Riedholz
Kandidatin Sandra Morstein: «Ich bin keine Parteisoldatin»

Am nächsten Sonntag wählen die Stimmberechtigten von Riedholz. Sandra Morstein geht für die SP ins Rennen um das Gemeindepräsidium von Riedholz.

Urs Byland
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Der kühle Charme des Betons in ihrem Wohnzimmer widerspiegelt Sandra Morsteins sachliche Art des Politisierens.

Der kühle Charme des Betons in ihrem Wohnzimmer widerspiegelt Sandra Morsteins sachliche Art des Politisierens.

Michel Lüthi

Sandra Morstein ist Gemeindepräsidentin ad interim und möchte das Anhängsel «ad interim» loswerden. Das liegt aber nicht in ihrer Hand. Die Einwohnerinnen und Einwohner von Riedholz entscheiden am nächsten Sonntag, ob sie den Präsidentenstuhl endgültig besteigen darf oder ihr Konkurrent Ueli Kammer.

Sie wolle das Amt und sie sei bereit für das Amt. Das erklärt sie auf Nachfrage schon seit längerer Zeit. Im Januar ist sie eingesprungen, als die Lösung mit Beat Graf, der anstelle der überraschend demissionierenden Jasmine Huber hätte ad interim amten sollen, nicht möglich wurde. Das sei nicht unüblich in ihrem Leben, erklärt Sandra Morstein, dass sie aushelfe und Verantwortung übernehme. Dazu später. Jetzt führt die 54-jährige, in der Nähe von Köln aufgewachsene Sandra Morstein, seit gut sieben Monaten die Gemeinde. Sie fällt auf mit Umsicht und Durchsetzungskraft. Etwa mit ihrem Antrag, die Gemeindepräsidiumswahl, die ursprünglich im September hätte stattfinden sollen, nach vorne zu verschieben. Dabei hat sie sich mit ihren Argumenten gegen Opposition im Gemeinderat durchgesetzt.

Sie ist gerne ehrenamtlich unterwegs

Das Argumentieren und Diskutieren gehört sicher zu den Stärken der Ökonomin, die in einem 65-Prozent-Pensum für Marketing und Mittelbeschaffung der Stiftung für Konsumentenschutz arbeitet. Vorher arbeitete sie beim Roten Kreuz in Basel. Sie setzt auf Argumente und Strategie und nicht auf Polemik und Konfrontation. Gelernt habe sie das in ihrem langjährigen, ehrenamtlichen Engagement für Amnesty International, sagt sie. «Diese ehrenamtliche Arbeit war mir immer sehr wichtig. Ich arbeitete im Vorstand, war Vizepräsidentin der Schweizer Sektion, bin aber auch immer auf der Strasse gewesen an Standaktionen. In Solothurn bin ich immer noch bei der 24-Stunden-Mahnwache dabei. Es war mir immer wichtig, mich für meine Ideale einzusetzen, ohne an das Materielle zu denken.»

Seit 28 Jahren ist sie verheiratet und hat mit ihrem Mann drei Töchter grossgezogen, darunter ein Zwillingspaar. Die Älteste ist 27 Jahre alt. Nach deren Geburt reiste sie mit ihrem Mann in die Schweiz. Er konnte eine Stelle antreten, die ihm eine Professur ermöglichen sollte. Sie nahm einen Erziehungsurlaub, den sie als Beamtin bei der Postbank in Deutschland beanspruchen konnte. Ursprünglich waren zwei Jahre in der Schweiz vorgesehen. Daraus sind bereits 26 Jahre geworden. Seit über 20 Jahren lebt die Familie in der Region, zuerst in Grenchen, dann in Langendorf. Als die Familie ein Haus suchte, ist sie auf die Siedlung mit den innovativen Solarhäusern in Riedholz gestossen. «Das Konzept hat mir gefallen. So kamen wir hierher.» Seit fünf Jahren lebt sie in der Siedlung am Bodenrain, ausgangs Riedholz, Richtung Flumenthal.

Keine negativen Reaktionen wegen ihrem Hochdeutsch

Das Manko, keine Alteingesessene zu sein, gleicht sie aus. Unerschrocken klopft sie im Wahlkampf an die Türen der Einwohner. «Dabei sind viele erfreuliche Begegnungen entstanden.» Dass sie bereits Erfahrungen im Ansprechen von Mitmenschen dank ihrem ehrenamtlichen Einsatz gemacht hat, ist für sie nicht entscheidend. «Man ist ja in eigener Sache unterwegs, das ist eine andere Ausgangssituation, finde ich, und ich freue mich über die positiven Reaktionen.»

Nie habe sie beispielsweise negative Reaktionen erlebt wegen ihrer deutschen Sprache oder ihrer beharrlichen Art. «In gutem Sinne beharrlich», sagt sie. «Die Art zu diskutieren und zu politisieren ist in der Schweiz anders, das stimmt. Ich habe in der Zeit bei Amnesty International in diesem Zusammenhang viel gelernt, wie man Themen vermittelt oder was man besser nicht machen sollte.» Die Resonanz sei positiv. «Die Menschen spüren, dass ich offen und ehrlich bin. Und ich signalisiere Kompromissbereitschaft.»

