Zuchwil

Junge Luftakrobatinnen im Höhenflug

Ein Besuch im Training der Akrobatikgruppe «ars volandi» in Zuchwil gibt einen Einblick in die Welt der Freizeitartistinnen. Angefangen hat alles an einer Abendunterhaltung.

Wenn man jemandem dabei zusieht, denkt man, es ist unmöglich», gibt Isabel Kurt zu. «Doch mit fleissigem Training schafft man es tatsächlich.» Die junge Frau spricht von der Luftakrobatik. Der Kunst, sich in einem von der Decke hängenden Vertikaltuch mit gekonnter Technik einzuwickeln, sich plötzlich ausrollen und fallen zu lassen, um dann erneut wendig in die Höhe zu klettern und dort graziöse Figuren einzunehmen.

Isabel Kurt bildet mit ihren fünf Kolleginnen Andrea Häberle, Noemi Tirro, Meieli Reinhard, Kristina Wirth und Chantal Wanderon die Akrobatikgruppe «ars volandi» – was so viel bedeutet wie «Die Kunst des Fliegens». Die ambitionierten jungen Frauen aus der Region Solothurn trainieren bis zu viermal pro Woche am Vertikaltuch, Ring oder Seil. Auch an diesem Montagabend feilen vier von ihnen an den akrobatischen Darbietungen in schwindelerregender Höhe, denn bald treten sie im Las Vegas Club in Luzern auf. In den letzten Wochen und Monaten hatten die Frauen im Alter zwischen 25 und 30 Jahren bereits einige Male die Möglichkeit, ihr Können vor Publikum zu präsentieren. Doch von vorne.

Angefangen hat alles an einer Abendunterhaltung, wo Andrea Häberle die Luftakrobatik das erste Mal gesehen hat und sogleich begeistert war. Eine Freundin zeigte ihr bei sich zu Hause die Praktik, dann übten sie jeweils zwei Mal wöchentlich. Noemi Tirro stiess zur Gruppe. Doch das Aufhängen der Tücher gestaltete sich schwierig, auch nachdem sie das Training sogar auf einen Heuboden verlegt hatten. «So kann es nicht weitergehen, dachten wir dann», erzählt Häberle. Deshalb gründeten sie, Noemi Tirro und Kristina Wirth im Oktober 2012 den Verein «ars volandi». Nun konnten sie sich für ihre Trainings in Turnhallen einmieten. Nach und nach schlossen sich drei weitere Kolleginnen der Akrobatikgruppe an. Alle hatten bereits Erfahrung im Kunst- oder Geräteturnen.

Noemi Tirro erzählt, wie sie die Trainings immer mehr gesteigert hätten. «Wenn wir schon so viel Aufwand betreiben, dürfen wir das auch zeigen, waren wir dann der Meinung.» Die Akrobatinnen setzten sich zum Ziel, mehr nach aussen zu treten. Sie organisierten sich unter einander und verteilten Ämtli. Tirro, praktischerweise Fotografin, gestaltete eine Homepage und Flyer für «ars volandi» und Häberle übernahm die Promotion.

Ihre Bemühungen trugen Früchte: Die zwei Gründungsmitglieder Häberle und Tirro hatten auf der Deutschandtournee von Pippo Pollina & Palermo Acoustic Quintet zwei Gastauftritte, und auch an der Silvesterparty im Kofmehl waren ihre Künste zu bewundern. Den ersten Auftritt als ganze Gruppe hatten «ars volandi» im Februar in der Rothushalle in Solothurn. Andrea Häberle betont: «Wir haben stets gute Unterstützung und viel Goodwill von lieben Leuten erhalten.» Doch auch Konkurrenzdenken haben die Akrobatinnen schon zu spüren bekommen. «Wir müssen darauf achten, dass wir die Berufsartisten nicht preislich unterbieten, sonst gibt es böses Blut», erzählen sie. «Wir sind zwar keine Profis, aber dafür turnen wir nicht wie viele einzeln, sondern in einer Gruppe. Wir versuchen, möglichst viele von uns gleichzeitig in der Luft zu zeigen, kombinieren Geräte und probieren Neues aus. Das ist das Spezielle an uns.»

Das merkt man auch bei der Probe. Am Ring üben die beweglichen Frauen spezielle Doppelfiguren, bei der alle Bewegungen synchron laufen. Was man als Zuschauer nicht erkennt, sind die Schmerzen durch die einschneidenden Tücher und die enorme Anstrengung, die mit den Darbietungen in der Höhe einhergehen. «Da kommt dann immer die Frage: Ist das gesund?», sagt Meieli Reinhard, die wie Häberle und Kurt als Physiotherapeutin arbeitet. Sie antwortet gleich selbst: «Die Muskeln zu trainieren, ist sicher gut. Aber bei der Akrobatik ist es wie im Spitzensport immer ein Kompromiss zwischen der Gesundheit und der Leistung, die man erbringen möchte.»

Was macht die Faszination für die Luftakrobatik aus? «Es ist eine Leidenschaft. Wenn man nach einem Auftritt den Applaus und die Anerkennung des Publikums erhält, macht das süchtig», antwortet Andrea Häberle. Noemi Tirro fügt an: «In der Luftakrobatik kann jeder seine eigenen Grenzen ausweiten und an seinen Stärken arbeiten. Wir ergänzen uns gegenseitig.»

Für die Zukunft hoffen die Artistinnen von «ars volandi», für weitere Auftritte gebucht zu werden und vielleicht sogar eigene Shows veranstalten zu können. «Wir sind offen und packen die Chancen, die uns geboten werden.» Abschliessend betont Häberle: «Wir wollen einfach Luftakrobatik betreiben. Aber wir distanzieren uns von dem Fitnesstrend, der momentan daraus zu werden droht. Wir sehen die Luftakrobatik nicht einfach nur als Sport, sondern vor allem als Kunst- und Ausdrucksform und möchten sie als ursprüngliche Zirkusdisziplin wertschätzen und bewahren.»

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