«Tochter» - durchgestrichen. «Sohn». So steht es auf Andrea von Aeschs Geburtsurkunde, die ein Arzt vor 50 Jahren ausfüllte. Damit ist sie aber nicht einverstanden. Andrea ist eine Transfrau. Bei Geburt wurde ihr das männliche Geschlecht zugeteilt – sie fühlt sich aber als Frau. Lange Zeit weiss das niemand, Andrea schämt sich. An Mittwochnachmittagen versteckt sie sich, während Klassenkameraden Fussball spielen. Geht heimlich an den Kleiderschrank der Mutter, bis der Vater sie erwischt.

Es gibt einen «Chlapf» und die Drohung: «Wenn Du das noch einmal machst, kommst Du ins Kinderheim.» Andrea wird Teenager, fühlt sich «pervers», will «Mann spielen». Sie macht das Militär, fährt Lastwagen. «Ändu» nennen sie ihre Freunde. Als «Ändu» lernt sie auch die fünf Jahre ältere Verkäuferin Nelly kennen und heiratet. Heimlich zieht die Carchauffeurin aber immer noch Frauenkleider an, auf nächtlichen Spaziergängen oder während Aussendiensteinsätzen in Hotels. Stets mit dem Gedanken: «Niemand darf es wissen.»

Nicht mehr «nur verkleiden»

Heute trägt Andrea enge Hose und eine Bluse mit Blumenmuster. Nägel und Lippen sind rot. Ehefrau Nelly sitzt daneben ihr am Küchentisch in Biezwil, legt Andrea beim Reden oft die Hand auf den Arm, lacht viel und laut. Wenn sie über Andrea redet, spricht sie von «ihr». Im Ausweis von Andrea steht Frau von Aesch. Andrea geht als Frau durchs Leben, nachdem sie sich Jahre versteckt hatte. Auch vor Nelly. Bis diese eines Tages Kleider von Andrea findet.

Sie führen das erste «grosse Gespräch», wie es die Carchauffeurin nennt. Nelly ist schockiert. Sie bleiben aber zusammen, weil sie «das Herz, und nicht den Körper lieben». Auch in den Jahren, als Andrea sich nur zu Hause als Frau anzieht. Erst über 10 Jahre später, nach einem Selbstmordversuch, geht Andrea raus, zum ersten Mal als Frau, an ein Trans-Treffen in der Region. Ein Entscheid, der zum nächsten grossen Schritt führt: «Ich will mich nicht mehr nur verkleiden.»

Hormone und Logopädie

Als sich Andrea vor zwei Jahren outet stehen «grosse Gespräche» mit Freunden, Familien, dem Chef an. Die Chauffeurin ist jeweils so nervös, dass sie die Nacht zuvor kaum schlafen kann. Bevor sie als Frau aus der Wohnung geht, schaut sie, ob Nachbaren sie sehen könnten. Vor dem Einkaufen traut sie sich oft während Minuten nicht, aus dem Auto im Parkhaus zu steigen.

Mittlerweile wissen es alle. Andrea nimmt seit zwei Jahren Hormone und hat sich den Bart weglasern lassen. Auch geht sie einmal in der Woche zur Logopädin. Beim Vorstellen sagt sie «Andrea, Carchauffeurin aus Leidenschaft, über 2 Millionen Kilometer unfallfrei». Als Frau fahre sie schliesslich genau so gut, wie als Mann. Ihre Fahrgäste überrascht sie aus Witz manchmal mit einem «Jetzt isch aber Ruei» in ihrer tiefen Männerstimme. Schiefe Blicke bemerke sie gar nicht. Nur Nelly flüstert manchmal: «Hesch gseh, wie die gluegt hei?», wenn sie zusammen unterwegs sind.

480 Emails, Post von der Kirche

«Ich bin stolz darauf, trans zu sein», sagt Andrea. In all den Interviews, die sie und Nelly geben, seit das SRF einen Dokumentarfilm über die beiden zeigte. Nun wird Andrea auf Carfahrten bis ins Tessin erkannt, von Fremden umarmt, für ihren Mut gelobt. Obwohl das Fernsehen sie auch vor schlechten Rückmeldungen gewarnt hatte. Hasskommentare oder Drohbriefe? Fehlanzeige. 480 Mails, alle positiv, hat sie nach dem Film erhalten. Und noch etwas stolzer fügt sie hinzu, dass sie alle beantwortet habe. Die einzig negative Rückmeldung kam in Briefform, von einem Kirchenmitglied. Die viel Kraft wünschte, aber erklärte, für sie bestehe die Welt aus Männern und Frauen. Trans gibt es nicht. Andrea faltet schulterzuckend die Hände.

SRF Dok: «Das Geschlecht der Seele – Transmenschen in der Schweiz»

Während des Gesprächs ruft ein Arbeitskollege an, den Andrea seit Jahren kennt, und der sie ganz normal noch «Ändu» nennt, weil die Person für ihn dieselbe geblieben ist. So reagierte der grösste Teil des Umfelds der von Aeschs. Aber nicht alle. Zu beiden Schwestern und dem besten Freund hat Andrea keinen Kontakt mehr. «Traurig», sagt sie, «wegen so einer Kleinigkeit.»

Diese «Kleinigkeit» – das Geschlecht wird laut Andrea überbewertet. Aber auch sie legt Wert darauf. Sich «zwäg machen», Shoppen, Weinen bei einem Film – als Mann habe sie das Gefühl gehabt, das nicht zu dürfen. Deshalb will sie diesen letzten Schritt zur Frau, eine Geschlechtsoperation, machen. Und Nelly? Sie bleibt bei Andrea. Aber: «Dann verliere ich das letzte bisschen Ändu», sagt sie. Beide schweigen.

Papierkram als «Schikane»

Andrea und Nelly sagen, sie bereuen nichts. Ausser: «Wir hätten wohl freier sein sollen», sagt Nelly. «Weniger Angst haben», ergänzt Andrea, früher outen. Diskriminiert wurde sie nie – zumindest nicht direkt. Als Schikane empfindet sie die administrativen Hürden als Transfrau.

Den Namen ändern lassen ging schnell. Kostete aber 380 Franken. Der Krankenkasse musste sie erklären, wieso sie «erst jetzt» Frau werden will, und die Laserbehandlung wurde nicht übernommen, weil sie nicht beim «richtigen» Arzt gewesen sei.

4000 Franken hat Andrea für Formalitäten wie Personalstandänderung ausgegeben. Dafür musste sie vor Gericht. Mit einem fast 40-seitigen Dossier, psychiatrischen Gutachten und einer schriftlichen Bestätigung, dass die von Aeschs keine Scheidung wollen – die ist nötig, weil es in der Schweiz die gleichgeschlechtliche Ehe nicht gibt. «Erniedrigend», sagt Andrea.

«Dann sitze ich dort auf dem Anklagestuhl, obwohl ich nichts falsch gemacht habe, und muss mich erklären.» Weil sie ändern wolle, was ein Arzt bei der Geburtsurkunde eingetragen hat. «Und was dort steht, war nicht meine Entscheidung.»