Anfangs durfte sie als deutsche Beamtin nicht in der Schweiz arbeiten und widmete sich vor allem ihren Töchtern, «aber ich habe immer ehrenamtlich gearbeitet, und konnte so im Job bleiben». Wahrscheinlich hätte sie schon früher ein politisches Amt gesucht. Aber dazu fehlte ihr der Schweizer Pass, den sie 2014 in Langendorf erhielt. Auslöser dafür, in die Politik einzusteigen, war dann aber die Erweiterung der Deponie, gleich gegenüber der Siedlung im Wald südlich der Baselstrasse. «Mich störte der massive Eingriff mit einer grossflächigen Rodung.» Sie schrieb eine Mitwirkungseingabe und wurde danach von Gemeinderat Beat Graf angefragt, ob sie sich nicht für eine Kandidatur als Gemeinderätin zur Verfügung stellen wolle.

«Das war schon bei Amnesty so, beim ersten Treffen wurde ich gefragt, die Koordination für ein Netzwerk zu übernehmen. Ich ziehe das wohl an. Ich übernehme gerne Verantwortung, scheue mich nicht vor der Arbeit und wenn ich etwas mache, gebe ich 150 Prozent dafür. Ich kann gar nicht anders.» In der Arbeit als Gemeindepräsidentin mit einem 30-Prozent-Pensum sind das sicher keine schlechten Voraussetzungen.

«Ich habe Freunde aus allen Parteien»

Entspannung findet Morstein in der Natur. «Wir sind viel in der Region unterwegs, wandern gerne an der Aare oder auf dem Berg.» Ihr Ruheort sei das Berner Oberland, wo sie in der Höhe die Weitsicht geniesst. Beim Laufen könne sie abschalten und beim Musikhören, ergänzt sie.

Bei der Gemeinderatswahl ging sie als Parteilose ins Rennen. Mittlerweile ist sie in der SP. Sie sei aber keine Parteisoldatin. «Ich glaube nicht, dass Parteipolitik eine entscheidende Rolle spielen wird. Es ist klar eine Persönlichkeitswahl. Ich bin stolz darauf, dass ich Freunde aus allen Parteien habe, Menschen, mit denen ich seit Jahrzehnten verbunden bin.» Sie will die Menschen verbinden, an einem gemeinsamen Dach zum Wohl der Gemeinde arbeiten und Kontakt zu Menschen mit unterschiedlicher Einstellung finden. Das sei das Wichtigste.

Hinweis: Ein Porträt des zweiten Kandidaten für das Gemeindepräsidium in Riedholz folgt.

Nachgefragt: «Für die Einwohnerinnen und Einwohner da sein»

Am Sonntag wählen die Stimmberechtigten von Riedholz eine neue Gemeindepräsidentin oder einen neuen Gemeindepräsidenten. Die bisherige Gemeindepräsidentin demissionierte auf Anfang 2020. Seither wird das Gemeindepräsidium ad interim geführt. Innerhalb der Frist haben sich zwei Personen für eine Kandidatur angemeldet. Die beiden Bewerber, Sandra Morstein und Ueli Kammer, beantworten hier die gleichen drei Fragen.

Welche Erfahrungen bringen Sie für das Amt als Gemeindepräsidentin mit?

Sandra Morstein: Durch die Arbeit als Gemeinderätin und Präsidentin der Umweltkommission sowie durch die Mitwirkungsverfahren kenne ich die Gemeindeprojekte und -themen sehr gut. Seit sieben Monaten führe ich das Gemeindepräsidium interimistisch und habe mich in alle Arbeitsbereiche erfolgreich eingearbeitet und Projekte weiterentwickelt. In der Coronalage bin ich Krisen-Managerin. Als Ökonomin bringe ich wichtige Fachkenntnisse und Berufserfahrung mit.

Welches Anliegen im Zusammenhang mit Riedholz wollen Sie im Amt speziell verfolgen?

Das oberste Ziel ist für mich, für die Einwohnerinnen und Einwohner da zu sein und die Gemeinde zusammen mit Bevölkerung und Gemeinderat sicher in die Zukunft zu führen. Es stehen wichtige Projekte und Herausforderungen an, wie zum Beispiel die Entwicklung des Attisholz-Nord-Areals und die Auswirkungen der Coronakrise. Ich verfolge besonnen, verbindend und konsequent die Interessen der Gemeinde und ihrer Einwohnerinnen und Einwohner.

Wie wollen Sie künftig die Dorfteile Niederwil, Riedholz und Attisholz zusammenschweissen?

Zentral ist für mich die Verbindung von Niederwil, Riedholz und Attisholz durch den öffentlichen Verkehr. Ich setze mich auch dafür ein, dass alle Ortsteile im Gemeinderat und den Kommissionen vertreten sind. Ebenso wichtig sind gemeinsame Anlässe, die den Kontakt zwischen den Menschen ermöglichen. Zum 10-Jahr-Jubiläum der Gemeindefusion ist ein Postenweg zwischen den Ortsteilen geplant, und im Attisholz finden Gemeindeanlässe statt.