Amtsgericht

Ist der Angeklagte das eigentliche Opfer des Familienstreits?

Handelt es sich bei S. um einen Angeklagten, der nie zugeschlagen hat? (Symbolbild)

Handelt es sich bei S. um einen Angeklagten, der nie zugeschlagen hat? (Symbolbild)

Mario S. wird von seiner Nichte und deren Ehemann beschuldigt, Drohungen ausgestossen und Gewalt verwendet zu haben. Zu einem Urteil in diesem Familienstreit kam es nicht. Es bleibt offen, ob S. in Wahrheit Opfer in diesem Fall ist.

Gewalt in der Familie ist ein unschönes Thema. Doch die Justiz wird immer wieder damit konfrontiert. So auch das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt diese Woche. Vor Gericht stand Mario S., der von sich sagte: «Ich war nie aggressiv.» Im Gegenteil: Er sah sich als Opfer im Familienstreit, über den das Gericht zu urteilen hatte.

Mario S.* musste nach den Handgreiflichkeiten nämlich ins Spital. Wer ist Opfer und wer ist in dieser Geschichte Täter? Klar war vor Gericht erst einmal nur, dass Mario S. angeklagt war. Er musst sich wegen Raufhandels verantworten.

Privatkläger waren seine Nichte, Anna T., und deren Ehemann Luca T.. Das Ehepaar erzählte seine Version der Geschichte: Mario S. und seine Frau hätten den Wunsch geäussert, die Kinder von Luca und Anna T. wieder einmal zu sehen und zu Besuch zu kommen. Anna T. habe dies abgelehnt und nach eigenen Aussagen habe ihr Mario S. daraufhin Beleidigungen per SMS zukommen lassen.

Gegen Abend sei er dann trotzdem bei der Familie aufgetaucht und es kam zum Streit: Der Beklagte soll Anna T. beschimpft und bedroht Schliesslich habe sich S. geweigert, zu gehen, und sei aggressiv geworden. Die Tätlichkeiten eröffneten jedoch nicht Mario S., sondern Luca T. und sein Schwiegervater.

Als Mario S. zu Wort kam, erklärte dieser umgehend: «Ich war nie aggressiv». Er habe nie Gewalt anwenden wollen und habe nie Streit gesucht. Luca T. und dessen Schwiegervater seien auf ihn losgegangen, Luca T. habe ihn mit einer Kopfnuss zu Fall gebracht. Ganz benommen von dem Schlag habe er weitere Schläge gegen die Schläfe durch den Schwiegervater einstecken müssen. Dies hätte zur Folge gehabt, dass er längere Zeit im Spital bleiben musste und während drei Wochen arbeitsunfähig gewesen sei.

«Flucht nach vorne»

Mario S. bestritt zudem die Beleidigungen per SMS, da er zu diesem Zeitpunkt gar nicht über ein Telefon verfügt habe. Gemäss seines Strafverteidigers Lehmann sei Mario S. lediglich das Opfer dieses Familienstreits geworden und für Luca T. sei diese Anzeige «eine Flucht nach vorne.» Gemäss allen Zeugen sei lediglich der Kläger handgreiflich geworden, nicht aber der Beklagte Mario S.

Luca T. meinte darauf nur, mit dem Besuch bei der Familie habe Mario S. diese Eskalation klar provoziert. Darauf stieg das Gericht nicht ein. Amtsgerichtspräsident Ueli Kölliker folgte dem Antrag des Verteidigers und sprach Mario S. frei. Zur Erfüllung des Tatbestandes auf Raufhandel bedürfe es mindestens dreier Personen, die wechselseitig Tätlichkeiten ausführten.

Gemäss der Aussagen aller Zeugen seien jedoch keine Tätlichkeiten von Mario S. ausgehend erwiesen und er könne sich somit auch nicht des Raufhandels strafbar gemacht haben, so Kölliker. «Sie alle sollen nun versuchen, als grosse Familie zusammenzuleben», das Strafrecht sei dazu nicht das geeignete Instrument.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1