Notlösung
«Jetzt müssen wir uns selbst helfen»: Wie die Idee zum «Chilbipark Zuchu» entstand

Familie Bauer und andere Schausteller-Familien haben aus der Not eine Tugend gemacht und eröffnen in Zuchwil einen Chilbi-Park. Der Gemeinde Zuchwil wird ein Kränzchen gewunden.

Urs Byland
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Von links: Hermann Haeseli, Mike und Andreas Bauer vor der grössten Rutsche der Schweiz.

Von links: Hermann Haeseli, Mike und Andreas Bauer vor der grössten Rutsche der Schweiz.

Solothurner Zeitung

«Als der Bundesrat den Lockdown verkündete, habe ich sofort umgeschaltet.» Mike Bauer ist Schausteller. Ohne Festivitäten oder Messen können auch keine Autoscooter, Rutschbahnen oder Schiessbuden aufgestellt werden. Mike und sein Vater Andreas Bauer übten sich fortan in Putzen, Schmieren oder Auffrischen ihrer Bahnen an ihrem Standort am Emmenweg in Zuchwil. Mike aber hatte eine Idee: «Wenn wir nicht irgendwohin fahren können und Bahnen aufstellen dürfen, warum bauen wir dann nicht an unserem Standort Bahnen auf. Unser Platz ist gross genug.» Die Idee für einen Pop-up-Freizeitpark für Familien ward geboren. «Mein Sohn hatte auch gleich einen Namen gefunden: Chilbi-Park Zuchu.»

Startschuss gab die Absage des Zürcher Knabenschiessens, eine der letzten Hoffnungen der Schausteller. Die St. Galler Olma ist ebenfalls abgesagt. Auch die Durchführung der Basler und der Luzerner Herbstmessen sowie weiterer Grossanlässe ist in Gefahr. «Jetzt müssen wir uns selbst helfen», sei das Motto gewesen, so Andreas Bauer. Gemeinsam mit befreundeten Schaustellern der Firmen Pilz, Dienger und Zanolla wurde der Chilbi-Park entworfen.

Pauschalbillette anstelle von Einzeltickets

In diesen Tagen wird er aufgebaut. «Das ist Millimeterarbeit», erklärt Andreas Bauer. Sechs Bahnen haben Platz gefunden, eher kleinere, geeignet für Familien mit Kindern: Take-off (Autoscooter), Niagara (Rutschbahn), Crazy Clown (Berg – und Talbahn), Piraten-Insel (Wasserbahn), eine Art Freestyle-Bahn und ein Karussell. «Wir wollen ein Familienpark sein.» Ein Gastronomieangebot soll nicht fehlen und statt einzelne Eintritte bieten die Schausteller Pauschaltickets an. Kinder zahlen 25 Franken, Jugendliche 19 Franken – «es hat für sie weniger Bahnen» – und Erwachsene 10 Franken. «Ich denke, das sind faire Preise. Dafür dürfen alle Bahnen unbeschränkt benutzt werden».

Aufbau für den Chilbi-Park Zuchwil
5 Bilder
Der Park ist vom 20.Juni bis 30.August jeweils am Mittwoch, Samstag und Sonntag geöffnet.
Vom 4.Juli bis zum 16.August kann der Park täglich besucht werden.
Die Achterbahn Crazy Clown im Aufbau
Auf dem Platz steht auch die grösste transportable Rutschbahn der Schweiz.

Aufbau für den Chilbi-Park Zuchwil

zvg

Der Chilbi-Park hat ein Schutzkonzept, ausgearbeitet vom weltweiten Verband und angepasst an die Begebenheiten vor Ort in Zuchwil. Dazu gehören beim Anstehen genügend Abstand oder die Belegung nur jedes zweiten Sitzplatzes. «Wir werden auch mehrmals täglich alles desinfizieren.» Die Eingabe an die Gemeinde Zuchwil wurde innert kürzester Zeit bearbeitet. «Ich muss der Behörde ein Kränzchen winden. Eigentlich müsste man ja Monate vor dem Termin eine Anfrage machen.» Auch die Polizei habe das Gelände bereits angeschaut. Parkieren darf man auf der nahen Langfeldstrasse. Eingesetzt werden Verkehrskadetten.

Schausteller Hermann Haeseli aus Kleinlützel ist ebenfalls auf dem Platz und bereitet seine Anlage für das Entenfischen vor. Die Familie Haeseli ist bereits in sechster Generation an Jahrmärkten unterwegs. Seine heute 93-jährige Mutter Irene, Grande Dame der Branche, habe ihm erklärt, so Hermann Haeseli, dass die Lage während des Zweiten Weltkrieges weniger gravierend war als heute. «Damals konnten die Schausteller trotzdem noch reisen und ihre Bahnen in den Dörfern aufbauen.»

Hinweis: Chilbi-Park Zuchu, Emmenweg 23, von 20. Juni bis 30. August. 4. Juli bis 16. August täglich von 12 bis 20 Uhr offen. Davor und danach: Mi 14–18 Uhr, Sa 14–20 Uhr und So 12–20 Uhr.

«Für uns wird es eng»

«Für uns Schausteller wird es finanziell sehr eng», sagt Andreas Bauer. Seine Angestellten erhalten Kurzarbeitslohn. Er als Inhaber bekomme eine geringe Summe Erwerbsersatzentschädigung. «Das reicht gerade fürs Essen und für die Begleichung der Versicherungen.» Der Familienbetrieb arbeitet normalerweise mit Saisonniers aus Polen und Rumänien. «Wenn sie hier wären, könnte ich sie auch anmelden, aber sie sind in ihren Heimatländern und dürfen gar nicht ausreisen. Es tut mir sehr leid für sie. Es sind alles langjährige Mitarbeiter.» Die Möglichkeit, mit Darlehen die schwierige Zeit zu überbrücken, lehnt Bauer ab. «Wann sollte ich das je zurückzahlen können?»

Die Absage des Zürcher Knabenschiessens trifft die Branche schwer. Seit Start des Lockdowns ist der Schweizer Verband (Vereinigte Schausteller-Verbände der Schweiz) in Kontakt mit dem Bundesrat und versucht, Verständnis für die besondere Situation der Branche zu wecken. Gleichzeitig macht der Verband Vorschläge, wie der Betrieb wieder aufgenommen werden könnte. Wichtige Erfolge konnten verzeichnet werden. So werden einerseits die Sicherheitsnachweise für die Bahnen um sechs Monate verlängert, andererseits werden ausländische Inspektionsstellen automatisch anerkannt. Auf einen Brief von Lisa Zanolla, Vertreterin des Verbandes und Zürcher Kantonsrätin, antwortete Bundesrat Guy Parmelin am 19. Mai. Er sei sich bewusst, dass der Umsatzeinbruch gepaart mit laufenden Fixkosten für kleine und mittlere Unternehmen eine grosse Herausforderung darstelle. Er bot daraufhin eine Telefonkonferenz einer Staatssekretärin mit Vertretern der Schausteller am 25. Mai an.

Am 6. Juni informiert der Verband, dass der Bundesrat in einem Grundsatzentscheid die Schausteller als spezielle Härtefälle bezeichnet und dem Seco den Auftrag erteilt hat, bis zum 24. Juni ein Papier auszuarbeiten, wie den Betroffenen direkt und unbürokratisch mit nicht rückzahlbaren Beiträgen geholfen werden kann.