Zuchwil
Kebag investiert über 400 Millionen in neue Anlage

Seit vierzig Jahren verwertet die Kebag den Abfall aus den Kantonen Solothurn und Bern. Nun stösst die bestehende Anlage in Zuchwil an ihre Altersgrenze. Sie soll deshalb per 2025 durch einen Neubau ersetzt werden: die Kebag Enova.

Franz Schaible
Drucken
Teilen
Das Projekt kebag Enova
4 Bilder
Ein erstes Modell der neuen Anlage Kebag Enova.
Stephan Schader, Kebag-Direktor Markus Juchli und Bernhard Staub, Leiter des Amtes für Raumplanung Kanton Solothurn, stellen das Neubau-Projekt im Juni 2016 vor.
Im Juni 2017 gaben die Kebag-Aktionäre grünes Licht für die Realisierung des Neubauprojekts. Sie genehmigten einen Investitionskredit von 439 Millionen.

Das Projekt kebag Enova

Hansjörg Sahli

Aus den Augen, aus dem Sinn: Dieses bequeme Prinzip bei der Abfallbeseitigung ist nicht gratis, sondern kostet Geld. Viel Geld. Denn der Müll muss letztlich sachgerecht entsorgt werden, zum Beispiel in der Kehrichtbeseitigungs AG (Kebag) in Zuchwil. Es ist hinter Hagenholz in Zürich die schweizweit zweitgrösste Anlage, in welcher Siedlungs-, Gewerbe- und Industrieabfälle verarbeitet werden. 221'000 Tonnen sind es im Jahr.

«Jetzt, nach 40 Jahren Betriebszeit, stossen die Anlagen an ihre Altersgrenzen», erklärte Kebag-Direktor Markus Juchli am Montag an einer Medienkonferenz. Denn mit höherem Alter steige die Anzahl unerwarteter Anlagenausfälle mit teuren Betriebsunterbrüchen und Engpässen in der Entsorgung.

Unter dem Namen «Kebag Enova» wird nun die Zukunft angegangen. 2025 soll der Abfall von knapp einer halben Million Einwohner in 184 Gemeinden – von Pieterlen im Westen, über Worb im Süden über Mümliswil-Ramiswil im Norden bis hin zu Erlinsbach im Osten – in Zuchwil in einer komplett neuen Anlage entsorgt werden; bis dann läuft die Kehrichtbeseitigung auf der aktuellen Anlage. Eine Machbarkeitsstudie habe gezeigt, dass ein Neubau «sowohl ökonomisch als auch ökologisch die beste Lösung ist».

Kehrichtgebühr steigt nicht

Die Kosten für «Enova» schätzt Juchli auf 400 bis 450 Millionen Franken. «Rund ein Drittel davon wird die Kebag aus eigenen Mitteln finanzieren.» Für den Rest gelange man auf den Kapitalmarkt, klopfe beispielsweise bei Banken an oder platziere eigene Anleihen. Trotz der Rieseninvestition blieben die Entsorgungspreise für die Haushalte «voraussichtlich auf dem gleichen Niveau wie heute». Markus Juchli und Bernard Staub, Leiter des kantonalen Amts für Raumplanung, stellten das Projekt in seinen Grundzügen vor:

Kapazität: Wie bisher werden jährlich 221'000 Tonnen Abfall in drei (bisher vier) Ofenlinien verbrannt.

Energiegewinnung: Dank modernster Anlagetechnik kann aus derselben Menge Abfall zehn Prozent mehr Energie produziert werden. Aktuell können 41 000 Gebäude mit Strom und 12 000 Gebäude mit Wärme und Heisswasser versorgt werden. Die bestehenden Fernwärmeverträge mit der Regio Energie Solothurn und der AEK Solothurn laufen bis 2040.

Abfallwiederverwertung: Die Rückgewinnung von Metallen wird ausgebaut. Aus Schlacke und Flugasche sollen rund 6000 Tonnen zurückgewonnen werden. Insbesondere für die Zinkrückgewinnung wird eine gesamtschweizerische Lösung angestrebt (siehe Kasten).

