Sie tanzen auf zwei Hochzeiten. Denn Markus Gisler und seine zwei Geschäftspartner und Freunde Terence Hänni und Daniel Sägesser bearbeiten mit ihrer Megasol AG in Deitingen einen schwierigen Markt, welcher eine besondere Strategie erfordert: Das Geschäft mit Solarmodulen war bis vor kurzem ein Boommarkt für Hightechbetriebe, inzwischen mutierte das Photovoltaik-Modul zum Massengut. Solarmodule insbesondere aus China und weiteren asiatischen Ländern überschwemmen den europäischen Markt. Einige grosse deutsche Hersteller mussten angesichts des Preiszerfalls kapitulieren.

Das soll Megasol nicht passieren, deshalb der Tanz auf zwei Hochzeiten, wie Firmengründer Markus Gisler lachend erklärt. Er, der bereits als zwölfjähriger in der Garage seiner Eltern mit Photovoltaik experimentierte und 1993 die Megasol gründete. Erste Produkte waren Ladegeräte, Strassenlampen und Gartenleuchten, die alle mit Sonnenenergie funktionierten. Heute ist er 34-jährig, hat ein Hochschulstudium in Mikrotechnik an der EPFL in Lausanne absolviert und führt mit der Megasol AG ein Unternehmen mit rund 200 Angestellten.

Standardmodule in China . . .

Den ersten Tanz bestreiten die Jungunternehmer in China. Dort fertigt Megasol seit 2004 mit 120 Mitarbeitenden in einer eigenen Produktionsstätte standardisierte Solarmodule. «Wir waren einer der ersten Hersteller in China», blickt Gisler zurück. Im Nachhinein sei das fast ein wenig naiv gewesen. «Aber wir hatten Glück und den richtigen chinesischen Partner gefunden», begründet er, warum die in China vergleichsweise kleine Firma immer noch am Markt ist.

Man habe die Kapazitäten nicht uferlos ausgebaut und letztlich wegen Überkapazitäten die Module zu Dumpingpreisen absetzen müssen. Die dort fabrizierten Module werden kostendeckend und weltweit verkauft.

. . . und Spezialitäten in Deitingen

Der Tanz auf der zweiten Hochzeit geht in der Schweiz über die Bühne. Derzeit wird die Produktion von Spezialitäten von Langenthal nach Deitingen verlagert (wir berichteten). Die Übersättigung im Markt für Standard-Module sei absehbar gewesen, begründet Gisler die Konzentration auf Nischenmärkte.

Auf der in Deitingen aufgebauten automatisierten Produktionsstrasse werden Panels in unterschiedlichen Farben, Formen und Leistungsklassen gefertigt. In den sogenannten Glas-Glas-Modulen werden die Solarzellen einlaminiert, sozusagen mit hohen Temperaturen eingebacken. Das sichtbare Frontglas sei stark lichtdurchlässig und beliebig gestaltbar, die Solarzellen blieben in diesem Modul-System unsichtbar. «Das ist eine Weltneuheit, die wir in der Schweiz industriell fertigen.»

Diese Solarmodule mutieren so zum Baustoff für die Gebäudehülle und sie können direkt in Gebäuden verbaut werden. Gisler zeigt ein Stück einer Aussenfassade, die aussieht wie eine Marmorplatte. Dahinter steckt aber ein kleines Photovoltaik-Kraftwerk. Weitere Anwendungsbereiche seien beispielsweise Solarziegel. Wegen der zusätzlichen Farbschicht sei die Leistung zwar etwas kleiner.

«Das spielt aber keine Rolle, denn die Solarfassade steht in Konkurrenz zu herkömmlichen Gebäudehüllen, die gar keine Energie produzieren», erläutert Gisler. Und trotz höherem Preis sei die Nachfrage sehr gross. Dank der langen Lebensdauer – bis zu 50 Jahren – und dem regelmässigen Ertrag in Form von Strom amortisiere sich eine Solarfassade relativ rasch. Die gebäudeintegrierte Photovoltaik sei sehr interessant für grosse Immobilienbesitzer wie Pensionskassen oder auch für Einfamilienhausbesitzer.

Der Grossteil dieser Hochleistungsmodule wird aber exportiert. Neben Europa steige die Nachfrage aus arabischen Ländern, wo beispielsweise sandsturmresistente Module gefragt seien. «Mit unserem Glas-Glas-System ist das kein Problem.» Dasselbe gelte für Projekte in Südamerika, wo in den Tropenzonen die Elemente der hohen Feuchtigkeit trotzen müssen.

Die Nachfrage nach solchen Solarpanels mit fast beliebigen Anwendungsmöglichkeiten sei so gross, dass der Standort Langenthal für die 2013 aufgenommene Produktion bald aus allen Nähten platzte. Das sei der Hauptgrund für den Wechsel nach Deitingen, wo sich die Produktionsfläche um den Faktor 4 erhöht. Um die im Vergleich zum Ausland höheren Produktionskosten wettzumachen, setzt Megasol voll auf Automation. Gisler vergleicht die Fertigungstechnik mit der Automobilindustrie. «Die Solarmodule laufen auf unserer Produktionsstrasse industriell gefertigt ab Band, sind aber trotzdem individuell nach Kundenwunsch gestaltet.»

In Deitingen will Megasol demnächst weitere Millionen in eine zweite Produktionsanlage investieren, blickt Gisler voraus. «Bis heute war unser Wachstum nicht aufgrund mangelnder Nachfrage begrenzt, sondern wegen den erwähnten engen Platzverhältnissen.» Nach dem Zusammenzug der vier bisherigen Standorte von Wangen an der Aare (Entwicklung, Verkauf, Administration), Langenthal (Produktion), Wiedlisbach (Logistik) und Zuchwil (Aussenlager) wird Megasol in Deitingen 80 Mitarbeitende beschäftigen. Bis in fünf Jahren sollen es rund 200 Angestellte ein. Den Umsatz gibt Megasol nicht bekannt.

«Immer zwei Schritte voraus»

Um diese ehrgeizigen Ziele in einem schwierigen, auch von externen Entwicklungen (KEV, Energiewende, globale Klimapolitik) beeinflussten Markt erreichen zu können, gibt es für den «Tüftler» mit viel Ausdauer nur einen Weg: «Wir müssen dem Markt immer zwei bis drei Schritte voraus sein.» Es gelte, die Innovationsrate hochzuhalten, stetig bestehende Produkte verbessern und die Produktepalette mit Neuheiten zu ergänzen. Nur so erleidet der Tanz auf zwei Hochzeiten nicht Schiffbruch.