Luterbach
Integration in der Schule gelingt nur, wenn alle helfen

Seit zehn Jahren nehmen behinderte Kinder am Regelunterricht in der Primarschule Luterbach teil. Das Experiment ist gelungen. «Integration gelingt nur mit allen», weiss die Heilpädagogin.

Beatrice Kaufmann
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Joshua und Hannes nehmen am normalen Unterricht teil und werden von ihren Klassenkameraden als Mitschüler akzeptiert.

Joshua und Hannes nehmen am normalen Unterricht teil und werden von ihren Klassenkameraden als Mitschüler akzeptiert.

Hanspeter Bärtschi

Yaël zeigt auf den Falz in der Zeitung: «Du musst hier schneiden.» Vorsichtig setzt Joshua die Schere an und beginnt mit der Arbeit. Für die Mädchen am Tisch ist es ganz normal, dass sie ihrem Freund unter die Arme greifen. Eine Selbstverständlichkeit, die für Joshua von grosser Wichtigkeit ist. Der 13-Jährige hat Trisomie 21, besser bekannt als «Down Syndrom», und ist auf Unterstützung angewiesen.

Heilpädagogin Eliane Koeninger ist derweil bei Hannes, der hochkonzentriert seine Papierstreifen zu einem Korb flicht. Auch er hat ein Handicap: Hannes leidet unter Neurofibromatose Typ 1 und starker ADHS, kann sich dank Ritalin aber gut konzentrieren. Im Rechnen und Schreiben zeigt er Mühe, Werken aber ist seine Stärke. Entsprechend ist er schon viel weiter als die anderen. Und so zeigt Werklehrerin Barbara Beer heute an seinem Werk die nächsten Arbeitsschritte vor. Trotzdem: Hannes ist nicht zufrieden. «Es sieht nicht so schön aus.», klagt er. «Der Streifen hier ist dicker als die anderen», fällt Koeninger auf. Und schon macht sich Hannes ans Ausbessern.

10 Jahre erfolgreiche Integration

Was nach Sonderschule klingt, ist normaler Alltag in der 5./6. Klasse der Primarschule Luterbach. Das Behinderungsgleichstellungsgesetz fordert die Integration behinderter Kinder, was in Luterbach seit zehn Jahren gelingt, wie Schulleiterin Katrin Kurtogullari-Rentsch mit Stolz erzählt. Zum Jubiläum will die Schule via Medien ihre Erfahrungen teilen. «Es geht aber nicht darum, nur vom Schönen zu berichten.» Integration gelingt nicht mit gutem Willen alleine.

In der Klasse, die wir heute besuchen, hat das Experiment aber funktioniert. Hannes und Joshua sind selbstverständliche Teile der Klasse. Auch wenn es für Hannes etwas schwieriger ist, als für Joshua. «Seine Behinderung ist nicht sichtbar», so Koeninger. Sein Anderssein sei für Mitmenschen schwieriger einzuordnen und führe vor allem in der Pause zu Konflikten. «Wir müssen aufpassen, dass keine Stigmatisierungen auftreten.» Die Klärung solcher Situationen ist bisher meist gelungen. Hätte trotz aller Bemühungen einer der Buben die Klasse verlassen müssen, stände ein Platz in einer Sonderschule zur Verfügung. Dorthin gehen die Jungs nun aber erst nach den Sommerferien, ab der 7. Klasse.

«Das kann eine Veränderung bewirken»

Der Schulbesuch in Luterbach widerspricht den Schreckgespenstern zum Thema Integration. Hannes und Joshua sind sehr gut integriert und der Unterricht verläuft erstaunlich störungsfrei, auch angesichts dessen, dass die Sommerferien nahen. Wieso aber funktioniert die Integration hier so gut? Kurz gesagt: Die vielen Akteure, die für die Integration der behinderten Kinder kämpfen, müssen zusammenarbeiten, offen für Neues sein und einander vertrauen. «Am ersten Elternabend informiere ich jeweils ausführlich darüber, was die Klasse erwartet», so Koeninger. Dabei zeigten sich die Eltern meist offen. «Mir haben Eltern schon gesagt, sie freuten sich, ihrem nichtbehinderten Kind diesen Kontakt zu ermöglichen.»

