sechs Zimmern eignen.

Hans Peter Schläfli

Das Rascheln von Papier, das Scharren von Stuhlbeinen, ein gelegentliches Räuspern. Ansonsten blieb es still an der Versammlung der Reformierten Kirchgemeinde Wasseramt vom Mittwochabend. 44 Stimmberechtigte und einige Gäste sassen still auf Stühlen, die in regelmässigen Abständen im Saalbau des Restaurants Bad in Derendingen aufgestellt waren. Vorne im Saal wurde die Jahresrechnung Seite für Seite durchgegangen. Wortmeldungen gab es keine, die Rechnung schliesslich einstimmig genehmigt. Dann kündigte Kirchgemeindepräsident Martin Joss das «wichtigste Traktandum des Abends» an.

Der Verein Sterbehospiz Solothurn, der seit Jahren nach einer Liegenschaft sucht, in dem er Betagte und Kranke bis zu deren Lebensende begleiten kann, möchte ins ehemalige Derendinger Pfarrhaus ziehen. Im Vorfeld hatte sich der Kirchgemeinderat grundsätzlich für das Anliegen ausgesprochen; die Versammlung musste noch entscheiden, ob das Projekt – offiziell «Umnutzung Pfarrhaus Derendingen in ein Sterbehospiz» – weiterverfolgt werden soll.

Sterbehospiz Ja – Sterbehilfe Nein

Auch die Diskussion rund um das «wichtigste Traktandum» verlief ruhig. Nach und nach gingen Hände in die Höhe, Mitglieder der Versammlung durchquerten den Saal, um vor den Anwesenden Fragen zu stellen. Von einer «grossartigen Sache», war die Rede, die man «nur unterstützen könne». Auf das Lob folgte dann auch ein «Aber».

«Ich stelle fest, dass ein Sterbehospiz oft mit einer Institution verwechselt wird, die assistierten Suizid anbietet», so ein Mitglied. Ob man nicht vertraglich festhalten könne, dass das Hospiz eben keine solche Institution sei oder werde? Darauf durchschritt Bruno Greusing, ein Vertreter des Vereins und Gast, den Saal. «Wir wollen Klartext reden: Es geht ums Sterben», so Greusing. Zu Therapien oder zur Einnahme von Medikamenten werde im Hospiz, das 6 Plätze anbieten soll, niemand gezwungen.

Dann verlas Greusing, wozu sich der Verein schriftlich verpflichtet hatte: Im Sterbehospiz werde keinerlei Beihilfe zur Selbsttötung geleistet. Und das Sterbehospiz erteile auch niemandem die Erlaubnis zur Selbsttötung. «Ich kann Ihnen versichern», so Greusing, «dass wir dies genau so handhaben werden».

Es folgten einige Fragen zur Finanzierung; das Projekt rechnet mit einem Rahmenkredit von 460 000 Franken für den Umbau des Pfarrhauses. Wobei Kirchgemeindepräsident Joss die Stimme erhob, um zu betonen, dass der Kanton sich bisher finanziell nicht beteilige – «obschon das Projekt der Allgemeinheit dient».

Dann kam erstmals Unruhe auf: 11 von 44 Anwesenden stimmten für eine geheime Abstimmung. Nach und nach traten die Stimmberechtigten an die Urne. Kurz darauf verkündete der Kirchgemeindepräsident das klare Resultat: 41 Stimmberechtigte sprachen sich für die Weiterverfolgung des Projekts aus. Nur drei Anwesende sagten «Nein». Im Vergleich zur vorangegangenen Versammlung brach dann geradezu «Tumult» aus: Applaus und Fussgetrappel durchbrachen die Stille. Man sei «sehr dankbar», erklärte Vereinspräsidentin Heidi Zumbrunn. «Das ist ein enormer Vertrauensbeweis, der uns ermöglicht, das Projekt weiter voranzutreiben.»

Das grüne Licht der Kirchgemeinde ist ein erster Schritt. Bevor das Sterbehospiz tatsächlich realisiert wird, muss der Verein noch einige Bedingungen erfüllen. Etwa muss er zuerst eine Jahresmiete von 54 000 Franken und die Finanzierung dreier Betriebsjahre stemmen können. Noch braucht der Verein mehr Geld – er hofft aber darauf, dass das grüne Licht der Kirchgemeinde auch dazu beiträgt, dass weitere Spenden getätigt werden.

Bevor dann umgebaut werden kann, braucht es auch noch eine Betriebs- und schliesslich eine Baubewilligung. Verläuft alles nach Plan des Vereins, soll das erste Sterbehospiz im Kanton im Sommer 2021 in Betrieb genommen werden.