Pionierrolle

Die Kebag Zuchwil rezykliert Zink aus Asche

Am Emmenspitz betreibt die Kebag Zuchwil seit 2012 eine bislang weltweit einmalige Recyclinganlage. Unter dem Namen «Flurec» ist dort eine Anlage in Betrieb, die es erlaubt, das Schwermetall Zink auszuscheiden und zu reinem Zink aufzubereiten (wir berichteten). Beim Verbrennen des Kehrichts bleibt auch eine verfestigte Lösung mit Schwermetallen (Hydroxidschlamm) zurück. Über mehrere komplexe Schritte wird der belastete Schlamm von Blei, Cadmium und Kupfer befreit und das verbliebene Zink in einer robotergesteuerten Elektrolyseanlage abgeschieden. Das so rezyklierte Material sei gleichwertig wie neues, aus Eisenerz gewonnenes Zink. Derzeit werden so in Zuchwil jährlich rund 230 Tonnen Zink zurückgewonnen. Man sein nun mit den übrigen 28 Kehrichtverwertungslagen in der Schweiz im Gespräch, um das Verfahren landesweit anzuwenden, erklärte Kebag-Chef Markus Juchli. Die Idee sei, dass alle Anlagen ihren Hydroxidschlamm (rund 24'000 Tonnen) nach Zuchwil liefern. Daraus könnte dann bis zu 2'300 Tonnen marktfähiges Zink gewonnen werden. «Das wäre eine Verzehnfachung von der heutigen Menge», so Juchli. Das zentrale Recycling von Zink sei aufgrund des aufwendigen Verfahrens sinnvoll. (FS)

Emissionen: Eine neue mehrstufige Rauchgasreinigung und ein Gewebefilter sorgen dafür, dass künftig praktisch keine Schadstoffe mehr abgegeben werden. Je nach Schadstoff werden bis zu 50 Prozent tiefere Grenzwerte erreicht.

Logistik: Unverändert gibt es sechs Umladestationen. Die Anlieferung des Abfalls erfolgt weiterhin zur Hälfte per Bahn und 85 Prozent der Reststoffe werden auf der Schiene abtransportiert.

Standort: Die «Enova» soll südlich der bisherigen Anlage auf dem jetzigen Kiesplatz entstehen. Die Kiesbewirtschaftung soll neu direkt an der Emme erfolgen. Das Areal ist im Besitz der Alpiq Hydro AG, welche auch das Kraftwerk Flumenthal betreibt. Derzeit liefen Verhandlungen mit der Alpiq, um den jetzigen Kiesplatz und künftigen Standort von «Enova» zu kaufen, erläutert Juchli. Diese seien auf gutem Wege.

Wegen des Kraftwerks muss am Emmenspitz insbesondere nach Unwettern Kies ausgebaggert werden, der von der Emme mitgeführt wird. Es sind jährlich 36'000 Tonnen. Danach muss das Material während fünf Tagen abtrocknen, deshalb braucht es den Kiesplatz. Die Kiesentnahme sei eine Konzessionsauflage des Kraftwerks Flumenthal und müsse weitergeführt werden.

Der Bau: Aufgrund der Dimensionen benötigt das Projekt Sonderbauvorschriften. Die Hauptgebäude werden eine Höhe von 55 (bisher 35) Meter aufweisen. Der Grund sei der Einbau von zusätzlichen Aggregaten wie die Rauchgasreinigung. Die Höhe der drei Kamine bliebe mit rund 80 Metern unverändert. Der heutige Bau sei «keine optische Perle», sagte Juchli. Deshalb werde für die Gestaltung des markanten Neubaus ein Studienwettbewerb durchgeführt. Nach vorgehender Präqualifikation werden anschliessend drei Büros zur Ausarbeitung ihrer Projekte eingeladen.

Waldrodung: «Für das Projekt müssen rund 11'000 Quadratmeter Wald gerodet werden», so Bernard Staub. Dafür müssen Ersatzaufforstungen und weitere Massnahmen zugunsten von Natur und Landschaft geleistet werden. Man sei dazu im Gespräch mit verschiedenen Gemeinden.

Zeitplan: Der erste Meilenstein wird an der Kebag-Generalversammlung im Juni 2017 gelegt. Dann müssen die Aktionärs-Gemeinden über den Investitionskredit befinden. Danach wird das Bauprojekt ausgearbeitet und das Baugesuch eingereicht. Nach Ablauf des Bewilligungsverfahrens soll Ende 2020 mit dem Neubau gestartet werden. Die Inbetriebnahme ist auf Anfang 2025 geplant. Der Rückbau der bisherigen Anlage erfolgt bis Ende 2027.

Bereits Anfang Mai wurden der Gestaltungs- und Zonenplan mit Sonderbauvorschriften, der Raumplanungs- und der Umweltverträglichkeitsbericht zur Vorprüfung beim Kanton eingereicht. Am Montagabend wurde das Mitwirkungsverfahren an einer öffentlichen Veranstaltung in Zuchwil eröffnet. Die Bevölkerung kann bis zum 15. Juni Änderungsvorschläge einbringen, die Gemeinden Zuchwil und Luterbach können bis Ende August Stellung nehmen. Voraussichtlich im Januar 2017 wird der Gestaltungs- und Zonenplan öffentlich aufgelegt.

zvg