Coronakrise
Keine finanzielle Unterstützung für die Bellacher «Ponyherde» auf dem Schäferhof

Die Bellacher «Ponyherde» ist zu klein und wird nicht finanziell unterstützt, obwohl der Betrieb wegen der Coronakrise eingestellt werden musste. Diesen ernüchternden Bescheid erhielt Andrea Brotschi mit der Ablehnung ihres Gesuchs um Überbrückungshilfe.

Hanspeter Schläfli
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Die Ponys vermissen den Kontakt zu den Kindern, aber auch zu den Menschen, die zu Therapiezwecken kommen.

Die Ponys vermissen den Kontakt zu den Kindern, aber auch zu den Menschen, die zu Therapiezwecken kommen.

Hanspeter Schläfli

Die sechs Ponys grasen etwas gelangweilt alleine auf ihrer kleinen Weide beim Bellacher Schäferhof. Normalerweise wäre hier in den Frühlingsferien besonders viel los. «Ich musste wegen der Coronakrise alle Kurse, Therapieangebote, den Ferienpass und den Ponyclub bis auf weiteres absagen», erklärt Andrea Brotschi, die hier seit bald zehn Jahren mit ihrer Ponyherde zu Hause ist, die ungewöhnliche Stille. «Kinder lieben Ponys und unsere Ponys vermissen die Kinder.»

Die spezielle Beziehung zwischen Mensch und Tier möchte Andrea Brotschi weiterhin pflegen. Zusammen mit ausgebildeten Fachleuten bietet die «Ponyherde» in normalen Zeiten Hippotherapie für Menschen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen an. «Zu uns kommt zum Beispiel ein vierjähriges Kind mit Trisomie 21. Das Shetlandpony hat seine Verantwortung sofort gespürt und macht keine falsche Bewegung», beschreibt die Kleinkinderzieherin die pferdegestützte Therapieform. «Es geht bei uns nicht um Sport oder Reitstunden, sondern um den Umgang mit den Tieren. Bei uns lernen die Kinder, mit dem Pony zu kommunizieren und es zu pflegen. Pferde können die Emotionen der Menschen lesen und die Kinder können sich tragen lassen und dem Tier vertrauen. Die Beziehung, die so entsteht, wirkt stimulierend und ist unglaublich wertvoll.»

Die Realität sieht anders aus als am Fernsehen

Während der Bundesrat im Schweizer Fernsehen nicht müde wird zu erklären, dass niemand durch die Maschen fallen wird und dass alle betroffenen KMU und Selbständigerwerbenden in der Coronakrise unterstützt werden, sieht es in der Realität für Andrea Brotschis Ponyherde ganz anders aus: Der Antrag auf Überbrückungshilfe wurde bereits abgelehnt. Die zuständige Behörde hat entschieden, dass das durch die Ponyherde generierte Einkommen zu gering sei und deshalb kein Anspruch bestehe. Mittlerweile hat der Kanton die Minimalgrenze von 20'000 auf 15'000 Franken Gewinn gesenkt. Erst dann gilt ein Solothurner Kleinstbetrieb als unterstützungswürdig.

«Das Problem ist ja nicht mein Nebeneinkommen, darauf kann ich tatsächlich eine gewisse Zeit verzichten», erklärt Andrea Brotschi ihre Situation. «Die Überbrückungshilfe würde ich für die laufenden Kosten wie die Unterbringung auf dem Schäferhof, Futter, Tierarzt und Versicherung dringend brauchen.» Sie beziffert diese Kosten auf jährlich rund 45'000 Franken. Ohne die Einnahmen aus den Ponystunden wisse sie nicht, wie lange sie das Geld aufbringen kann, jetzt wo die staatliche Überbrückungshilfe abgelehnt wurde.

Schutz der Risikogruppe hat Vorrang

«Es ist klar, dass wir die Menschen schützen müssen, die bei einer Erkrankung durch den Coronavirus ein erhöhtes Risiko tragen», anerkennt Brotschi die Bedeutung der Notverordnungen. Sie rechnet damit, dass das Arbeitsverbot für ihre Ponyherde für längere Zeit gelten werde. «Es ist wichtig, dass sich alle an die Vorschriften halten. Nur dann können wir die Pandemie unter Kontrolle bringen.» Bis dann seien die Massnahmen einschneidend. «Selbst Einzelstunden unserer Hippotherapie dürfen wir nicht mehr durchführen. Das ist zum Beispiel für eine Kundin besonders hart, die an multipler Sklerose erkrankt ist und nun nicht mehr in die Physiotherapie darf.»

Müssen die Ponys nun, da der Amtsschimmel gewiehert hat, zum Metzger? «Wir sind ein Team und ich stehe zur Ponyherde», versichert Christoph Henzi, der als Bauer in dritter Generation den Bellacher Schäferhof führt. «Wir beteiligen uns beide an den ungedeckten Kosten. Auch für mich sind die Ponys viel mehr als nur ein Kostenpunkt», sagt Henzi.

Er rechnet mit weiteren Verlusten, selbst wenn die Massnahmen bald gelockert würden.«Einige unserer Kunden werden sicher sparen müssen und sich in Zukunft die Hippotherapie nicht mehr leisten können», ergänzt er. «Ich will nicht jammern», bleibt Andrea Brotschi optimistisch. «Wir sitzen alle im selben Boot und irgendwie wird es weitergehen. Ich habe bereits Hilfsangebote bekommen. Eltern wollen in der Krise als Götti und Gotti für ein Pony einstehen. Und in ein paar Monaten sieht dann hoffentlich alles wieder anders aus.»

Alpakas sind mehr ein Hobby

Seit 10 Jahren führt Barbara Herrmann aus Flumenthal zusammen mit ihrem Mann Martin auf den Jurahöhen Trekkingtouren mit Eseln und Alpakas durch. «Es wurde in den letzten Jahren zu einem richtigen Trend, wir hatten sehr viele Anfragen. Aber seit dem Lockdown sind die Tiere nur noch auf der Weide.»

Das sei nicht so schlimm, denn «es sind Herdentiere, die auch ohne die Menschen zufrieden sind, solange sie sich zusammen an der frischen Luft bewegen können», erklärt sie die Situation. «Die Alpakas sind unser Hobby und das darf auch etwas kosten. Weil wir beide arbeiten, sind wir nicht auf das Einkommen aus dem Trekking angewiesen.» Jetzt helfe sowieso nur Geduld. Sobald die Notverordnungen gelockert werden, wollen Barbara und Martin Herrmann ihre Trekkingtouren wieder anbieten. (hps)


Durchhalten auf Teufel komm raus

«Selbst wenn der Teufel auf Stelzen daherkommt, geben wir nicht auf», sagt Walter Emch von der Tatanka-Ranch in Lüterkofen, wo er mit seiner Frau Barbara Kurse im Westernreiten anbietet. «Bei uns steht die sportliche Leistung im Hintergrund, es geht um Respekt und Vertrauen in der Beziehung zwischen Pferd und Mensch», sagt Emch. «Wir haben unser Hobby zum Beruf gemacht. Die Schliessung wegen der Coronakrise trifft uns hart. Für uns wäre es wichtig, wenn wir wenigstens die Ferienangebote durchführen dürften. Ohne die Sommerferienkurse wird es schwierig.» Gesuche um Unterstützung für die Tatanka-Ranch habe er eingereicht, aber noch keinen Bescheid bekommen. «So einfach, wie es die Politiker immer darstellen, ist es mit der finanziellen Hilfe nicht.» Einen Kredit wollen sie nur in grösster Not aufnehmen. (hps)

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