Koeninger ist sich denn auch sicher: «Das kann eine Veränderung in der Gesellschaft bewirken.» Weiter profitiert die Klasse davon, dass sie zeitweise von zwei Lehrpersonen unterrichtet wird. Nicht zuletzt kann die Heilpädagogin mit ihrer handlungsorientierten Sichtweise den kopflastigen Unterricht aufbrechen. «Wir haben zum Beispiel einen Pausenkiosk gemacht.»

Aus diesem Projekt hat sich letzten Winter ein «Wiehnachtsstübli» entwickelt. «Dort konnten Lehrer und Eltern der Klasse für zehn Franken mittagessen.» Den Erlös spendete die Klasse «Jeder Rappen zählt» und reiste dafür persönlich nach Luzern. Koeninger gerät ins Schwärmen, als sie davon erzählt. Der Gänsehautmoment: «Einige Kinder kamen danach zu uns und haben sich für das Projekt bedankt.»

Es braucht genügend Ressourcen

Neben Zusammenarbeit müssen genügend Ressourcen zur Verfügung stehen, wie Klassenlehrer Giorgio Ranfaldi festhält. Obwohl Joshua mehr Unterstützung benötigt als Hannes, haben beide vier bis acht Lektionen für spezielle Betreuung zugute. Dass sie die gleiche Klasse besuchen, ist also ein Glücksfall, denn so kann Koeninger Ranfaldi während 14 Lektionen unterstützen. «Es ist wichtig, dass die Mehrbelastung nicht zu hoch wird.»

Nicht zuletzt passen Hannes und Joshua gut zusammen, wie Ranfaldi lächelnd erzählt. «Hannes hat mit Joshua die Namen der Klasse gelernt und mit ihm Treppensteigen geübt.» Auch Platz hat es in der Schule genügend. Separation wird möglichst vermieden, denn «Integration gelingt nur mit allen», so Koeninger.

Trotzdem gibt es Einzelstunden, so wie heute: Joshua rechnet, während die anderen Kinder weiter werken. Er hinkt den Gleichaltrigen deutlich hinterher und braucht alle seine Sinne, um die gestellten Rechnungen zu lösen. So wird mit Hölzchen gerechnet, Zehnerzahlen schreibt die Heilpädagogin auf Joshuas Hände. Mit diesen Mitteln gelingt es Joshua etwa, 370 plus 40 zu rechnen. Etwas zittrig aber sichtlich stolz schreibt er «410» an die Wandtafel. Diese Selbständigkeit zu fördern, sei sehr wichtig, so Koeninger. «Auch Menschen mit einer Behinderung wollen selbstbestimmt leben.»

«Eine geniale Erfahrung»

Vor einigen Wochen haben die Schule und die Eltern von Joshua und Hannes auf die letzten zehn Jahre zurückgeblickt. Wie das Gesprächsprotokoll festhält, würden alle Beteiligten die Kinder wieder in die Regelklasse einschulen. Hannes habe sich sehr wohlgefühlt und «eine Sonderschule war für uns kein Thema», sagte seine Mutter. Joshua hätte vielleicht in einer Sonderschule mehr gelernt, «hier aber gehört er voll dazu und wird vom ganzen Dorf akzeptiert», hielten Joshuas Eltern fest.

Für den Klassenlehrer waren diese zwei Schuljahre sehr herausfordernd: 25 Schulkinder in einer gemischten 5./6. Klasse mit zwei integrierten Sonderschülern. Giorgio Ranfaldi beschreibt die Zeit rückblickend als «enorm intensiv und anstrengend». Gleichzeitig sei es «eine geniale Erfahrung» gewesen, die er nicht missen möchte. «Ich würde wieder ja sagen.»